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Neuer Krimi von Seghers : Spur in die Staatskanzlei

  • -Aktualisiert am

Die Orte, die im Roman vorkommen, werden auch vom Autor aufgesucht: Jan Seghers vor dem Cafè Mozart an der Frankfurter Töngesgasse. Bild: Kaufhold, Marcus

Roland Koch und das politische Personal Hessens geistern durch den neuen Krimi von Jan Seghers. Am Dienstag stellt der Autor „Die Sterntaler-Verschwörung“ in Frankfurt vor.

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          Sollte Roland Koch den Kommissar Robert Marthaler noch nicht kennen, so wird er ihn wohl demnächst kennenlernen. Denn die Spur führt den Krimihelden des Frankfurter Schriftstellers Jan Seghers alias Matthias Altenburg in das Machtzentrum der hessischen Landespolitik, nämlich in die Staatskanzlei und dortselbst in das Büro des Ministerpräsidenten. Dieser Ministerpräsident heißt Rolf-Peter Becker und hat eine gewisse, wenn nicht sogar eine verblüffende Ähnlichkeit mit Roland Koch.

          „Alle Ereignisse und Personen sind frei erfunden. Selbst der Vollmond scheint, wann er will“, informiert Seghers zu Beginn seines neuen Romans „Die Sterntaler-Verschwörung“ die Leser. Der Vollmond, der einem von Mördern verfolgten jungen Helden des Romans den Weg durch den Hessenpark bei Neu-Anspach leuchtet, hat in jener Sommernacht 2008, die Seghers beschreibt, nicht geschienen. Normalerweise achtet der Autor darauf, dass solche Details stimmen. Doch dramaturgisch war in dieser Szene einfach Licht nötig.

          Privatbesuch beim Dalai Lama

          Selbstverständlich sind auch die handelnden Personen und das mörderische Geschehen im Roman erfunden. Doch streitet Seghers keineswegs ab, sich realer Vorbilder bedient zu haben. Das wäre im Übrigen auch unsinnig, denn der Ministerpräsident Rolf-Peter Becker, von seinen Mitarbeitern kurz MP genannt, ist ganz offensichtlich nach dem Vorbild des einstigen Landeschefs Koch gestaltet.

          Der Roman beginnt damit, dass Becker mit dem Flugzeug von einer Reise nach Dharamsala zurückkehrt, wo er dem Dalai Lama einen Privatbesuch abgestattet hat: „Der Dalai Lama galt als weise und witzig, zwei Eigenschaften, die man dem Ministerpräsidenten zu seinem Leidwesen völlig absprach“. Manchmal stellt sich Becker, der ein Ausbund an Fleiß, Disziplin und Zähigkeit ist und sich durch Aktenberge geradezu hindurchfrisst, vor, im leuchtenden Gewand eines buddhistischen Mönches vor den Landtag zu treten und lange in die Kameras zu lächeln: „entspannt, witzig und weise“.

          Erinnerung an den Fall Ypsilanti

          Doch der MP ist alles andere als entspannt. Denn er hat ein Problem. Er ist nur noch ein halber Ministerpräsident, nämlich ein geschäftsführender, weil nach der Landtagswahl eine Pattsituation zwischen den beiden großen Parteien herrscht und die Gegnerin des MP, die rote Sabine Xanthopoulos, von Beckers Mitstreitern intern nur Xanthippe genannt, sich daranmacht, mit Hilfe der Linken zur Ministerpräsidentin gewählt zu werden. Und deshalb entwickelt man in der Staatskanzlei einen Schlachtplan.

          Das alles erinnert nicht zufällig an die denkwürdige Auseinandersetzung zwischen Roland Koch und Andrea Ypsilanti im Jahr 2008, die damit endete, dass vier SPD-Abgeordnete Ypsilanti die Gefolgschaft verweigerten, womit ihr Traum zerplatzte, hessische Ministerpräsidentin zu werden. Der Machtkampf ist der Hintergrund, vor dem sich das Mord-Geschehen in Seghers Kriminalroman entfaltet.

          Echte Orte als Grundlage

          Ein Polit-Krimi also? Nein, der Begriff missfällt Seghers ganz und gar. Für ihn ist „Die Sterntaler-Verschwörung“ ein Gesellschaftsroman im Gewand eines Krimis. Seghers möchte wie Balzac die menschliche Komödie des Lebens schreiben, des Lebens unserer deutschen Republik. Nur im Kriminalroman könne man das heute noch, glaubt er, denn hier seien die realistischen Formen des 19. Jahrhunderts noch akzeptiert.

          Nachdem 2010 sein Roman „Die Akte Rosenherz“, dem Seghers den Fall der 1966 ermordeten Frankfurter Edelprostituierten Helga Matura zugrunde gelegt hatte, erschienen war, suchte der Autor nach einem neuen Fall für seinen Kommissar Marthaler. Die erste Spur zu einem neuen Stoff bestand aus einem Bild: Ein Junge beobachtet ein seltsames Geschehen und findet etwas, das er nicht sehen soll. Das sei das „Saatkorn“ für die „Sterntaler-Verschwörung“ gewesen. Der Frankfurter Literaturwissenschaftler Heiner Boehncke hat Seghers an einen Schauplatz geführt, der zur Szene im Kopf des Autors passte. Die Wiese und das einsame Haus, von dem aus der Junge einen Motorradfahrer verunglücken sieht, fand Seghers in Schwarzenfels im Main-Kinzig-Kreis. Dort wohnt auch jener Oberförster Freiherr Johann von Münzenberg, ein CDU-Landtagsabgeordneter, der sich von MP Becker und seinem Kurs des Flughafenausbaus ab- und den grünen Krötenfreunden zuwendet. Diesem Überläufer, der die Mehrheitsverhältnisse in Wiesbaden zugunsten der roten Xanthopoulos zu verändern droht, soll kinderpornographisches Material untergeschoben werden, um ihn zum Verzicht auf sein Mandat zu zwingen.

          Der schlimme Finger vom LKA

          Die Finger im Spiel hat dabei der Regierungssprecher in Wiesbaden, ein Mann, der so ist, wie er heißt, nämlich Klotz: „kantig und rund zugleich, gedrungen, kompakt, ein Stück hartes Holz“. Kennern der Wiesbadener Verhältnisse fällt bei der Beschreibung dieses Udo Klotz sofort der damalige Regierungssprecher Dirk Metz ein, ein Intimus Roland Kochs, der an vielen Schrauben gedreht und manche Fäden gezogen hat. Ihn kennt Seghers aus dem Fernsehen und aus dem Buch des F.A.Z.-Journalisten Volker Zastrow „Die Vier. Eine Intrige“, das von den vier sozialdemokratischen Abweichlern handelt, die Ypsilanti die Gefolgschaft verweigert haben.

          Ein anderer schlimmer Finger in diesem Kriminalroman ist der Polizeibeamte Axel Rotteck vom Landeskriminalamt. Er, der sich selbst Bulle nennt und das Recht gerne in die eigene Hand nimmt, hat einen LKA-Mann zum Vorbild, den Seghers einmal bei einer Zugfahrt im Kreis seiner Kollegen beobachtet hat. Und dann ist da noch die Leiche in einem kleinen Hotel am Zoo, eine Journalistin, die Herlinde Scherer heißt und stark an die Fotografin Herlinde Koelbl und die Reporterin Marie-Luise Scherer erinnert. Sie muss sterben, weil sie der Sterntaler-Verschwörung auf der Spur ist.

          Alle Schauplätze besucht

          Für Frankfurter ist der neue Marthaler, wie Krimifreunde diese Neuerscheinung nennen, nicht nur deshalb besonders faszinierend, weil Ypsilanti aus Frankfurt kommt und die Geschehnisse um ihren Sturz Stadt und Land aufgerüttelt haben. Seghers stellt seine Figuren auch in Schauplätze, die jedem Frankfurter bekannt sind. Die Journalistin Anna begegnet dem Kommissar Marthaler vor dem Café Mozart an der Töngesgasse, das Weiße Haus, in dem Marthalers Morddezernat untergebracht ist, steht tatsächlich als weißes Haus an der Rothschildallee, ihre Brötchen holen die Ermittler bei Harry an der Rohrbachstraße, dessen Bäckerei seit ihrem Erscheinen in den Seghers-Romanen voll ist.

          „Ich kann keine Szene schreiben, wenn ich den Schauplatz nicht kenne“, sagt Seghers. So hat er denn wieder alle Schauplätze abgefahren: die Frankfurter auf seinem Rennrad mit dem Olmo-Rahmen, die Straßen nach Schwarzenfels mit dem Auto. Den versteckten Fahrradladen in einem Hinterhaus an der Töngesgasse, dessen Betreiber der mit Marthaler ermittelnden Anna ein Basso-Rad überlässt, gibt es im Übrigen wirklich. Der „Rebicycle“-Inhaber Thomas Bürger hat Seghers schon das eine oder andere Rennrad zusammengeschraubt.

          In einem halben Jahr geschrieben

          Und wie geht es mit Tereza weiter, Marthalers Liebe, fragen vor allem die Leserinnen. Lange ist Seghers dazu nichts eingefallen, nachdem sie im vorigen Roman schwanger war und ihr Kind verlor. Den Tipp zur weiteren Entwicklung der spannungsreichen Liebesbeziehung zwischen dem Kommissar und der Kunsthistorikern hat ihm der Verleger Karlheinz Braun gegeben. Marthaler sei so oft ohne Grund eifersüchtig gewesen, sagte er zu Seghers, da solle er ihm doch einmal einen Grund geben.

          Drei Jahre lang haben sich die Figuren, die Geschichte und die Schauplätze der „Sterntaler-Verschwörung“ im Kopf von Seghers entwickelt. Dann hat er das Buch innerhalb eines halben Jahres wie im Rausch heruntergeschrieben. Es entstand zu einem Gutteil in Bordeaux, wo Seghers acht Wochen lang dank eines Stipendiums des Hessischen Literaturrats in einem Haus in der Altstadt arbeiten konnte. Hessische Unterstützung für einen hessischen Stoff - besser konnte das Land sein Geld nicht anlegen. Der Ministerpräsident hat davon aber nichts gewusst.

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