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Medizinstudium in Mainz : Im Notfall hilft der Knochenbohrer

Notfälle mit Kindern machten auch professionellen Helfern Angst

Der Schockraum, in dem die künftigen Ärzte trainieren, ist mit allem ausgestattet, was im Notfall als Erstes gebraucht wird. Über den drei Behandlungsplätzen hängen OP-Leuchten; Ultraschall- und Narkosegeräte stehen bereit. Die kurzärmeligen grünen Kittel tragen Ärzte und Studenten nicht nur aus hygienischen Gründen: Der Raum ist gut geheizt. Das fördere die Blutgerinnung, erklärt Anästhesistin Kurz.

Wenn der Schockraum für einen realen Patienten gebraucht wird, muss der Kurs unterbrochen werden. Aber das sei bisher erst einmal vorgekommen, sagt Kuhn. Unterbricht er die Übungen für einen Theorie-Block, dient die Liege den Studenten als Sitzgelegenheit. Der Oberarzt bespricht typische Fälle und schildert Situationen, mit denen Notfallmediziner öfters konfrontiert werden. Was ist zu tun, wenn ein schwerverletztes Kind in die Notaufnahme gebracht wird? Was, wenn ein Patient extrem viel Blut verliert?

Immer wieder fragt Kuhn die Studenten, ob sie bestimmte Szenarien selbst schon erlebt haben. Tim Demare sagt, er habe es im Rettungsdienst „immer gehasst“, wenn eine „Einsatzmeldung Kind“ gekommen sei. Kuhn kann das gut verstehen. Notfälle mit Kindern machten auch vielen professionellen Helfern Angst. Ähnlich verstörend könne es sein, wenn ein Mensch zu verbluten drohe. Demare hat einmal einen Patienten gesehen, der einen Riss der Aorta, der Hauptschlagader, erlitten hatte. „Man konnte nur zuschauen. So viele Zugänge konnte man gar nicht legen, um das Blut zu ersetzen.“

Die Zeit ist oft knapp

Glücklicherweise werden selbst die Mediziner im Schockraum mit solchen Dramen fast nie unvorbereitet konfrontiert. „Schwere Notfälle werden meist telefonisch angekündigt“, sagt Kuhn zu den Studenten. „Ihr habt also in der Regel 15 bis 20 Minuten Zeit.“ Diese Frist muss das Team nutzen, um Medikamente oder Blutkonserven vorzubereiten, eventuell Spezialisten zu alarmieren und - vor allem dann wichtig, wenn die Zeit knapp ist - die Rollen innerhalb der Gruppe zuzuweisen. Dabei gilt das ABCDE-Schema. Als Abkürzungen von englischen Begriffen stehen die fünf Buchstaben für die Aufgaben, die auf mehrere Helfer verteilt werden: Atemwege des Patienten freihalten, Atmung prüfen, Kreislauf stabilisieren, Bewusstsein kontrollieren, schließlich den Verletzten warm halten, seine Wunden versorgen und weitere Untersuchungen veranlassen.

Ob sie all das koordiniert erledigen können, sollen Kuhns Studenten in einer Übung zeigen, die der Unfallchirurg „sehr anspruchsvoll“ nennt. Wieder spielt Nicole Großmann das Opfer. Diesmal hat es sie, so will es das Drehbuch, direkt vor der Uniklinik erwischt: Als Fußgänger wurde sie von einem Auto angefahren. Sanitäter, die zufällig vorbeikamen, bringen sie ohne weitere Versorgung in den Schockraum - Vorwarnzeit anderthalb Minuten. Diesmal gibt Student Emanuel Stiefvater den Teamleiter. Schnell klärt er mit seinen Kommilitonen das Wesentliche: „Wer macht A, wer B, wer C?“ Dann rollt auch schon Herr Müller an.

Der Kurs kommt bei den Studenten gut an

Herr Müller, alias Großmann, ist noch ansprechbar, hat aber starke Schmerzen in der Hüfte. Und es gibt ein „C-Problem“: kein Zugang zum Blutkreislauf. Das Team wählt eine drastisch anmutende Lösung: „Wir bohren.“ Wenn es schnell gehen muss und die Venen schlecht zu treffen sind, kann ein Zugang auch direkt ins Knochenmark gelegt werden. Schon surrt eine kleine Bohrmaschine über Großmanns Bein, sie trifft aber nur ein Knochenmodell, das darauf liegt. Derweil piepen die Herztöne, und der Monitor zeigt das EKG des Schwerverletzten - eine Simulation, die Kuhn abspielt. Herr Müller bekommt Sauerstoff, ein Gurt fixiert sein lädiertes Becken. Teamchef Stiefvater verschafft sich einen Überblick. Ist der Patient stabil? Dann ab mit ihm zur Computertomographie.

Wieder springt Großmann von der Liege, und alle loben sich gegenseitig. „Sehr, sehr gut“ sei das gelaufen, findet Stiefvater. „Das habt ihr wirklich gut gemacht“, meint auch Oberarzt Kuhn. Überhaupt attestiert er der Gruppe eine Leistung, die „absolut überdurchschnittlich“ sei. Die Studenten revanchieren sich in der Abschlussbesprechung mit freundlichen Kommentaren zu Kuhns Projekt. Es sei schön, dass die Dozenten dort „Bock auf Lehre“ hätten, sagt Josefa Nölke. Das sei in der Klinik nicht immer der Fall. Kommilitone Stiefvater scheint ähnliche Erfahrungen gemacht zu haben. „Ich habe schon ein paar Leuten gesagt: Dieser Kurs ist gut. Die dachten erst, ich will sie verarschen.“ Klingt so, als hätte Kuhn eine günstige Prognose, irgendwann für einen Lehrpreis vorgeschlagen zu werden.

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