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Neujahrsempfang : DGB hofft auf neue Mitglieder durch hohe Abschlüsse

DGB-Aktion: Banner für den Mindestlohn am Frankfurter Hammering Man. Bild: Irl, Maria

DGB-Regionalchef Harald Fiedler setzt auf die anstehenden Tarifrunden, um wieder mehr Arbeitnehmer für die Sache der Gewerkschaften zu begeistern.

          3 Min.

          Harald Fiedler freut sich auf Samstag. Gut besucht ist der alljährliche Neujahrsempfang des DGB Frankfurt/Rhein-Main am ersten Samstag des Jahres immer. Doch diesmal haben sich noch mehr Gäste als sonst angemeldet. So viele, dass der Regionalvorsitzende des Gewerkschaftsbundes Sorge hat, ob der Saal im traditionsreichen Frankfurter Gewerkschaftshaus auch groß genug ist.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Ein Grund für die große Resonanz dürfte der Hauptredner sein: Der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck ist heute Chefökonom der UN-Organisation für Handel und Entwicklung, war zuvor lange Leiter der Abteilung Konjunktur beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung und kurze Zeit (von Oktober 1998 bis April 1999) Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, als Oskar Lafontaine (damals noch SPD) dem Haus als Minister vorstand. Fiedler ist sich sicher, dass sich viele Gäste des Empfangs von dem bekannten Ökonomen sachkundige Ausführungen über die Schuldenkrise im Euro-Raum erhoffen.

          Auch um eine stärkere Regulierung der Leiharbeit

          Ein weiterer Grund für die große Resonanz dürften aber die mit Spannung erwarteten Tarifrunden der großen Branchen sein, die in diesem Frühjahr anstehen. So wird Anfang Februar die Gewerkschaft Verdi ihre Forderungen für 1,9 Millionen Beschäftigte in den Kommunen und 150.000 Angestellte des Bundes auf den Tisch legen. Im März folgt die IGMetall, die für die bundesweit 3,4 Millionen Arbeitnehmer der Branche nun nachholen will, worauf sie im vergangenen Jahr wegen der Schuldenkrise verzichtet hat, wie es heißt. Von einer Forderung jenseits von 3,8 Prozent ist dort die Rede.

          Armin Schild, der als Leiter des IG-Metall-Bezirks Frankfurt für die Bundesländer Hessen, Rheinland-Pfalz, das Saarland und Thüringen verantwortlich ist, lässt allerdings keinen Zweifel daran, dass es in diesem Jahr nicht nur um einen Entgelterhöhung geht, sondern auch um eine stärkere Regulierung der Leiharbeit. Deshalb hegt man auf der Arbeitgeberseite, bei Hessenmetall, die Hoffnung, mit einem Entgegenkommen bei der Zeitarbeit zu moderateren Steigerungsraten bei den Entgelten zu kommen.

          Verdi mit den meisten Mitgliedern

          Im Mai will dann die IG BCE in der Chemie eine am guten Geschäftsverlauf der Branche orientierte Entgeltsteigerung durchsetzen. Die Chemie-Gewerkschafter haben das auch schon im vergangenen Jahr mit einem Plus von 4,1 Prozent geschafft. Vor den großen Branchen werden die Gewerkschaften schon für Mitarbeiter der Post, Bankkaufleute, Polizisten, Erzieher und Lehrer mit den Arbeitgebern verhandeln. Das Frühjahr wird für die Tarifexperten der Gewerkschaften diesmal also arbeitsreich.

          DGB-Regionalchef Fiedler verbindet mit den Tarifrunden die Hoffnung, dass die Zahl der Gewerkschaftsmitglieder endlich wieder steigt. Hat der DGB Hessen-Thüringen doch zwischen 2005 und 2010 69.000 Frauen und Männer verloren und zählte zuletzt noch 59.8718 Mitglieder, unter denen die Gewerkschaft Verdi die meisten stellt. Im Rhein-Main-Gebiet sind 97141 Frauen und Männer Mitglied einer DGB-Gewerkschaft.

          Seit der Wiedervereinigung zur Ader gelassen

          Fiedlers Erfahrung nach sind es vor allem Abschlüsse mit kräftigen Entgeltsteigerungen, die für mehr Mitglieder sorgen. Aber nicht nur von Lohnzuwächsen verspricht er sich Neuzugänge. Wichtig sei auch, wenn es den Gewerkschaften gelinge, striktere Regeln für die Leiharbeit und die verstärkte Beschäftigung und Weiterbildung Älterer durchzusetzen sowie eine garantierte Weiterbeschäftigung ausgelernter junger Leute festzuschreiben.

          Wie Fiedler sagt, ist es dagegen ein Irrtum zu glauben, besonders schlecht bezahlte und prekäre Arbeit veranlasse die Beschäftigten, in Scharen in die jeweilige Branchengewerkschaft einzutreten. Das Gegenteil sei richtig. Etwa in der Sicherheitsbranche, bei der Gebäudereinigung oder im Einzelhandel sei der Organisationsgrad viel niedriger als bei den Metallern. Ähnliches gilt für Leute, die ihre Arbeit verloren haben. Der Austritt aus der Gewerkschaft gehöre nicht selten zu den ersten Sparmaßnahmen.

          Fiedler hat unmittelbar erfahren müssen, wie sehr die Einzelgewerkschaften und damit auch der Gewerkschaftsbund seit der Wiedervereinigung zur Ader gelassen wurden. Auf den Rückgang der Mitgliederzahl von 11,5 Millionen in ganz Deutschland auf heute 6,3 Millionen reagierten Dachverband wie Einzelgewerkschaften mit Strukturreformen und Stellenabbau. So kümmerten sich, als Fiedler 1995 die Leitung der DGB-Region Frankfurt/Rhein-Main übernahm, 18 hauptamtliche Gewerkschafter um die Belange der Arbeitnehmer. Heute seien es noch fünf, berichtet der Vorsitzende. Gleichzeitig sei aber die Region erweitert worden. Zu Frankfurt, dem Hochtaunuskreis und dem Main-Taunus-Kreis seien Wiesbaden, der Rheingau-Taunus-Kreis und der Kreis Limburg-Weilburg hinzugekommen. Das bedeute aber nicht, dass sich nur die verbliebenen fünf Hauptamtlichen des DGB um die Mitglieder kümmerten, stellt Fiedler klar. Nach wie vor betreuten in erster Linie die Einzelgewerkschaften ihre Mitglieder. Inzwischen allerdings oft auch mit ehrenamtlichen Beratern.

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