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Historisches Hanau in Bildern : Rückblick auf eine verlorene Stadt

Lieferverkehr: In den dreißiger Jahren nahm Johannes Koltermann diese Szene vor dem Goldschmiedehaus in Hanau auf. Bild: Wartberg Verlag

Der ehemalige Leiter des Historischen Museums Hanau hat einen Bildband vorgelegt. Er zeigt die Stadt vor ihrer fast totalen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg.

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          Wie schön sind sie doch gewesen: das einstige Stadtschloss, das Stadttheater oder das Zollamt – und für immer verloren. Im nächsten Jahr ist es 75 Jahre her, dass am 19. März 1945 die Hanauer Innenstadt von einem Bombenangriff zerstört wurde und mehr als 2000 Männer, Frauen und Kinder ihr Leben verloren. Es gibt nicht mehr viele Menschen, die von dem Ausmaß der Zerstörung aus eigener Anschauung berichten können, nicht mehr viele, die beschreiben können, was sie fühlten, als ihr Blick unverstellt über die Trümmer von der Vorstadt bis zum Hauptbahnhof reichte. Auch diejenigen, die sich in den vergangenen Jahren noch daran erinnern konnten, wie Hanau davor ausgesehen hat, sind inzwischen hochbetagt oder gestorben.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Doch es gibt Fotos, die das alte Hanau vor dem 19. März 1945 dokumentieren. Johannes Koltermann war einer, der in den Straßen und Gassen Hanaus vor der Zerstörung regelmäßig mit seiner Kamera unterwegs war. Er war kein ausgebildeter Fotograf, aber Historiker. So machte er es sich zur Aufgabe, das Bild der Stadt festzuhalten, vielleicht weil er ahnte, dass es dem Untergang geweiht war. In den Jahren zwischen 1935 und 1939 fotografierte er die Gassen der Altstadt und die angrenzenden Straßen der Neustadt und fertigte damit unwiederbringliche zeitgeschichtliche Dokumente an. Er verwahrte sie in drei Fotoalben, die er im Jahr 1950 dem Hanauer Geschichtsverein schenkte.

          Seitdem werden sie im Museum Schloss Philippsruhe aufgehoben. Jetzt nahm der ehemalige Museumsleiter Richard Schaffer-Hartmann mit Blick auf den bevorstehenden Jahrestag diese Fotografien als Grundlage für seinen Bildband „Alt-Hanau, Bilder, die Geschichten erzählen“, den er in Kooperation mit dem Geschichtsverein, dem städtischen Bildarchiv und dem Wartberg Verlag in Gudensberg erstellte. 70 Fotografien Koltermanns enthält der Band. Ergänzt werden sie um 20 Aufnahmen, die überwiegend von Hanaus erstem Stadtfotografen Franz Weber aufgenommen wurden. Seine Fotografien entstanden ungefähr zur gleichen Zeit wie Koltermanns. Webers Arbeit geht zurück auf ein Reichsgesetz aus dem Jahr 1934, das die Einrichtung von Bildstellen in den Kommunen verfügte. In Hanau wurde damit der Lehrer Franz Weber beauftragt.

          Nur wenige Gebäude wurden originalgetreu wieder aufgebaut

          Schaffer-Hartmann führt den Betrachter nicht nur optisch anhand der Fotografien zurück in die Vergangenheit, er erläutert jedes einzelne Foto auch durch interessante Informationen. Am Beginn steht das einstige Rathaus der Altstadt, das heutige Goldschmiedehaus, mit einem Kuh- oder Ochsenkarren auf der Straße davor. Schaffer-Hartmann erläutert die wechselvolle Geschichte des Gebäudes, von dem nach dem Krieg nicht viel mehr als die Seitengiebel übrig geblieben war. Es zählt zu den wenigen historischen Gebäuden, die wieder originalgetreu aufgebaut wurden. Dem nur wenige Schritte entfernten, am Schlossplatz gelegenen Stadtschloss wurde dieser Aufwand nicht zuteil. Immerhin blieb der Marstall des Ensembles stehen. So erkennt der heutige Betrachter auf einem der Fotos zum Thema Stadtschloss die Frontseite dieses Bauwerks mit dem Wappen der Stadt wieder. Es wurde nach dem Krieg zur Stadthalle umfunktioniert, später umbaute man die historischen Mauern mit gläsernen Wänden und kreierte den heutigen Congress Park Hanau. Der Bildband gibt einen Eindruck davon wieder, wie ausladend die Schlossanlage einst war und was für ein Kleinod Hanau mit ihr besessen hat.

          Das einstige Stadttheater, errichtet auf Wunsch der Landgräfin Marie von Hessen-Kassel und auf Geheiß ihres Sohnes, des „Wilhelmsbad-Erbauers Erbprinz Wilhelm IX. von Hessen-Kassel, entstand im achtzehnten Jahrhundert dort, wo sich zuvor die Bastionen der Altstadt an der Grenze zur Neustadt befanden. Zerstört wurde es nach den Erläuterungen von Schaffer-Hartmann bei einem alliierten Luftangriff am 6. Januar 1945. Die Trümmer wurden im Jahr 1954 beseitigt. An ihre Stelle trat das Y-Haus, das erste Hochhaus in der Hanauer Innenstadt. Fast vergessen ist der Mainkanal, der sich einst vom Kanaltorplatz in Richtung Main erstreckte. Ein Foto aus dem Jahr 1935 zeigt, dass es sich durchaus um ein beachtliches Stück Wasserweg handelte. An seinem Ende stand das Zollamt. Das war ein in klassizistischem Stil erbautes, imposantes Gebäude mit einer Grünfläche, auf dem der Schwanenbrunnen plätscherte. Er bildet heute den Blickfang des Rondells des Beethovenplatzes. Beim Wiederaufbau Hanaus wurde der Stichkanal laut Schaffer-Hartmann um das Jahr 1953 mit Bauschutt aufgefüllt. An die Stelle des Zollamts trat der Schlachthof, heute befindet sich dort das Einkaufsareal Postcarré.

          Der Band „Alt-Hanau – Bilder, die Geschichte erzählen“ von Richard Schaffer-Hartmann ist erschienen im Wartberg Verlag und kostet 16,90 Euro.

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