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Neue Wohngebiete : Kein Bedarf für Zuzug aus Frankfurt

Will nicht gemeinsame Sache mit Frankfurt machen: Sulzbach von oben. Bild: Maik Reuß

Frankfurt will mit seinen Nachbarn gemeinsam neue Wohngebiete planen. Doch die reagieren verhalten. Nur Friedberg will am Montag beim „Runden Tisch Wohnen“ die Zusammenarbeit empfehlen.

          3 Min.

          Sulzbach und Frankfurt trennen nur wenige Autominuten. Gefühlt liegen zwischen der rund 8000 Einwohner großen Gemeinde mit dem dörflichen Charakter und der benachbarten Mainmetropole jedoch Welten. Obwohl Sulzbach mit dem Main-Taunus-Zentrum und Betrieben wie Clariant und Celanese nicht ganz so ländlich geprägt ist wie es die Sulzbacher mitunter glauben machen wollen. In jedem Fall hat die Gemeinde eines, was in der Region derzeit heiß begehrt ist: Das 20 Hektar große Baugebiet „Südlich der Bahnstraße“, auf dem bis zu 800 Menschen ein neues Zuhause finden könnten, zentral gelegen, mit Blick auf die A66. Noch sind die Sulzbacher unentschlossen, ob und wie groß sie sich das Gebiet wünschen. Nur eines wissen sie: Frankfurter wollen sie dort nicht.

          Mechthild Harting

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Die knüpfen mich auf, wenn ich die Fläche ins Gespräch bringe“, soll Sulzbachs Bürgermeisterin Renate Wolf (SPD) in der ersten Gesprächsrunde Anfang März gesagt haben, zu der Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) erstmals die Nachbarkommunen in den Römer eingeladen hatte, um das Problem der fehlenden Wohnungen im Ballungsraum gemeinsam zu erörtern.

          Freies Reichsdorf

          Am Montag kommen alle zur zweiten Sitzung des „Runden Tisch Wohnen“ zusammen, der nun gemeinsam von der Stadt Frankfurt und dem Regionalverband organisiert wird und zu dem 38 Kommunen aus der Region zugesagt haben. Außerdem nehmen Wohnungsbaugesellschaften, darunter die Frankfurter ABG Holding, die schon in Offenbach Wohnungen errichtet, teil. Auch Architekten, Vertreter der Wirtschaft und der Gewerkschaften sind dabei.

          Wolf wird auch dieses Mal nicht um Zuzügler werben, schon gar nicht aus Frankfurt. „Das hört man in meiner Gemeinde nicht gern.“ Sulzbach war mehr als zwei Jahrhunderte freies Reichsdorf. Bei der Gebietsreform Anfang der Siebziger hat es hart gekämpft, um unabhängig zu bleiben. Diesen Freiheitswillen gebe es heute noch, sagt die Bürgermeisterin, „das wird hier vererbt“. Man bleibt auf Distanz - insbesondere auch zur Großstadt.

          „Man glaubt nicht, wie schwer es ist, heute zu bauen“

          Zumal in Sulzbach die Nachfrage nach Baugrundstücken groß ist. Junge Sulzbacher spekulieren auf die Fläche, das einzige größere Neubaugebiet, das Sulzbach noch entwickeln kann. Doch das Vorhaben ist nicht unumstritten. Vor 20 Jahren schon strengten die Grünen ein Bürgerbegehren gegen das Neubaugebiet an. Das scheiterte, doch erst vor zwei Jahren hat Wolf das Thema wieder aufgegriffen. „Wir haben wieder bei Null angefangen, jetzt aber mit einem echten Bürgermitwirkungsverfahren.“ Wolf möchte, dass Sulzbach noch wächst, auch um für neue Betriebe und deren Beschäftigte interessant zu sein. „Wenn wir uns nicht entwickeln, tun es andere“, argumentiert Wolf und hofft, die Sulzbacher zu überzeugen.

          „Man glaubt nicht, wie schwer es ist, heute zu bauen“, resümiert Oberursels Bürgermeister Hans-Georg Brum (SPD). Jedes Neubauvorhaben werde skeptisch beäugt. Dabei wird in Oberursel ordentlich gebaut. Die Bevölkerung ist in den vergangenen zehn Jahren um vier Prozent auf knapp 45.000 Einwohner gewachsen.

          Oberursel will nicht stürmisch wachsen

          Frankfurts Intention, gemeinsam mit der Region bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, hält Brum für interessant und richtig. „Wir sind offen für Kontakte und neue Ideen.“ Nur die Vorstellung, er könne aus dem Stegreif ein Baugebiet entwickeln, sei unrealistisch. Auch, wenn formal im regionalen Flächennutzungsplan für Oberursel mit „Bommersheim-Süd“ ein großes Wohnareal von rund 16 Hektar vorgesehen ist.

          Oberursel will nicht stürmisch wachsen. „Wohnhochhäuser kommen für uns gar nicht in Frage“, sagt Brum. Und Schulen und Kindergärten brauche man auch. Im Vordertaunus werde es auch in Zukunft „tendenziell kleinteiliger“ zugehen. Für eine Trabantenstadt auf der grünen Wiese, wie sie derzeit für den Frankfurter Norden diskutiert wird, gibt es dort keinen Bedarf.

          Grundstückspreise müssten niedriger als in Frankfurt sein

          Mit offenen Armen nimmt dagegen die Stadt Friedberg das Angebot der Frankfurter ABG Holding auf, in der Kreisstadt der Wetterau Wohnungen zu errichten - für Friedberger und für die viel zitierte Frankfurter Krankenschwestern, die sich am Main das Wohnen nicht leisten können.

          Friedbergs Bürgermeister Michael Keller (SPD) geht enthusiastisch auf Frankfurts Wohnungsbaugesellschaft zu, weil sich am südlichen Stadtrand ein 74 Hektar großes Kasernengelände befindet. „Das Areal der Ray Barracks ist größer als Friedbergs Innenstadt“, sagt Keller. Das sei eine Stadtentwicklung, die Friedberg nicht allein stemmen könne, „da braucht man Verbündete“. Offenbar will die ABG dieser Verbündete sein. Für ein Quartier, in dem einst amerikanische Offiziere wohnten, wollen Friedberg und die ABG kooperieren, das Kasernengelände soll folgen.

          „Bezahlbaren Wohnraum kann man nur schaffen, wenn die Grundstückspreise niedriger als in Frankfurt sind“, sagt ABG-Chef Junker. Und: Den derzeitigen Wohnungsmangel zu beheben, „ist eine gemeinsame Aufgabe der Region“. Im übrigen habe Friedberg beste Nahverkehrsanbindungen, da biete es sich selbst für eine Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft an, aktiv zu werden. „Es geht nicht um den klassischen sozialen Wohnungsbau“, betont Junker, und weiß, dass er dies in den nächsten Monaten noch häufig den Bürgermeistern der Umlandgemeinden versichern muss. Keller muss er nicht mehr überzeugen. Der will auch heute seinen Amtskollegen von seinen guten Erfahrungen berichten. „Das ist unsere Chance.“ Schließlich sei man in 21 Minuten mit dem Regionalexpress aus Friedberg in Frankfurt, in zehn Minuten auf der A5. Doch Keller ahnt: Für viele in der Region ist Friedberg „einfach tiefstes Nordhessen“.

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