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Niedrigwasser im Rhein : Unter dem Schiffsrumpf wird es eng

Trockengelegt: Der Rhein führt derzeit extrem wenig Wasser. Bild: Marcus Kaufhold

Die Folgen der Trockenheit werden immer dramatischer. Denn die Pegelstände des Rheins nähern sich ungewöhnlich schnell den Rekordwerten des Ausnahmejahres 2003

          Die Hitzerekorde des Jahres 2003 wurden in diesem Sommer zwar nicht übertroffen – aber die seit gut sechs Monaten anhaltende, extreme Trockenheit macht 2018 dennoch zu einem meteorologischen Ausnahmejahr. Und das hat Folgen: Die Pegelstände am Rhein fallen stetig und nähern sich inzwischen auf breiter Front den bisherigen Rekordmarken. Am Niederrhein haben sie diese an einigen Stellen schon unterboten. Im Rheingau unterschritt der Oestricher Rheinpegel gestern bei Rhein-Kilometer 518 die Marke von 60 Zentimetern. Und es geht rapide weiter bergab. Die Bundesanstalt für Gewässerkunde sagt für Sonntag einen Pegel von nur noch 50 Zentimetern voraus – am vergangenen Freitag waren es noch 70 Zentimeter gewesen. Der Pegelstand ist allerdings nicht identisch mit der größeren Tiefe in der Fahrrinne.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Besonders betroffen vom Wassermangel sind jene Menschen, die den Rhein überqueren wollen: Die Autofähre zwischen Niederheimbach und Lorch hat am Sonntag den Betrieb eingestellt, obwohl dieses Wasserfahrzeug eigens für Flachwasser gebaut wurde. Doch eine Quarzitader im Rheinstrom – ähnlich der am Binger Loch – erfordert beim Überfahren einen gewissen Wasserstand. Andernorts wie zum Beispiel zwischen Oestrich-Winkel und Ingelheim, ist es nicht der Fels im Strom, sondern der Sand am Ufer, der die Fahrt behindert.

          „Es wird langsam kritisch“

          „Es wird langsam kritisch“, bestätigt Fährunternehmer Michal Maul. „Wir schrubbern uns derzeit durch den Kies.“ Seine größte Sorge ist die Winkeler Bucht, die derzeit einer großen Sand- und Kiesbank gleicht. Dabei hat sein Unternehmen in den vergangenen zweieinhalb Jahren schon rund 200.000 Euro in den Niedrigwasserschutz investiert und in den zurückliegenden Wochen massiv gebaggert. Doch wenn die Pegel immer weiter fallen, dann hilft auch das nicht.

          Maul hat allerdings Glück im Unglück. Wenn die leicht gebaute Lorcher Flachwasserfähre trotz ihres geringen Tiefgangs von 45 Zentimetern dort nicht mehr fahren kann, dann kann sie nach Oestrich verlagert werden. Zum Glück für die Autofahrer im mittleren Rheingau, denn spätestens am Wochenende ist für Mauls 160 Tonnen schwere Autofähre „Michael“ mit ihrem Tiefgang von 95 Zentimetern endgültig Schluss. Derzeit kann Maul, der Sprecher des Fährbundes Mittelrheintal ist, bei der gesamten Überfahrt den Grund des Rheins sehen: „Das habe ich so noch nicht erlebt.“ Geringere Sorgen hat bisher die Bingen-Rüdesheimer-Schifffahrtsgesellschaft, weil die Wassertiefe an deren Anlegestellen deutlich größer ist. Aber auch Maul ist zuversichtlich, dass er mit der ausgeliehenen Lorcher Ersatzfähre bei noch weiter fallenden Pegelständen fahren kann.

          Schifffahrtsgesellschaft stellt Dienst ein

          Nach einer Umfrage Mauls unter seinen Kollegen ist nicht nur Lorch ein Opfer des Niedrigwassers. Auch andere Rheinfähren wie etwa jene die zwischen Mannheim und Altrip haben den Betrieb eingestellt. Andere haben für dieses Wochenende das Betriebsende vor Augen, beispielsweise in Kaub, oder sie können keine schweren Lastwagen und Traktoren mehr mitnehmen wie in St. Goar und in Mondorf bei Köln. Das Besucherboot zur Burg Pfalzgrafenstein im Rheinstrom ist ebenfalls nicht mehr in Betrieb.

          Unterdessen hat die Köln-Düsseldorfer Schifffahrtsgesellschaft eine Woche vor dem regulären Ende den Liniendienst zwischen Köln und Mainz eingestellt. „Es nützt uns nichts, auf dem Strom zu fahren, wenn wir nicht mehr anlegen können“, sagt KD-Sprecherin Nicole Becker. Die regelmäßigen Panoramafahrten seien davon aber nicht betroffen. Über wirtschaftliche Einbußen will die KD allerdings nicht klagen nach einem Sommer, der ideal für Ausflugsfahrten auf dem Rhein war. Becker spricht deshalb schon jetzt von einer sehr guten Saison für die KD, die auch durch das Niedrigwasser nicht mehr verhagelt wird.

          Transportleistung sinkt

          Das gilt für die Binnenschiffer mit Sicherheit nicht. Laut Wasserstraßen- und Schifffahrtsverwaltung sind es vor allem die niedrigen Wassertiefen bei Oestrich im Rheingau und bei Kaub im Mittelrheintal, die Sorgen bereiten. Die dortigen Pegelstände sind für die gesamte Schifffahrt auf dem Rhein entscheidend, denn alle Schiffe, die das Tal passieren wollen, können nur so viel an Ladung aufnehmen, dass sie noch über diese kritischen Stellen hinwegkommen. „Abladetiefe“ heißt das im Jargon der Binnenschiffer, und sie hängt von der Größe der einzelnen Schiffe und der Strecke ab. Größere Schiffe können ihren Laderaum derzeit nur noch zur Hälfte oder zu einem Drittel nutzen. Das bedeutet handfeste wirtschaftliche Verluste. Wegen des Niedrigwassers sind daher auch mehr, nicht weniger Schiffe unterwegs.

          Der Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt sieht im Niedrigwasser „grundsätzlich kein ungewöhnliches Ereignis“. Die Konsequenz sei, dass Schiffe nicht maximal beladen werden könnten, um Grundberührungen zu vermeiden. Dennoch gibt der Verband „Entwarnung“ im Hinblick auf die Versorgung der Industrie. Ware könne auf mehrere Schiffe verteilt oder späte ausgeliefert werden.

          Wegen der weiterhin anhaltenden Trockenheit steuern die Pegelstände des Rheins auf ein historisches Tief zu.

          Dennoch sinkt die Transportleistung des Rheins. Dass deshalb die Heizölpreise steigen werden, schließt Alexander von Gersdorff vom Mineralölwirtschaftsverbands nicht aus. Es sei aber schwierig, angesichts vieler Faktoren bei der Preisbildung den Anteil der Binnenschifffahrt zu beziffern. Klar sei allerdings, dass sich der Transport verteuere, wenn mehr Schiffe fahren müssten, um die gleiche Warenmenge zu befördern.

          Bundeswasserstraße in Gefahr

          Entspannung ist nicht in Sicht. Der Vorhersagedienst Wetter.net sieht für die bevorstehenden zehn Tage im Einzugsgebiet des Rheins „weit und breit kein Regengebiet in Sicht“. Ein Ausweichen auf Straße und Bahn ist mangels Kapazitäten in der Logistikbranche kaum möglich. Zumindest stellenweise gelingt allerdings der Umstieg auf die Schiene: Eine Sprecherin der Bahntochter DB Cargo bestätigt, dass es eine erhöhte Nachfrage für Kohletransporte gebe. Im August und September habe DB Cargo insgesamt 80 Güterzüge zusätzlich rollen lassen. Derzeit seien es noch zwei, die zwischen den Niederlanden und Deutschland pendelten.

          Erze, Steine, Kohle, Gas und Öl gehören seit jeher zu den wichtigsten Waren, die auf der Bundeswasserstraße transportiert werden. Nach Angaben der Wasser- und Schifffahrtsämter verkehren auf dem Mittelrheinabschnitt jährlich rund 50.000 Güterschiffe mit rund 60 Millionen Tonnen Ladung. Es gibt Prognosen, dass die Gütermenge sukzessive auf 75 Millionen Tonnen steige. Daher sollen auch für rund 60 Millionen Euro in den nächsten Jahren sechs Engstellen im Fluss beseitigt werden, damit eine durchgehende Wassertiefe in der Fahrrinne von mindestens 2,10 Meter erreicht wird.

          Dass sich die Pegel so schnell den Tiefstständen von 2003 nähern, ist besorgniserregend. Doch es kann noch schlimmer kommen. Am Pegel Mainz beispielsweise ist der Wasserstand des Rheins inzwischen auf weniger als 1,40 gefallen. Das ist weniger als 2011, aber noch ein Stück von 2003 entfernt, als es nur noch 1,24 Meter waren. Doch im Dezember 1962 waren es noch einmal sieben Zentimeter weniger, und der historisch niedrigste Wasserstand ist für den 2. November 1947 mit 1,10 Meter notiert. Vor 160 Jahren war der Rhein schließlich sogar so seicht, dass die Binger Schiffer dem Niedrigwasser einen Gedenkstein setzten.

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