https://www.faz.net/-gzg-8jcgz

Christopher Street Day : „Liebe gegen rechts“ statt „Lieb Geil“

Nicht der erste Streit: Das 2014 gewählte Frankfurter Motto zum Christopher Street Day, „Habemus Homo“, sorgte ebenfalls für Diskussionen. Bild: dpa

Mit Hitler wollen die Teilnehmer des Frankfurter Umzugs zum Christopher Street Day nicht in Verbindung gebracht werden. Um die Gemüter zu beruhigen, wurde das Motto kurzfristig geändert.

          2 Min.

          Einem Mann mit kleinem Oberlippenbart und strengem Seitenscheitel wollten sie nicht hinterherlaufen. Auch nicht, wenn er eine rosafarbene Uniform trägt. Und deswegen protestierten Ende Juni eine ganze Reihe von Schwulen und Lesben gegen das Motto des diesjährigen Christopher Street Day (CSD). Sie fanden es nicht witzig, sondern geschmacklos, eine Figur namens Adrian H. in Wehrmachts-Kluft eine der größten Paraden der Homo-Szene anführen zu lassen. Der Umzug durch die Frankfurter Innenstadt an diesem Samstag sollte unter dem Motto „Lieb Geil“ - in Frakturschrift - stehen. Das Maskottchen wäre ebenjener Adrian H. gewesen, eine Figur des Comedy-Duos „Frankfurter Klasse“, die in einem rosa Anzug mit Schäferhund-Aufnäher auftritt und „Liebe für alle!“ fordert.

          Zahlreiche schwul-lesbische Verbände, darunter das Asta-Schwulenreferat, „Hessen ist geil“ und „Diskurs 41“, schlossen sich der Kritik an dem Motto an. Sie drohten, den CSD komplett zu boykottieren, den Demonstrationszug einzukesseln oder keine Wagen mehr zum Umzug zu schicken. „Wir hatten die Wahl“, sagt Joachim Letschert vom Veranstalter, dem CSD-Verein Frankfurt. „Entweder wir ändern das Motto oder wir müssen große Verluste in Kauf nehmen.“ Und so entschied sich der Verein vor gut zwei Wochen schließlich für „Liebe gegen rechts“ als neues Motto.

          Motto sollte auf Rechtsruck hinweisen

          Zum CSD in Frankfurt kommen jedes Jahr mehrere tausend Besucher. Sie ziehen mit Motivwagen und schillernden Kostümen durch die Innenstadt. In diesem Jahr führt die Route vom Römerberg über die Große Eschenheimer Straße und die Konstablerwache bis zur Töngesgasse. Letschert und dem CSD-Verein war das Risiko zu groß, dass der Zug tatsächlich eingekesselt würde oder gar Schlimmeres passieren könnte. Mit „Liebe gegen rechts“ bleibe man dem Thema treu, habe aber die Gemüter beruhigt, meint Letschert.

          Auch Björn Beck von „Hessen ist geil“ ist zufrieden mit dem neuen Motto für den CSD-Umzug. Die Komik des ursprünglichen Mottos war seinem Verband und den anderen Initiativen zu weit gegangen. „,Lieb Geil‘ in Anlehnung an ,Sieg Heil‘ soll dazu dienen, sich NS-Symbolik anzueignen“, hieß es in einer Erklärung von „Hessen ist geil“. Man könne ein solches Vorgehen nicht unterstützen, es irritiere, verletze und grenze aus. Der Verband forderte mehr Geschichtsbewusstsein und einen reflektierteren Umgang mit dem Thema.

          Nach Angaben der Veranstalter sollte das Motto eigentlich auf einen „Rechtsruck in der deutschen Gesellschaft“ hinweisen. Man habe zeigen wollen, wie nationalistische und rechtskonservative Themen wieder Einzug in Deutschland hielten und wie die Erfolge der schwul-lesbischen dadurch ad absurdum geführt werden könnten. Auch in Frankfurt sei das ein Thema, sagt Joachim Letschert. „Mit der AfD im Römer gibt es eine größere Aufmerksamkeit in der Presse, sie kann homophobe Äußerungen besser plazieren.“ Die Hitler-Persiflage der „Frankfurter Klasse“ sei eigentlich „pfiffig“ und wäre eine gute Möglichkeit gewesen, „den Rechten“ zu zeigen, was man von ihnen halte.

          Wenige Vorschläge

          Auch Oliver Rasch, der Manager der „Frankfurter Klasse“, sagt, er verstehe nicht, wieso sich gerade das linke politische Spektrum über die Verunglimpfung Hitlers aufrege. „Das Motto und die Diskussion haben gezeigt, dass der CSD politisch ist und nicht nur eine Karnevals-Veranstaltung.“ Wenn Adrian H. aufgetreten wäre, hätte das die Diskussion noch befeuert, glaubt Rasch. Die Komiker verstünden aber auch, warum die Veranstalter sich gegen das kontroverse Motto entschieden hätten.

          Schwierigkeiten mit dem CSD-Motto sind kein neues Phänomen. Schon in den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu Streitigkeiten. Zuletzt hatten sich viele in der Szene 2014 über das Motto „Habemus Homo“ geärgert und es als „zu platt“ kritisiert. Andere Kritiker finden, dass der CSD zu einem kommerziellen Umzug verkomme. Letschert dagegen beklagt sich darüber, dass von den Gruppierungen in der Szene immer nur wenige Ideen kämen, obwohl der Verein auf sie zugehe und stets um Vorschläge bitte. „Hessen ist geil“ schlägt deshalb jetzt vor, im nächsten Jahr auf einem Kongress ein Motto zu erarbeiten, mit dem alle leben können.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zukunft der Menschheit : Eine Batterie für alles!

          Mit einem Handy fing alles an, inzwischen geben Autohersteller jährlich dutzende Milliarden dafür aus: Lithium-Ionen-Akkus treiben heute zahllose Geräte an. Die größte Zeit der Batterien steht aber noch bevor.

          Brexit-Debatte im Unterhaus : Ein neuer Antrag sorgt für Unruhe

          Zu Beginn des „Super Saturday“ liefern sich Boris Johnson und Jeremy Corbyn einen Schlagabtausch im britischen Parlament. Dabei ist mittlerweile unklar, ob am Nachmittag überhaupt über den Brexit-Vertrag abgestimmt wird.

          Brexit-Liveblog : Abrissbirnen und der Bus des Premierministers

          Johnson will vom Letwin-Antrag nichts wissen +++ Hunderttausende zu Demonstrationen erwartet +++ „Super Samstag“ im britischen Unterhaus +++ Alle Infos zum Durchbruch bei den Brexit-Verhandlungen im Liveblog.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.