https://www.faz.net/-gzg-78r7q

Neue Verbindung : Diesmal will die Bahn alles richtig machen

Schneller mit der Bahn: Noch ist nicht genau klar, wie die Strecke nach Würzburg und Fulda verbessert werden soll. Bild: obs

Mit Bürgerbeteiligung von Anfang an: Die Verbindung nach Fulda und Würzburg soll verbessert werden.

          3 Min.

          Das ist es, was sie bei der Deutschen Bahn eigentlich vermeiden wollen. Dass sich die Bürger zu schnell festlegen. Kaum hatte der Konzern gemeinsam mit der hessischen Landesregierung Ende Januar wissen lassen, man wolle ganz ergebnisoffen mit der Neuplanung einer schnelleren Eisenbahnverbindung von Frankfurt nach Fulda und Würzburg beginnen, beschloss der Kreistag des Landkreises Aschaffenburg schon einstimmig, dass er entschieden gegen eine der Varianten sei, die Mottgers-Spange. Und auch eine der Bürgerinitiativen ließ nicht auf sich warten. „Variante Mottgers-Spange weiterhin abgelehnt“, hieß es postwendend.

          Manfred Köhler

          Stellvertretender Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und verantwortlicher Redakteur des Wirtschaftsmagazins Metropol.

          Den Mitarbeitern der DB wird wohl spätestens im diesem Moment klar geworden sein, welche Herkulesaufgabe vor ihnen liegt. Denn nach dem Desaster bei Stuttgart21 will der Staatskonzern diesmal im Umgang mit den Bürgern unbedingt alles richtig machen. Es soll wirklich ergebnisoffen diskutiert werden. Es sollen alle mitreden. Es sollen alle alles wissen. „Information - Konsultation - Kooperation“ steht auf einem Leitfaden für den Kontakt mit den Beteiligten. „Ansprache von Akteuren“, „Meinung einholen“, „Mitsprache gewähren“. Es ist eine solch übergroße Aufgabe, jeden Fehler im Umgang mit den Bürgern zu vermeiden, dass sich die Zuständigen im Moment nicht einmal äußern mögen, wie und wann es mit dem Beteiligungsverfahren losgehen soll - jedenfalls nicht vor der Landtagswahl, wird angedeutet. Die DB holt Unternehmensberater dazu. Sie erarbeitet Konzepte. Sie tüftelt am Zeitplan. Kurzum: Sie geht Bürgerbeteiligung mit der gleichen Gründlichkeit an, mit der sie einen Fahrplan entwirft oder eine Weiche verlegt.

          Zwei Möglichkeiten

          Gute Vorbereitung kann nicht schaden. Denn wie auch immer das ehrgeizige Vorhaben, den Eisenbahnverkehr von Frankfurt Richtung Osten zu beschleunigen, eines Tages verwirklicht wird - Verlierer wird es zwangsläufig geben. Neue Gleise zerschneiden Landschaft, Züge machen Lärm. Anders geht es nicht. Immerhin scheint Einigkeit darüber zu herrschen, dass es so wie jetzt nicht bleiben kann. Die Strecke von Frankfurt nach Fulda ist eine der Hauptachsen der deutschen Eisenbahn, hier fahren alle Züge Richtung Hannover, Hamburg und Berlin entlang. Bis zu 150 Züge am Tag sind jeden Tag in jeder Richtung dort unterwegs, damit gilt die Strecke als überlastet. Zugleich aber schleichen die Intercity-Züge durch das Kinzigtal dahin. Reisegeschwindigkeit: 120 Kilometer in der Stunde. Nicht konkurrenzfähig.

          Wer Verbesserungen erreichen will, kommt schnell auf die beiden Lösungen, über die seit Jahrzehnten diskutiert wird. Entweder, man verlegt zwei weitere Gleise unweit der vorhandenen. Oder man fährt weiter südlich quer durch den Spessart. Diese Idee vor allem beflügelte in den neunziger Jahren die Planer. Die Strecke träfe bei Sinntal-Mottgers auf die Schnellfahrstrecke von Fulda nach Würzburg - daher der Name Mottgers-Spange. Zwar ist das ein Umweg von acht Kilometern gegenüber der Verbindung entlang des Kinzigtals. Aber dafür könnten diese Gleise auch die Züge Richtung Würzburg nutzen, die weiter nach München fahren. Auch sie nehmen heute bis Würzburg nur begrenzt Fahrt auf. Reisegeschwindigkeit: 110 Kilometer in der Stunde.

          Landschaft zerschneiden

          Man muss nur auf die Landkarte schauen, um zu ahnen, wo sich Gegner und Befürworter der beiden Lösungen finden. In Aschaffenburg fürchtet man zu Recht, dass bei einem Bau der Mottgers-Spange viele Züge auf ihrem Weg nach Würzburg an der Stadt vorbeifahren. Auch im Spessart wird die Mottgers-Spange nicht viele Freunde haben. Selbst Tunnelabschnitte kommen nicht ohne Landschaftsverbrauch aus, weil es am Ein- und Ausgang heutzutage große Aufstellplätze geben muss, auf der im Notfall Rettungsfahrzeuge geparkt werden können.

          Andererseits würden zwei weitere Gleise im Kinzigtal die Landschaft dort weiter zerschneiden. Selbst die Verbreiterung der jetzigen Trasse von zwei auf vier Gleise würde schon einen beachtlichen Eingriff bedeuten. Doch die früheren Pläne sahen vor, die zwei neuen Gleise auf einigen Abschnitten getrennt zu führen. Das Kinzigtal würde sich so verändern, wie sich bei der Mottgers-Spange der Spessart verändern würde. Außerdem wäre damit dem Eisenbahnverkehr Richtung Würzburg nicht geholfen.

          Eine Bürgerinitiative gibt es schon

          Nach Berechnungen der Deutschen Bahn von 2002 ist es Richtung Fulda egal, welches Bauvorhaben verwirklicht wird. Die Stadt erreichte man von Frankfurt aus über die Mottgers-Spange neun Minuten schneller als jetzt, über eine Neubaustrecke durchs Kinzigtal gewönne man gerade eine Minute mehr. Nach Würzburg aber brächte die Mottgers-Spange einen echten Fahrzeitgewinn: 18 gegenüber nur neun Minuten, wenn die vorhandene Strecke modernisiert würde.

          Nachdem jahrelang die Planungen ruhten, hat sich jetzt die Bundesregierung immerhin bereit gefunden, die Wiederaufnahme der Vorarbeiten zu finanzieren. Nicht nur die Bürgerbeteiligung, auch die rechtlichen Vorarbeiten bis zum Planfeststellungsbeschluss werden Jahre dauern. Und auch dann ist noch keineswegs sicher, ob Geld für den Bau bereitsteht. Die Bundesmittel reichen bei weitem nicht für alle wünschenswerten Vorhaben aus. Andererseits: ohne fertige Pläne ist an die Bewilligung von Mitteln nicht zu denken. Es geht also nicht anders als Schritt für Schritt. Mindestens zehn Jahre gingen bis zum einem Baubeginn noch ins Land, heißt es bei der Deutschen Bahn.

          Angesichts der zu erwartenden Widerstände ist die Versuchung groß, sich lediglich auf einige Modernisierungsvorhaben an den heutigen Strecken hier und da zu verständigen. Das fordert auch schon eine Bürgerinitiative aus der Region. Die Fahrgäste, die von schnell befahrbaren Neubaustrecken profitieren würden, pflegen sich hingegen nicht zu organisieren. Es wird nicht möglich sein, es allen recht zu machen.

          Weitere Themen

          Neuverschuldung des Bundes steigt auf fast 100 Milliarden Euro Video-Seite öffnen

          Von Scholz gebilligt : Neuverschuldung des Bundes steigt auf fast 100 Milliarden Euro

          Das Bundeskabinett hat den Haushaltsentwurf von Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) gebilligt. Dieser sieht für das kommende Jahr eine weitere Neuverschuldung von gut 96 Milliarden Euro vor. Ab 2022 will die Regierung wieder die Schuldenbremse im Grundgesetz einhalten, doch sollen bis 2024 neue Kredite von gut 22 Milliarden Euro aufgenommen werden.

          Topmeldungen

          Besucherinnen bei der Kampagnenveranstaltung Donald Trumps Mitte September in Phoenix.

          Wahlkampf in Amerika : Mein Latino, dein Latino

          Amerikas Demokraten haben im Wahlkampf Arizona, einst eine republikanische Bastion, im Visier. Der demographische Wandel ist auf ihrer Seite. Doch Donald Trump hält dagegen.
          Bas Dost traf für die Eintracht zum 2:0.

          3:1 bei Hertha BSC : Die starke Eintracht stürmt auf Platz eins

          Hertha BSC wollte den Schwung vom Auftaktsieg mitnehmen. Der Plan geht gewaltig nach hinten los. Frankfurt verliert zwar früh einen Spieler, nutzt aber die Torchancen – und steht vorerst an der Tabellenspitze.
          Pandemie in der Luft: Eine Flugbegleiterin auf einem Flug von Kairo nach Scharm al Scheich

          Reisewarnungen wegen Corona : Wie wird eine Region zum Risikogebiet?

          Das Auswärtige Amt tüftelt an den neuen Regeln für Reisen während der Corona-Pandemie. Einige Warnungen könnten wegfallen. Aber das ist kein Grund für allzu große Freude mit Blick auf Herbst- und Winterferien.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.