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Extremes Niedrigwasser : Fährleute fürchten um ihre Existenz

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Folgen des Niedrigwassers: Eine uralte Branche fürchte um ihre Zukunft. Hier zwischen Oestrich-Winkel und Bingen. Bild: dpa

Der Klimawandel macht den Rhein-Fähren zu schaffen. Fährleute können nicht mehr über den Fluss fahren. Was für Folgen haben die niedrigen Pegelstände für die uralte Branche?

          Das extreme Niedrigwasser des Rheins entzieht einem fast 126 Jahre alten Fährbetrieb die Grundlage. „An diesem Freitag muss ich einem Mitarbeiter kündigen“, sagt der Besitzer der Mittelrheinfähre zwischen dem hessischen Lorch und dem rheinland-pfälzischen Niederheimbach, Michael Schnaas. Wenn das Wasser nicht wieder bald merklich steige, müsse er sein gesamtes Personal entlassen und abwarten. „Notfalls müsste ich die Fähre verkaufen und als Fährführer bei Kollegen unterkommen“, ergänzt der 52-Jährige, der seinen kleinen Betrieb in vierter Generation führt.

          Manche andere Rhein-Fähren haben ebenfalls zeitweise buchstäblich auf dem Trockenen gelegen - oder tun es noch. Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach sagt auch für die nächsten Tage bundesweit kaum Regen voraus - die Pegelstände verharren vorerst in der Tiefe.

          Anlegestellen müssen angepasst werden

          Die Betreiber der Fähre zwischen dem pfälzischen Altrip und Mannheim teilen mit: „Noch zwingt uns das historische Niedrigwasser, eine Pause einzulegen. Ein genauer Termin für eine Wiederinbetriebnahme ist leider noch nicht absehbar.“ Eine Spezialfirma ist laut Geschäftsführer Jürgen Jacob dabei, die Anlegestellen an beiden Ufern an die niedrigen Pegelstände anzupassen - auch um für künftigen Wassermangel gewappnet zu sein. Zudem werde ohnehin in den kommenden zwei Jahren eine neue Fähre mit weniger Tiefgang angeschafft. „Ich bin 62 Jahre alt und am Rhein aufgewachsen - so ein Niedrigwasser habe ich noch nie erlebt“, wundert sich Jacob.

          Noch in den neunziger Jahren haben die Fährbetriebe des Rheins eher mit extremem Hochwasser mitsamt Treibgut und überfluteten Anlegestellen gekämpft. 2003 hat sich das zum Niedrigwasser gedreht. Im Winter 2016/2017 hat Fährführer Schnaas schon einmal einen gut fünfwöchigen Ausfall wegen zu niedriger Pegelstände hinnehmen müssen. Mit Blick auf den Klimawandel sagt er: „Das Niedrigwasser kommt immer länger, immer extremer, immer häufiger.“

          Der Rheingrund wird sichtbar

          Die Fährverbindung Niederheimbach-Lorch ist mit 1200 Metern laut Schnaas die längste auf dem deutschen Rhein: „Der Fluss ist hier relativ breit, da verteilt sich das Wasser mehr. Über 250 Meter haben wir nur noch 40 Zentimeter Tiefe.“ Da nützt es auch nichts, dass Schnaas eine Flachfähre betreibt: Trotz ihres im Schiffsboden integrierten Wasserstrahlantriebs hat sie noch einen Tiefgang von 50 Zentimetern. „Dabei haben wir in den letzten Monaten schon über 25.000 Euro in unsere Rampen und Ausbaggern investiert.“

          Der Chef der Fähre zwischen dem hessischen Oestrich-Winkel und dem rheinland-pfälzischen Ingelheim, Michael Maul, hat nach eigenen Worten in den vergangenen zwei Jahren sogar rund 200.000 Euro unter anderem für Rampenverlängerungen an den Ufern und Baggerarbeiten im Fluss gezahlt: „Wir sind für unsere Fahrrinne selbst verantwortlich.“ Nun ist diese trotzdem nicht mehr tief - der Eltviller Designer Arne Fiedler sagt, er habe kürzlich bei einer Überfahrt „dauernd den Rheingrund gesehen. Das war schon seltsam.“

          Der Vizechef des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Bingen, Florian Krekel, erläutert: „Wir garantieren eine bestimmte Fahrrinnentiefe für die Längsschifffahrt, nicht aber für Fähren und auch nicht für die Verbindung zu Häfen.“

          „Ich fühle mich von der Politik alleine gelassen“

          Schnaas, Chef einer privatwirtschaftlichen Fähre, klagt: „Ich fühle mich von der Politik alleine gelassen. Ich wüsste nicht, wen ich um öffentliche Hilfe bitten sollte. Jeder sagt mir: „Wir sind nicht zuständig“.“ Michael Maul, der auch Vorsitzender des Deutschen Fähr-Verbandes ist, fragt: „Wenn ein Bus nicht fahren würde, weil die Busspur nicht mit öffentlichen Mitteln instandgehalten würde, was wäre dann los?“ Bei den ausfallenden Fähren hingegen würden Tausende Umwegkilometer von Berufspendlern, Lastwagenfahrern und Schulkindern einfach in Kauf genommen. Der stellvertretende Binger WSA-Chef Krekel hält dagegen, Straßen würden nicht für einen einzigen Betrieb gebaut.

          Die Loreley-Fähre zwischen St. Goar und St. Goarshausen kann derzeit wegen des Niedrigwassers keine Reisebusse und Lastwagen mit mehr als 16 Tonnen Gewicht befördern. „Das sind schon seit August Umsatzeinbußen für uns“, sagt Geschäftsführer Klaus Hammerl. „Wir nehmen sonst 40-Tonner und sogar Sondertransporte mit 75 Tonnen mit.“

          Fährverbandschef Maul hat noch eine zusätzliche Angst: „Wenn bei diesem Niedrigwasser ein plötzlicher Wintereinbruch mit Frost kommt, könnten wir erleben, dass der Rhein in flachen Uferbereichen mit wenig Strömung zufriert.“ Auf dem Main sei er einmal mit einer Fähre in Packeis geraten: „Das knirscht total laut, wenn es bricht.“ Er habe Angst um seine Fähre gehabt - doch sie habe es überstanden.

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