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Neues Lernkonzept : Den Hausaufgaben droht die Abschaffung

Ausgerechnet: Je länger Kinder in der Schule sind, desto weniger Zeit bleibt ihnen zu Hause am Schreibtisch. Bild: Müller, Verena

Einige Schulen verzichten bereits auf Hausaufgaben, denn gemeinsame Lernzeiten am Vormittag sollen sozial gerechter sein. Doch wie steht es um die Vorteile der Hausaufgaben?

          Für Generationen gehörten sie zur Schule wie das Quietschen von Kreide auf der Tafel. Doch nun, da Computer und Beamer die Tafeln ersetzen, könnte es bald auch mit den Hausaufgaben vorbei sein. An der Liebfrauenschule in der Frankfurter Innenstadt war es schon vor eineinhalb Jahren so weit. Die Grundschule entschied sich, zunächst probeweise auf Hausaufgaben zu verzichten. Der Versuch sei erfolgreich gewesen, sagt Leiterin Helen Kellermann-Galle. Deshalb habe sich die Schule mit einem formellen Beschluss endgültig von den Hausaufgaben verabschiedet. „Das gehört nun fest zu unserem Profil.“

          Matthias Trautsch

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Zuvor habe es immer wieder Ärger gegeben, sagt Kellermann-Galle. Da vier von fünf Schülern nachmittags einen Hort besuchten, hätten sie dort auch ihre Aufgaben erledigen müssen. Das habe manchmal gut, oft aber weniger gut und manchmal gar nicht geklappt. Die Erzieher, die eigentlich anderes zu tun hätten, als sich um den Schulstoff zu kümmern, seien genauso unzufrieden gewesen wie die Eltern. Deshalb habe die Schule mit den umliegenden Betreuungseinrichtungen ein Konzept entwickelt, wie der Unterrichtsstoff auf andere Weise wiederholt, vertieft und vorbereitet werden könne.

          Lernzeiten statt Hausaufgaben

          Vormittags gibt es nun Lernzeiten, in denen in jede Klasse eine pädagogische Fachkraft aus einem Hort oder aus der Schulbetreuung kommt. Zusammen mit dem Lehrer bildet sie ein festes „Tandem“, das mit den Schülern übt und bei Bedarf einzelne Kinder fördern kann. Davon profitiert nach den Worten der Schulleiterin auch die Nachmittagsbetreuung, die nun von schulischen Aufgaben entlastet sei und sich wieder ganz den pädagogischen Freizeitangeboten widmen könne.

          Das Beispiel der Liebfrauenschule zeigt, warum vielerorts über die Abschaffung der Hausaufgaben nachgedacht wird. Für immer weniger Kinder endet der Schultag am Mittag, viele gehen in Horte, andere nutzen schulische Nachmittagsangebote oder besuchen ohnehin eine gebundene Ganztagsschule. Die ruhigen Stunden zu Hause, in denen die Aufgaben erledigt werden könnten, gibt es oft nicht mehr. Und viele berufstätige Eltern erwarten, dass sie sich nach einem langen Arbeitstag nicht noch mit den Kindern an den Schreibtisch setzen müssen. Das bestätigt Josefa Maria Hybner-Kauß, die stellvertretende Leiterin der Holzhausenschule. An der Grundschule im Frankfurter Westend werden noch Hausaufgaben erteilt, doch das soll sich mit der Einführung eines verpflichtenden Nachmittagsprogramms ändern. Derzeit entstehe ein Konzept, wie Hausaufgaben durch Lernzeiten ersetzt werden könnten, sagt Hybner-Kauß.

          Mehr Ganztagsschulen

          In der Politik ist der Wunsch angekommen, dass alles Schulische auch in der Schule erledigt werden sollte. Die Tatsache, dass Kultus eigentlich Ländersache ist, hinderte SPD-Chef Sigmar Gabriel im Bundestagswahlkampf nicht daran, das Hausaufgaben-Thema aufzuwerfen. Vermutlich aus Überzeugung, denn nach sozialdemokratischem Verständnis ist Gerechtigkeit das Maß aller Bildung – und dazu passen Hausaufgaben nicht. Sie verschafften Kindern Vorteile, die aus Akademikerfamilien stammten und zu Hause gefördert würden, während Unterschichtskinder zurückblieben. Deshalb müsse Lernen dorthin verlagert werden, wo alle gleich seien, nämlich unter die staatliche Kontrolle der Schule.

          Im Berliner Koalitionsvertrag von Union und SPD taucht das Stichwort „Hausaufgaben“ nicht auf. Wohl aber ist von den Ganztagsschulen die Rede. Ihr Ausbau soll, da sind sich die Parteien einig, zu besserer Bildung und mehr Gerechtigkeit führen. Solange der Bund den Ausbau nicht bezahlen muss, sind das zwar wohlfeile Bekundungen, aber auch auf Landesebene gibt es kaum jemanden, der anderer Meinung wäre. Im hessischen Landtag wollen alle Parteien mehr Ganztagsschulen – Differenzen gibt es nur darüber, wie schnell es gehen soll und ob die Teilnahme am Nachmittagsprogramm Pflicht sein soll.

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