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Graffito zu Flüchtlingsjungen : Tod und Teddys

Version 2: Nachdem das Bild des toten Flüchtlingsjungen mehrfach beschmiert und mit Parolen versehen worden war, stellen die Künstler Oguz Sen und Justus Becker jetzt ein neues Motiv vor. Bild: Bernd Kammerer

Ist das ein angemessener Umgang mit dem Grauen der Flucht? Das Graffito des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi an der Frankfurter Osthafenmole wirft Fragen auf.

          3 Min.

          Der Shitstorm ist der Ritterschlag dieser Zeit. Wer noch ohne ist, hat etwas falsch gemacht. Dementsprechend stolz zeigen sich die Sprayer Justus Becker und Oguz Sen auf die Reaktionen, die sie seit Mitte März mit ihrer Abbildung des toten Flüchtlingsjungen Aylan Kurdi provoziert haben. Die Beschimpfungen, die es im Internet setzte, hätten sie mutiger gemacht, bekennt Sen im „Journal Frankfurt“. Er freue sich, „dass die Frankfurter Bürger so cool sind“, dass sie mit weiteren Spenden eine neue Version des Graffitos ermöglicht hätten. Und, wie das Stadtmagazin in atemloser Anerkennung weiter schreibt: „Er geht sogar so weit, sich für den Shitstorm zu bedanken.“ Becker macht unterdessen klar: „Wir stellen die Sache über uns.“

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es fällt schwer, angesichts dieser auch medial völlig ungebrochenen Darstellung und Selbstdarstellung einen ironischen Tonfall, der dem Thema unangemessen ist, zu vermeiden. Vielleicht hilft dabei das Zugeständnis, dass alle Beteiligten es ehrlich und grundsätzlich gut meinen – die Künstler, die Spender, die Stadt, die die Mauer auf der Osthafenmole für das Graffito zur Verfügung gestellt hat, und auch die affirmativ-unreflektierten medialen Begleiter.

          Graffito kann niemand aus dem Weg gehen

          Es gibt vermutlich, zumindest hoffentlich, niemanden, den das Foto des ertrunkenen Flüchtlingsjungen, der Anfang September an den Strand der türkischen Küste geschwemmt wurde, nicht bewegt. Kein anderes Bild steht so eindrücklich für das Grauen, das der Krieg in Syrien, die Menschenschlepper und die Tatenlosigkeit des Westens verursacht haben. Trotz aller Abstumpfung durch tägliche Schreckensbilderfluten berührt die Hilflosigkeit des Kindes: Wie schlafend liegt Aylan, noch mit rotem T-Shirt, Hose und Schuhen bekleidet, auf dem Bauch im Sand. Im besten Fall ruft das Bild beim Betrachter nicht nur emotionale Erschütterung hervor, sondern auch eine gedankliche Auseinandersetzung mit dem Wesen und den Gründen der Fluchtkatastrophe.

          Kann das Graffito am Osthafen diesen Anspruch einlösen? Und selbst wenn: Rechtfertigte das, ein totes Kind im XXL-Format mit der schamlosen Ästhetik eines Werbeplakats zur Schau zu stellen? Das originale Foto von Aylan Kurdi in den Medien zu zeigen war schon eine Gratwanderung zwischen Dokumentationspflicht, Aufklärungswille, dem Respekt vor dem abgebildeten Menschen und der Würde des Toten. Die Entscheidung lag bei den Medien, aber auch bei den Rezipienten. Während einem Graffito im öffentlichen Raum niemand aus dem Weg gehen kann, bleibt es jedem selbst überlassen, sich eine Zeitung zu kaufen, eine Internetseite anzuschauen oder einen Fernsehsender einzuschalten.

          Purer Kitsch

          Für die Verpflichtung, das Bild trotz ethischer Bedenken zu publizieren und sich als Rezipient auch gegen innere Widerstände damit zu befassen, spricht vor allem seine Authentizität. Diese Authentizität fehlt dem Graffito am Osthafen. Allerdings haben die Künstler auch keine ästhetische Reflexion gewagt. Es hat ihnen gereicht, das Bild mit poppigen Farben auf Überlebensgröße zu skalieren. Wenn man überhaupt von einer künstlerischen Überformung sprechen kann, dann ist es eine völlig missratene. Ein toter Junge wird so behandelt, wie es Jeff Koons mit Kitsch oder Comicfiguren machen würde.

          Grauen, Tod und Leiden sind der künstlerischen Darstellung durchaus zugänglich. Der Maßstab von Picassos Guernica oder des Berliner Holocaust-Mahnmals ist sicherlich zu hoch gegriffen, aber es ist schon verwunderlich, dass sich niemand bei der Stadt, zum Beispiel aus dem Kulturamt, beratend zu Wort gemeldet hat, bevor Sen und Becker die Genehmigung erhielten, ihr Werk an eine Wand in so prominenter Lage zu sprühen. Gab es wirklich keine Skrupel, einen Kinder-Leichnam auf 120 Quadratmetern zu zeigen?

          Version 1: Anfang März sprühten Oguz Sen und Justus Becker das Bild des ertrunkenen Jungen an die Osthafenmole gegenüber dem Hafenpark.
          Version 1: Anfang März sprühten Oguz Sen und Justus Becker das Bild des ertrunkenen Jungen an die Osthafenmole gegenüber dem Hafenpark. : Bild: Imago

          Die Frage ist inzwischen überholt und stellt sich doch neu. Nachdem das Graffito des toten Jungen mit rechten Parolen beschmiert worden war, entschieden sich Sen und Becker dafür, es nicht wiederherzustellen, sondern durch ein anderes Bild von Aylan zu ersetzen. Vergangene Woche stellten sie die neue Version vor. Zu sehen ist nun ein kleiner, lachender Junge, umringt von kulleräugigen, pausbackigen Teddybären unter einem Schäfchenwolken-Himmel, dazu ein in Schreibschrift geschwungenes „Rest in Peace“. Es ist, das muss man so deutlich sagen, purer Kitsch.

          „Zur Not bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“

          Und wieder wird zur Legitimation die Authentizität der Vorlage herangezogen – ein Foto von Aylan mit einem Teddy zu einer Zeit, als er noch glücklich gewesen sei. Tatsächlich haben Verwandte dieses Bild bei einer Trauerzeremonie gezeigt. Aber es ist ein großer Unterschied, ob Angehörige mit einem privaten Foto an ein verlorenes Kind erinnern oder ob ebenjene Abbildung, zur Pop-Art übersteigert und damit ihres intimen Charakters beraubt, an eine Mauer gegenüber der EZB gesprüht und mit grinsenden Teddybären ins Grotesk-Sentimentale verzerrt wird.

          Den scheidenden Bürgermeister Olaf Cunitz (Die Grünen) plagen keine Zweifel an der Darstellungsform. Der Dezernent, der auch für die Liegenschaften am Hafen zuständig ist, regt auf seiner Facebook-Seite an, die Stadt sollte „ein Zeichen setzen“, indem sie beschließe, das Gemälde jedes Mal, wenn es beschädigt werde, auf eigene Kosten wiederherstellen zu lassen – „zur Not bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag“. Das wäre dann wirklich eine traurige Ironie. Käme es so, dann hätten mutmaßlich rechtsextreme Schmierer darüber bestimmt, in welcher Form eine künstlerische Auseinandersetzung mit dem Leid von Flüchtlingen stattzufinden hat.

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