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Unterstützung für Gründer : Vorsingen für Frankfurter Fintech-Zentrum

Finanztechniker: Yassin Hankir Bild: Patricia Kühfuss

Ein neues Gründerzentrum soll Frankfurt im Rennen um junge Fintech-Firmen voran bringen. Mögliche Betreiber stellen sich heute vor. Gründer sagen vorab, was sie sich von Stadt und Land wünschen.

          Egal, wie das große Vorsingen am Mittwoch in der Goethe-Universität ausgeht – für Yassin Hankir steht eines fest: Die Stadt Frankfurt und das Land Hessen sollten das geplante Zentrum für junge Firmen aus der kurz Fintech genannten Finanztechnologie wirklich auf den Weg bringen. Und beide sollten sich durchringen, das Zentrum auch finanziell zu unterstützen, sagt der Gründer und Chef der Savedroid AG. Seine Firma zählt zu dem Kreis jener Start-ups, um die sich nicht nur Stadt und Land, sondern auch Banken und Börse in jüngster Zeit verstärkt bemühen – Fintechs eben. Das erhebliche Interesse an einen einfachen Grund: Obwohl Frankfurt die Stadt der Banken ist, hat Berlin im Rennen um Fintechs die Nase weit vorn (siehe Kasten).

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Dort sei das Reservoir an kreativen jungen Köpfen größer als am Main, heißt es in der Branche. Auch sitzen in der Hauptstadt viel mehr Wagniskapitalgeber, die sich auf Start-ups spezialisiert haben, wie Hankir berichtet. Nicht zuletzt kosten in Berlin Büroflächen weniger als in Frankfurt. Eben deshalb soll es in Frankfurt bald ein Fintech-Zentrum geben, vielleicht noch dieses Jahr. Und weil dafür ein Betreiber gesucht wird, hat das Wirtschaftsministerium für heute Nachmittag potentielle Betreiber in die Goethe-Universität eingeladen. Von ursprünglich zehn ausgewählten Interessenten werden sich acht vorstellen, wie es in Wiesbaden heißt. Ob es am Ende dieses Vorsingens, wie solche Veranstaltungen gerne genannt werden, einen großen Sieger gibt, muss sich zeigen. Vielleicht wird es bald sogar mehr als nur einen Anlaufpunkt für Fintechs in Frankfurt geben.

          Nicht nur einer sollte den Zuschlag bekommen

          Hankir hat in der vergangenen Woche schon einmal einen Test gemacht: Beim Fintech-Meetup haben zehn Firmen und Einrichtungen, darunter der Goethe-Unibator, der Main Incubator der Commerzbank, der Immobilienriese Tishman Speyer und die Fintech-Group ihre Konzepte präsentiert. So richtig abgeräumt hat aber keiner der Vorsänger. Mit Blick auf die Mietkosten und die Attraktivität der Büroflächen vereinigte Tishman Speyer den größten Stimmenanteil auf sich, hinsichtlich des Netzwerks überzeugte vor allem der Accelerator Frankfurt mit dem Israeli S. Ram Shoham an der Spitze, der laut Hankir schon seiner Heimat Start-ups unterstützt hat. Mit dem Gesamtkonzept hatte die Fintech-Group, zu der der Online-Broker Flatex gehört, mit 26 Prozent der Publikumsstimmen die Nase vorn.

          Dass es mithin keinen klaren Sieger gab, verwundert Gründer Hankir nicht: „Es gibt nicht den einen schlechthin, der alle Bedarfe erfüllt.“ Deshalb sollten Stadt und Land aus seiner Sicht auch nicht einem Bewerber alleine den Zuschlag für das Fintech-Zentrums geben. „Sonst ist absehbar, dass viele Fintechs dort nicht einziehen werden“, sagt er.

          Im Zentrum und nicht am Stadtrand

          Dieses Risiko wird die Fintech-Group im Zweifelsfall eingehen. „Wir werden unser Konzept umsetzen“ sagt ein Sprecher. Zu der Gruppe gehören eine Bank, ein IT-Dienstleister und eine Beteiligungsgesellschaft. Insofern biete sie „Fin“, „Tech“ und „Cap“. Das Unternehmen gehört zu jenen acht, die sich heute in der Universität vorstellen werden. Dabei will es nicht unbedingt die Rolle des Solosängers einnehmen: „Wir sind immer auf der Suche nach Partnern, um mit ihnen den Weg gemeinsam zu gehen“, hebt der Sprecher hervor. Als Partner kommen demnach aus Land und Stadt in Frage. „Wir können von dem einen oder anderen Standort lernen, aber wir müssen unser eigenes Konzept finden“, meint er.

          Apropos Land: Dort habe die Gruppe ihre Idee plaziert, einen Fintech-Studiengang in Hessen anzubieten. Denn die 500 Mitarbeiter große Gruppe brauche Nachwuchs. Da reiche eine Banklehre nicht aus. Bewerber müssten auch Software programmieren können.

          Einig ist Hankir sich etwa mit den Gründern des im Gallus ansässigen Indexfonds-Vermittlers Vaamo, dass ein Fintech-Zentrum mitten in Frankfurt liegen sollte und nicht am Stadtrand. Zwar seien Büros dort zwar günstiger, aber Fintechs zahlten Mitarbeitern nicht viel. Müssten die dann noch lange Anfahrtszeiten in Kauf nehmen, wäre das ein Minuspunkt. Ginge es nach Hankir, dessen Firma im Gutleutviertel sitzt, böte ein Fintech-Zentrum etwa 5000 Quadratmeter. Wenn die öffentliche Hand die Miete mit zehn Euro je Quadratmeter subventionierte, stünde unter dem Strich ein Betrag von 600.000 Euro im Jahr. „Das müsste es wert sein, Frankfurt zum Fintech-Standort Nummer eins in Deutschland zu machen.“

          Fintechs brauchen keine Bürotürme

          Sind die sogenannten Fintechs, Firmen aus der Finanztechnologie, der Hoffnungsschimmer für den schwächelnden Frankfurter Büromarkt? Die Antwort lautet „nein“. Wie gestern auf der Fachtagung „Heuer Dialog“ in Frankfurt deutlich wurde, mieten die Start-ups lieber günstige Büros in B- oder C-Lagen an als teure Hochhausetagen. Aber auch Apple-Gründer Steve Jobs hat einst in einer Garage die ersten Computer zusammengelötet. „Die Fin-Techs werden unser Leerstandsproblem in Frankfurt nicht lösen. Aber wir sollten in die Branchen der Zukunft investieren“, rät der Projektentwickler Marcus Brod. Für das neue Bürohochhaus Marienturm sucht er jedoch die „klassischen“ Mieter, also Banken, Finanzdienstleister und Kanzleien. Christian Lanfer vom Maklerhaus JLL glaubt, dass diese Nutzer weniger werden. Fintechs könnten die Lücke allerdings noch nicht füllen. Ihr Anteil am Marktgeschehen sei bislang „nicht spürbar“, sagt Lanfer. Das bedeutet für ihn jedoch nicht, dass dies so bleiben muss. „Wir müssen uns auf den Weg machen und neue Branchen gewinnen“, meint er. Auf weniger als 1000 Mitarbeiter schätzt Peter Riedel den Anteil der Start-ups in Frankfurt. Er ist mit dem kleinen Unternehmen Debitos von Berlin nach Frankfurt umgezogen. „Wir suchen die Nähe zu Banken und Investoren und fühlen uns hier sehr wohl.“ Die 13 Mitarbeiter von Debitos, einer Online-Börse für den Handel mit Forderungen, sitzen in einem Souterrain im Westend. „Wir brauchen keine Tele-Tubbie-Welt“, sagt er. Sondern günstige Büroräume, kurze Mietverträge und eine gute Infrastruktur. „Die Start-ups sitzen vor allem in Berlin, nicht in Frankfurt“, sagt der Unternehmensberater Martin Kuppinger. Er rät der Stadt, die Rahmenbedingungen mit einem „Innovationszentrum“ zu verbessern. Von Vorteil für eine lebendige Gründerszene seien die richtigen Universitäten - oder der Standort sei eben „sexy“ wie Berlin. Auch der Architekt Jürgen Engel sieht die Stadt am Zug. „Wir werden in Frankfurt keine Gründerszene bekommen, wenn die Stadt nicht für die Rahmenbedingungen sorgt.“ Allerdings mangele es hier an Industrie-Lofts - „wie sie in Berlin überall herumstehen“. (rsch.)

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