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Night of the Proms : Ohne Ecken und Kanten

  • -Aktualisiert am

Makellos: Peter Cetera, Gründungsmitglied der amerikanischen Rockband Chicago Bild: Braunschädel, Michael

Zwei Abende bespielt das Musikspektakel Night of the Proms die Frankfurter Festhalle. Das Unterhaltungsprogramm setzt auf Tradition, einige Neuerungen wurden aber unternommen.

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          Wenn es vorbei ist, ist es vorbei. So kommentiert Roger Hodgson (67), einstiger Co-Gründer, Frontmann und Hitautor der britischen Formation Supertramp, 34 Jahre nach der Trennung im Streit die Chance auf eine Wiedervereinigung. Ganz ähnlich argumentiert auch Musikerkollege Peter Cetera (73), einst Sänger, Bassist, Komponist und Gründungsmitglied der amerikanischen Rockband Chicago. Ausschließlich des Geldes wegen würde er mit seinen alten Kumpanen, von denen er sich 1985 im Disput trennte, noch einmal gemeinsam eine Bühne entern – doch genau das will er eben nicht.

          Nun dienen beide Veteranen als Co-Headliner beim alljährlichen Musikspektakel Night Of The Proms, das an gleich zwei Abenden die Frankfurter Festhalle füllt. Es ist ein gigantischer Tourneetross, den 1984 erstmals die belgischen Studenten Jan Van Esbroeck und Jan Vereecke in Bewegung setzten. Zehn Jahre später ging dieser Tross mit dem Orchester Il Novecento, dem Chor Fine Fleur sowie einigen Stargästen, die seither in jedem Jahr wechseln, auch hierzulande auf große Fahrt. Es ließe sich auf das längst schon zur Tradition gewordene geballte Unterhaltungsprogramm also durchaus der Dialog aus „Dinner For One“ anwenden, wenn der getreue Butler James fragt: „The same procedure as last year, Miss Sophie?“, und die Herrin ihm antwortet: „The same procedure as every year, James.“

          „Ich bin der Neue“

          Nein, nicht ganz. Gab es doch beim gesellschaftlichen Stelldichein, wo Symphonisches Pop, Rock und Artverwandtes unterfüttert, Alt und Jung zusammenkommen und festliche Roben auf Jeans und Leder treffen, einige Neuerungen. Das Orchester Il Novecento heißt jetzt Antwerp Philharmonic Orchestra, anstatt Robert Groslot dirigiert seit vergangenem Jahr die ganz in Schwarz gehüllte Alexandra Arrieche, das Chortrio Pretty Vanillas singt die Harmonien, und die begleitende Rockband nennt sich nun NOTP Backbone. Ein zumindest für die Tourstation Frankfurt neuer Moderator stellte sich nach dem Auftakt mit der Ouvertüre des oscarprämierten Musicalfilms „La La Land“ auch vor: „Ich bin der Neue“, flötete Marcus Fahn ins Mikrofon, der von seinem Vorgänger Markus Othmer aber den Hang zu flachen Pointen übernommen hat. Eine weitere Veränderung war recht bald zu hören: Der Klassik-Anteil am Programm hat merklich abgenommen. Auszugsweise oder nur noch angespielt, erklangen Ludwig van Beethovens „4. Sinfonie“, Pjotr Iljitsch Tschaikowskis „Romeo & Julia“, Edvard Griegs „In The Hall Of The Mountain King“ sowie Wolfgang Amadeus Mozarts Arrangement von Georg Friedrich Händels Oratorium „Der Messias“.

          Um danach erst einmal Stimmung unters zwar feierwillige, aber noch hüftsteife Volk zu bringen, durften die Rapper Mateo Jasik, Johnny Strange und Don Cali samt DJ Chino con Estilo alias Culcha Candela ran. Mit südamerikanischem bis karibischem Flair becircten sie das Publikum. Arme und dann auch Hintern hoch, lautete das Credo der Berliner Animateure. Einer recht belanglosen Hommage an die Musik in Zeichentrickfilmen folgte die in der Ellen-DeGeneres-Show als Wunderkind präsentierte amerikanische Pianistin Emily Bear. Die erwies sich als fingerfertige Virtuosin, die im gläsernen Quader majestätisch von der Decke hing und Richtung Auditorium schwebte. Mit Pop, Klassik und der Fähigkeit, die traumatischen Erlebnisse eines Besuchers in Improvisationen umzusetzen, faszinierte die gerade einmal 16 Jahre alte Pianistin.

          Peter Cetera konzentrierte sich dann kurz vor der Pause auf die Chicago-Hits „If You Leave Me Now“, „You’re The Inspiration“ und „Hard To Say I’m Sorry“. Er zeigte dabei ein makelloses Stimmtimbre wie ebenso makellose Zahnreihen. Nach der Pause kehrte Cetera mit einem Medley zurück: „Glory Of Love“ schnulzte ordentlich, während „25 Or 6 To 4“ demonstrierte, welch famose Songs Chicago einst in ihren Anfangsjahren aufnahmen.

          Ex-Spice Girl Melanie C. alias Sporty Spice erwies sich danach mit drei ihrer eingängigen Solonummern als recht patent. Sie durfte auch noch für ein Duett mit John Miles ran, der wie in jedem Jahr am Flügel, an der Gitarre, am Mikrofon und bei der NOTP-Hymne „Music“ brillierte. Als mindestens ebenso facettenreich erwies sich der multiinstrumentale Roger Hodgson. Nicht nur, dass er seine Supertramp-Evergreens „School“, „Dreamer“, „Logical Song“, „Breakfast in America“ und „Give A Little Bit“ in den ursprünglichen Arrangements präsentierte. Auch seine Knabenstimme klang noch wie einst. Rasch abgehakt wurde dagegen das Finale mit einem Cover von Coldplays „Sky Full Of Stars“. Noch einmal wurde kollektiv gesungen und gewinkt, dann war der rundweg unterhaltsame musikalische Marathon ohne Ecken und Kanten vorbei.

           

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