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„Nippon Connection“ : Blick nach Osten

Gewalt und Schönheit: Szene aus Toshiaki Toyodas Film „I’m Flash!“. Bild: Nippon Connection

Yakuza, Zen und Karaoke: Nächste Woche beginnt in Frankfurt das Filmfestival „Nippon Connection“.

          Tee oder Sake, Massage oder Schwertkampf? Karaoke, Kochen oder Kino? Es sind Fragen, die manchen Besucher von „Nippon Connection“ Jahr für Jahr verzweifeln lassen. Schließlich sollen bei einem solchen Festival die Filme im Zentrum der Betrachtung stehen. An Möglichkeiten dazu mangelt es nicht bei mehr als 130 kurzen und abendfüllend langen Filmen aller Genres, die in den nächsten Tagen über die Leinwände flimmern werden. Doch bei „Nippon Connection“ war schon immer alles ein bisschen anders. Nicht dass das Programm etwas zu wünschen übrig ließe bei der 13. Ausgabe des ganz dem japanischen Film vorbehaltenen Festivals, das vom 4. bis zum 9. Juni in Frankfurt stattfindet, im Gegenteil.

          Christoph Schütte

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Allein der Wettbewerb um den mit 2000 Euro dotierten, traditionell vom Publikum vergebenen „Nippon Cinema Award“ ist mit Yoshihiro Nakamuras „See You Tomorrow, Everyone“, mit dem das Festival am Dienstag eröffnet wird, vor allem aber mit Toshiaki Toyodas „I’m Flash!“, „For Love’s Sake“ von Kultregisseur Takashi Miike und „Outrage Beyond“, dem neuen Yakuza-Streifen von Altmeister Takeshi Kitano, fraglos so gut besetzt wie selten. Doch die kleine Gruppe von Studenten um Festivalleiterin Marion Klomfaß, die „Nippon Connection“ einst gegründet hat, wollte schon bei der Premiere im Jahr 2000 mehr als nur die Vorführung von ein paar im europäischen Verleih selten zu findenden Produktionen aus dem Kinowunderland Japan.

          170.000 Euro Etat

          So finden sich unter den rund 16.000 Besuchern, die an den nunmehr sechs Festivaltagen auch dieses Jahr in das neue Festivalzentrum im Künstlerhaus Mousonturm, die Naxoshalle und das Kino „Mal Seh’n“ strömen dürften, immer auch solche, die sich nicht nur für Anime und Fantasy, Splatter-, Horror- oder Yakuza-Filme begeistern, sondern vielleicht mehr noch für Mangas, Zen, die traditionelle Teezeremonie oder die in aller Regel ziemlich abgedrehten Konzerte japanischer Punkbands. All das macht seit jeher den Reiz und die einzigartige Atmosphäre bei „Nippon Connection“ aus.

          Darüber hinaus haben es die Veranstalter des nach wie vor ehrenamtlich organisierten und mit einem Etat von rund 170.000 Euro nicht eben üppig ausgestatteten Festivals von Anfang an verstanden, das Programm klug zu differenzieren und zu erweitern. Schon in den vergangenen Jahren sind zu der bewährten Reihe „Nippon Cinema“ ein eigenes Angebot für Kinder und eine Reihe für digitale Produktionen hinzugekommen, ganz zu schweigen von der verdienstvollen Retro-Reihe im Kino des Deutschen Filmmuseums, die in diesem Jahr dem mit „Panic High School“ 1976 über Nacht als „Cyberpunk“-Regisseur berühmt gewordenen Sogo Ishii gewidmet ist.

          Ein erstes Bild vom Ausmaß des Supergaus

          Dieses Jahr gibt es mit der ganz dem Trickfilm vorbehaltenen Sektion „Nippon Animation“ eine weitere überfällige Neuerung. Auch hier ist es den Veranstaltern gelungen, die Reihe mit Mamoru Hosodas „Wolf Children“ oder „A Letter to Momo“ vom „Jin-Roh“-Regisseur Hiroyuko Okiura sogleich auf gehobenem Niveau zu etablieren. Und schließlich ist die Reaktorkatastrophe von Fukushima zwei Jahre nach dem Erdbeben und dem verheerenden Tsunami im Programm von „Nippon Connection“ präsenter denn je.

          Schon im vergangenen Jahr gab es mit der vom Sendai Short Film Festival in Auftrag gegebenen Kurzfilmrolle „3.11 Tomorrow“ und Toshi Fujiwaras „No Man’s Zone“ erste Arbeiten zu sehen, die sich ein Bild vom Ausmaß und den Folgen des Supergaus zu machen trachteten. Jetzt haben mit Nobutero Uchidas „Odayaka“, Sion Sonos als Science-Fiction inszeniertem „The Land of Hope“ und Ian Thomas Ashs am Festivalfreitag als Weltpremiere gezeigter Dokumentation „A2“ weitere aktuelle Produktionen in das Programm gefunden, die mit den Mitteln des Spielfilms oder teilnehmender Beobachtung zumindest eine Ahnung von jenem Trauma zu vermitteln suchen, das die ganze japanische Gesellschaft womöglich auf Jahre und Jahrzehnte in ihren Grundfesten erschüttert hat.

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