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Bürostadt Niederrad : Weniger Wurst, mehr Frankreich

Die 1972 nach Plänen von Egon Eiermann errichteten Türme stehen unter Denkmalschutz. Bild: Patricia Kühfuss

Die Bürostadt Niederrad wird zum Wohnviertel und soll künftig Lyoner Quartier heißen. Doch der neue Name ist ein Kompromiss - im Rennen waren zwei weitere Möglichkeiten.

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          Die Vorentscheidung ist gefallen. Die Bürostadt Niederrad in Frankfurt, in der zunehmend Wohnungen geschaffen werden, soll künftig Lyoner Quartier heißen. Dafür hat sich eine Mehrheit in dem für Niederrad zuständigen Ortsbeirat 5 ausgesprochen. Die Ortsvertreter haben damit von ihrem Recht Gebrauch gemacht, dem Stadtteil einen neuen Namen zu geben. Ortsbeiräte dürfen in ihrem Bezirk Wege, Straßen, städtische Einrichtungen wie etwa Schulen, aber auch ganze Quartiere mit Namen versehen.

          Bernd Günther
          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dass der Bürostadt, wie das westlich an Niederrad anschließende Dienstleistungsviertel bisher genannt wurde, ein neuer Name gut stehen würde, ist unumstritten. Weil viele der Bürobauten aus den sechziger und siebziger Jahren leer stehen, hatten Stadtplaner die Idee geboren, die Bürostadt zum Wohnviertel zu entwickeln. Das Vorhaben kommt zügig voran, schon rund 1000 Wohneinheiten sind entweder auf ehemaligen Büroetagen oder in Neubauten entstanden. Bis zu 10 000 Bürger könnten einmal im Viertel wohnen, das im Norden vom Main, im Süden vom Stadtwald, im Osten von einer Bahntrasse und im Westen von der Autobahn 5 eingefasst wird.

          CDU und Grüne für „Lyoner Viertel“

          Grundstückseigentümer, Investoren und Unternehmen, die sich in der Standortinitiative Neues Niederrad (Sinn) zusammengeschlossen haben, unterstützten den Wandel zum lebendigen Stadtteil. Sie haben viele Ideen entwickelt, wie die öffentlichen Räume in der bisher tristen Bürostadt aufgewertet und das Viertel lebendiger gestaltet werden könnten. Dem sollte ein passender Name entsprechen. Mit der Bezeichnung Lyoner Quartier soll dies künftig gelingen.

          Der Name knüpft an die Lyoner Straße an, die als Ringstraße durch die Bürostadt führt, verweist aber auch auf die Frankfurter Partnerstadt Lyon. Die Stadtplaner hatten ihr städtebaulich ambitioniertes Vorhaben einst mit dem Arbeitstitel Lyoner Viertel versehen. Im zuständigen Ortsbeirat sympathisierten etliche Ortsvertreter mit der Bezeichnung. Die Standortinitiative zeigte sich darüber weniger glücklich: „Lyoner Viertel“ klinge zu sehr nach Lyoner Wurst, hatte der Sprecher der Initiative, Detlef Hans Franke, eingewandt und die Sorge geäußert, dass dies die Vermarktung der Wohnungen beeinträchtigen könnte.

          In der Ortsbeiratssitzung im Februar, in der ein gemeinsamer Antrag von CDU und Grünen zur Benennung als Lyoner Viertel auf der Tagesordnung stand, hatte Franke dafür geworben, das „Viertel“ wenigstens durch ein „Quartier“ zu ersetzen, weil dieses mehr nach Frankreich und weniger nach Metzger klinge.

          Sprachwissenschaftler eingeladen

          Die Ortsvertreter verschoben ihr Votum, gingen nochmals in sich und hatten ein Einsehen. Mit Lyoner Quartier findet der Ortsbeirat also einen Kompromiss, der aber umstritten ist. Denn einhellig ist die Namensgebung nicht beschlossen worden: CDU, Grüne, FDP und eine Vertreterin der BFF stimmten mehrheitlich für das Quartier. SPD sowie jeweils ein Vertreter von BFF und der Linkspartei sprachen sich dagegen aus, und ein Vertreter der Linkspartei enthielt sich. Mehrere Stadtteilpolitiker hatten eigentlich noch mit dem Namen Rothenham geliebäugelt.

          Die Bezeichnung war als Siegervorschlag aus einem Namenswettbewerb hervorgegangen, den die Standortinitiative vergangenes Jahr organisiert hatte. Auf einer Karte von 1865 soll ein Grundstück zwischen Schwanheim und Niederrad so geheißen haben. Weil der Ortsbeirat aber deutlich gemacht hatte, dass der Vorschlag der Initiative nicht bindend sein könne, hatte sie ihn nicht mehr vehement vertreten. Andere Befürworter des historisch verbürgten Namens wollten aber nicht klein beigeben; zu ihnen zählte auch Ortsvertreterin Cornelia Bensinger (BFF). In die jüngste Sitzung hatte sie darum zwei Sprachwissenschaftler eingeladen, die ihre Expertise zur Namensfindung abgaben.

          Ortsvertreter wenig beeindruckt

          Der emeritierte Germanist und Historiker Ernst Erich Metzner erinnerte die Ortsvertreter an die häufig verunglückten Städtenamen, die etwa in den siebziger Jahren in Hessen bei der Regionalreform für neugebildete Kommunen gewählt wurden. Dabei seien Kunstnamen wie Maintal oder Taunusstein entstanden, die wenig Akzeptanz gefunden hätten.

          Er plädierte für eine Namensfindung, die historisch begründet sei und entsprechend vermittelt werden könnte. Germanist Hartmut Scheible wies darauf hin, dass für Rothenham auch die Schreibweise Roter Ham möglich sei. „Ham“ könnte die Bedeutung hemmen haben und geographisch auf einen Richtungswechsel hinweisen, meint Scheible. Damit könnte die Biegung des Mains in Höhe von Niederrad und der Bürostadt gemeint gewesen sein.

          Die durchaus schlüssige Herleitung beeindruckte die Ortsvertreter jedoch wenig. Sie gaben ihren mit südländischem Flair versehenen Namensvorschlag in den parlamentarischen Geschäftsgang. Der Magistrat könnte noch ein Veto einlegen – wenn nicht, wird die Bürostadt zum Lyoner Quartier.

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