https://www.faz.net/-gzg-8dksf

Eintracht Frankfurt : Naiv ins Verderben

Im Kölner Regen: Alexander Meier (Mitte) und Teamkollegen müssen einen weiteren Rückschlag verarbeiten. Bild: Heiko Rhode

Das 1:3 der Eintracht in Köln schafft eine Lage, die Bruchhagen als „prekär“ bezeichnet. Noch ein Punkt bis Platz 16, und die Abwärtsspirale dreht sich mit Wucht.

          3 Min.

          Nichts wie weg! Die Verlierer des Tages wählten auch nach dem Schlusspfiff eine vergleichbare Taktik wie die, die sich während des Spiels als wenig sinnvoll erwiesen hatte: Sie nahmen Reißaus, als ein bisschen mehr Behauptungswillen durchaus angebracht gewesen wäre. Fast alle Eintracht-Profis wählten den direkten Weg vom Spielfeldrand in die Umkleide und nahmen keine Notiz von den Kameras und Mikrofonen, die auf ihrem Weg postiert waren. Von den Frankfurtern war am Samstag in Köln in vielen Situationen erstaunlich wenig Durchsetzungsvermögen zu spüren. Im Anschluss an die 1:3-Niederlage besaß Marc Stendera, das 20 Jahre Mittelfeldtalent, die Chuzpe, auf den Kapitän hinzuweisen, der dafür bereitstehe, im Namen der Kollegen den neuerlichen Rückschlag einzuordnen: „Der Meier sagt sicher was“, rief Stendera durch die Katakomben der Arena – und entzog sich selbst flotten Schrittes hinter einer abgedunkelten Tür des Kabinentrakts den Blicken der Öffentlichkeit.

          Marc Heinrich
          Sportredakteur.

          Alexander Meier, der mit seinem Führungstor (24. Minute) kurz die Hoffnung genährt hatte, dass die Hessen einen Auftritt im Stadion in Müngersdorf erstmals seit 22 Jahren wieder erfolgreich gestalten könnten, interpretierte seine Führungsrolle an diesem Abend abseits des Rasens mit schonungsloser Klarheit: „Es wird immer gefährlicher“, lautete die Quintessenz seiner Analyse. „Wir holen keine Punkte, und es werden immer weniger Spiele“, meinte Meier, der sich und den Seinen bescheinigte, in der ersten Halbzeit „richtig gut“ begonnen, aber völlig den Faden verloren zu haben: „Köln war dann besser.“

          „Spirale des Misserfolgs“

          Yannick Gerhardt (29.), Dominique Heintz (57.) und Anthony Modeste (72.) schossen den Sieg der Rheinländer heraus, der noch deutlicher hätte ausfallen können, wenn nicht Lukas Hradecky, der Keeper der gegen Ende jegliche Ordnung aufgebenden Frankfurter, mit seinen Paraden zur Stelle gewesen wäre. Dass der Führungstreffer des FC aus einem umstrittenen Freistoß resultierte, nachdem Marco Fabian mit gestreckten Beinen Marcel Risse umgegrätscht hatte, sorgte anschließend für Gesprächsstoff. Und Meier traf dabei als einer der wenigen den passenden Ton bei der Beurteilung des über neunzig Minuten wenig souverän auftretenden Referees Felix Zwayer: „Er lässt erst weiterlaufen. Ich will nicht sagen, dass wir wegen des Schiedsrichters verloren haben. Was der heute auf beiden Seiten gepfiffen hat, das war wirklich richtig schlecht. Aber das ist keine Ausrede, das war nicht der Grund, warum wir heute verloren haben.“

          Meier ist mittlerweile mit 33 Jahren der dienstälteste Profi im Kader, er trägt seit 2004 das Trikot der Hessen und hat zuletzt 2011 erlebt, dass es aus der „Spirale des Misserfolgs“, wenn sie sich erstmals mit Wucht zu drehen begonnen hat, kein Entrinnen mehr gibt. Meier verlangte, trotz allem „jetzt nicht alles zu schwarz zu sehen“; denn durch zu viele negative Gedanken werde die Aufgabe, sich gegen den Abwärtstrend zu stemmen, ungleich schwerer zu meistern sein. Nur noch ein Punkt trennt die Eintracht, die es nach 21. Spieltagen gerade einmal auf 21 Zähler bringt, vom Relegationsrang, auf dem Werder Bremen liegt. An Nächstes geht es nun an diesem Freitag zu Hause gegen den Hamburger SV.

          Letzter Abstieg kostete 50 Millionen Euro

          Heribert Bruchhagen setzt die Gefahrenlage spürbar zu. Der Vorstandsvorsitzende schritt mit Leichenbittermiene in Köln durch die Gänge. Der 67-Jährige, der nach 13 Jahren an der Spitze in diesem Sommer seinen Posten räumt, sieht seine Absicht ernsthaft gefährdet, den Klub in wohlgeordneten Zuständen an den noch zu findenden Nachfolger zu übergeben. Ein abermaliger Abstieg, es wäre der fünfte in der Klub-Historie, würde die Eintracht, die gerade auch noch auf der Suche nach einem neuen Hauptsponsor ist, ins Mark treffen – und wirtschaftlich ebenfalls derart unkalkulierbare Folgen mit sich bringen, dass damit alle Ambitionen, auf absehbarer Zeit im Branchenranking ein wenig dichter ans obere Mittelfeld heranzurücken, ad absurdum geführt wären. Die letztmalige Herabstufung in die zweite Klasse, so rechneten die Finanzfachleute des Klubs im Nachhinein durch, kostete insgesamt rund fünfzig Millionen Euro. Noch ist es nicht so weit, dass sich die Befürchtungen tatsächlich erfüllen müssen, aber die Konstellation „ist prekär“, stellte Bruchhagen fest.

          Er sagte, er sei verwundert, dass „immer wieder Schlüsselsituationen nicht zu unseren Gunsten ausgelegt werden“. Er habe von seinem Platz auf der Tribüne die Szene, die Zwayer als freistoßwürdig wertete, ganz anders wahrgenommen: „Ich bin erstaunt über die Vielzahl der Entscheidungen gegen uns.“ Bruchhagen fügte aber den vernünftigen Nachsatz hinzu, „dass Freistöße nicht zwingend zu Toren führen müssen“. So aber ließ Makoto Hasebe den aufgerückten Heintz im Strafraum gewähren, der aus kurzer Distanz die Eintracht früh maßgeblich traf. „Wir haben keine Kompaktheit“, klagte Bruchhagen. Dass die Spieler anschließend mit der Brechstange versuchten zurückzuschlagen, wie es Veh formulierte, und früh jegliche Defensivdisziplin aufgaben, nach vorne stürmten und den Gegner so zu Kontern einluden, verwunderte nicht nur den Trainer. So viel Naivität habe er seinen Leuten nicht zugetraut, „sie haben viel Leidenschaft gezeigt, aber wenig Kopf“, sagte er. „Wir hätten noch genügend Zeit gehabt und hätten geduldig sein müssen. Das war dumm. So kann man in der Bundesliga nicht spielen.“ Wenn sie das aber, woran kein Zweifel besteht, auch in Zukunft möchten, sollten sie schleunigst damit beginnen, zu zeigen, dass sie es besser können. Sonst könnte es schon bald zu spät sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Impfgegner demonstrieren im Mai diesen Jahres in Concord im Bundesstaat New Hampshire.

          Delta-Variante : Amerikas Konservative bekommen Angst

          In den Vereinigten Staaten haben viele konservative Politiker und Moderatoren eine Corona-Impfung für unnötig erklärt. Die rapide steigenden Infektionszahlen durch die Delta-Variante scheinen zu einem Umdenken zu führen.
          Medaillen bitte, wir sind Briten: Adam Peaty stürzt sich in die Fluten

          Schwimmen bei Olympia : Rule Britannia

          Adam Peaty macht die Schotten hoch: Tom Dean gewinnt als erster Brite seit Henry Taylor 1908 Freistil-Gold. Und Duncan Scott legt noch Silber dazu. Team GB surft auf einer Erfolgswelle.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.