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Neuanfang für Awo : Die neue Führung zeigt Härte

Nach der Wahl: Petra Rossbrey (Mitte), mit ihren Stellvertretern Barbara Dembowski und Hauke Hummel Bild: dpa

Nach dem Skandal wählt der Awo-Kreisverband Frankfurt ein neues Präsidium. Bereits bei seiner ersten Sitzung verkündet das Gremium eine gravierende Entscheidung.

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          Anderthalb Stunden zog sich das neugewählte Präsidium des Frankfurter Kreisverbands der Arbeiterwohlfahrt am Samstagabend zurück, um dann die erste, tiefgreifende Entscheidung zu verkünden. „Wir leiten notwendige Veränderungen ein und fangen heute damit an: Triantafillidis und Kasperkowitz sind abberufen“, sagte die Präsidiumsvorsitzende Petra Rossbrey knapp. Es habe sowieso Zweifel daran gegeben, dass beide „rechtssicher“ in den Vorstand berufen worden seien.

          Martin Ochmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Panagiotis Triantafillidis und Jasmin Kasperkowitz waren die Stellvertreter des mittlerweile gekündigten Awo- Geschäftsführers Jürgen Richter und damit Teil eines Netzwerks, das den Awo-Kreisverband in eine schwere Krise gestürzt hat. Die Staatsanwaltschaft ermittelt mittlerweile gegen zwei Frauen und vier Männer, die bei den Awo-Kreisverbänden Frankfurt und Wiesbaden beschäftigt sind, teilweise in beiden Kreisverbänden gleichzeitig. Im Januar durchsuchte die Staatsanwaltschaft Büros und Wohnungen der Beschuldigten. Im Raum steht der Verdacht des Betrugs im Zusammenhang mit dem Betrieb zweier Awo-Flüchtlingsheime sowie der Verdacht der Untreue zum Nachteil der Awo; unter Geschäftsführer Richter wurden den Beschuldigten unter anderem ungewöhnlich hohe Gehälter und luxuriöse Dienstwagen gewährt.

          Ehrenamtliche unter Generalverdacht

          Gegen Triantafillidis und alle, die Gegenstand der staatsanwaltlichen Ermittlungen sind, verhängte das ehrenamtliche Präsidium zudem ein Hausverbot. Rossbrey sprach von einem „lebenswichtigen Schritt“. Die 60 Jahre alte Juristin, die bei der Kreiskonferenz zuvor mit 58 Ja-Stimmen der 67 Delegierten zur neuen Vorsitzenden gewählt worden war, kündigte zudem an, dass innerhalb von 14 Tagen zwei Vorstände berufen werden sollen. Diese Lösung solle einige Monate währen, so habe man genug Zeit, den neuen Vorstand mit der „nötigen Sorgfalt“ auszuwählen. Das ehrenamtliche Gremium, das eigentlich auch in der Vergangenheit die Arbeit der Geschäftsführung kontrollieren sollte, wolle die Geschäfte künftig „sorgfältig begleiten“ und wöchentlich zusammenkommen. Auf Nachfrage sagte Rossbrey zudem, dass man überprüfen werde, „ob weitere personelle Konsequenzen zu ziehen sind.“ Die Präsidiumsvorsitzende sah damit „die erste Weiche für einen personellen Neuanfang gestellt“. Der wurde bei der Kreiskonferenz oft gefordert, unter anderem von Hauke Hummel, der gemeinsam mit Barbara Dembowski zu Rossbreys Stellvertreter gewählt wurde, und in seiner Vorstellungsrunde die dann auch erfolgte „Abberufung des alten Vorstands“ forderte.

          Einen „Neuanfang“ wünschte sich auch der Landtagsabgeordnete Turgut Yüksel (SPD), Mitglied des alten Präsidiums, in seiner Begrüßung. „Es tut mir unglaublich weh, dass Ehrenamtliche unter Generalverdacht stehen und schäme mich für das, was in der Geschäftsführung geschah“, sagte Yüksel. Auch tue es ihm leid, dass Tausende Mitarbeiter, die mit „Herzblut“ engagiert seien, um die Zukunft bangen müssten. Wegen der Vorkommnisse im Kreisverband steht die Gemeinnützigkeit auf dem Prüfstand, unter anderem der Awo-Bundesverband und die Frankfurter Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) haben den Geldhahn zugedreht – die Folgen spürt der Kreisverband mittlerweile.

          Einblick in das bisherige Innenleben des Kreisverbands gab Barbara Schwarz, die viele Jahre Mitglied des Präsidiums war und auch ins neue Präsidium gewählt wurde. Fast unter Tränen berichtete sie, dass man dem Vorstand geglaubt und vertraut habe, und wenn es Nachfragen gab, seien diese „schnell beleidigt“ gewesen. „Da war man dann still“, sagte Schwarz.

          Keine Einsicht der bisherigen Führungsriege

          Selbstkritisch gab sich das langjährige Präsidiumsmitglied Rudolf Kraus, der auch zum Beisitzer des neuen Präsidiums gewählt wurde. Zwar verwies er darauf, dass er die zwei verbliebenen Vorstände nicht gewählt habe. „Aber ich bin unzufrieden, weil ich es nicht geschafft habe, andere zu überzeugen“, sagte Kraus. Doch er wolle kandidieren, weil er Informationen habe, die er an das neue Präsidium weitergeben wolle. Einen kleinen Vorgeschmack gab er im Bericht des scheidenden Präsidiums. Er kam auf die fristlose Kündigung von Jürgen Richter zu sprechen. Diesem hätten nach seinem Rücktritt im Jahr 2019 noch drei Jahre lang „außerordentlich hohe finanzielle Leistungen“ zugestanden. „So eine Form von Altersteilzeit gibt es sonst wohl nicht“, sagte Kraus.

          Einsicht scheint die bisherige Führungsriege bislang nicht gezeigt zu haben, im Gegenteil. „Es wird mit Sicherheit Kündigungsschutzklagen geben“, sagte Kraus. Eine Aussage, die viele Delegierte kopfschüttelnd zur Kenntnis nahmen.

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