https://www.faz.net/-gzg-7jafw

Neue Synagoge in Darmstadt : Zeichen des Glauben, der Versöhnung und Zuversicht

  • -Aktualisiert am

Ort des Gedenkens, Ort des Feierns: die Neue Synagoge in Darmstadt. Bild: Sick, Cornelia

Darmstadt begeht den 25. Jahrestag der Weihe der Neuen Synagoge und erinnert an die Novemberpogrome vor 75 Jahren.

          3 Min.

          Das Darmstädter „Jahr wider das Vergessen“ hat am Wochenende seinen Höhepunkt erfahren. Am Freitag wurde zunächst eine Gedenktafel an den Landes-Rabbiner und Orientalisten Julius Landsberger enthüllt. Am Samstag fand die traditionelle Gedenkveranstaltung zum 9. November 1938 in der Neuen Synagoge statt, in der am Tag darauf in einer Feierstunde an die Einweihung dieses Gotteshauses vor 25 Jahren erinnert wurde. Wegen der besonderen Jubiläumsfeierlichkeiten konnte die Jüdische Gemeinde auch ehemalige Mitglieder und Überlebende des Holocaust aus Israel, den Vereinigten Staaten oder Dänemark begrüßen, die auf Einladung der Stadt in ihre frühere Heimat gekommen waren.

          Oberbürgermeister Jochen Partsch (Die Grünen) sagte zum 9. November 1988, damals habe mit der Einweihung der Neuen Synagoge in Darmstadt eine neue Ära jüdischen Lebens begonnen. Deshalb sei heute „ein Tag der Freude“. Ohne die Neue Synagoge wäre die Stadt unvollständig. Das nach den Plänen des Architekten Alfred Jacoby errichtete Gotteshaus sei ein „ganz besonderes Stück Darmstadts“ und nicht nur ein wichtiger Ort des Gebets, sondern auch des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens. Partsch nannte es allerdings „beschämend“, dass es nach der Zerstörung der drei alten Synagogen im November 1938 so lange dauerte, bis ein Einzelner die Initiative zum Bau einer neuen Synagoge angestoßen habe. Mit Blick auf eine Bemerkung Moritz Neumanns versicherte der Oberbürgermeister, der Appell, öffentlich an Rüdiger Breuer zu erinnern, sei bei ihm angekommen.

          Weiterhin in Gefahr

          Neumann, Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, hatte den früheren SPD-Abgeordneten Breuer zuvor als den „Spiritus Rector“ des Synagogenprojekts bezeichnet und hinzugefügt, „der Stadt würde es gut anstehen, ihn zu ehren“. Der verstorbene Breuer habe in einer Zeit, in der öffentlich gefragt worden sei, wozu man eigentlich neue Synagogen brauche, beharrlich an seiner Idee festgehalten und damit wesentlich zu dem „kleinen Wunder“ einer wachsenden Gemeinde beigetragen. Auch durch ihn sei der 25. Jahrestag der Synagogeneinweihung „ein Tag, der unsere Herzen wärmt“. Die Neue Synagoge sei ein Zeichen des Glaubens, der Versöhnung und Zuversicht.

          Dieses Leben ist freilich, wie verschiedene Redner deutlich machten, weiterhin gefährdet. Daniel Neumann von der Jüdischen Gemeinde wies auf der Gedenkveranstaltung am Samstag auf den wiederholt beschädigten Glaskubus am Güterbahnhof hin, der als Mahnmal auf die Deportation von Juden, Sinti und Roma erinnert, sowie auf Stolpersteine, die kurz nach ihrer Verlegung wieder entwendet und von denen einige durch die Scheibe des Rathauses von Seeheim-Jugenheim geworfen worden seien. Erinnerung an das, was in der Vergangenheit geschah, sei Juden nicht nur durch die Thora aufgegeben und im Fall des Holocaust in das kollektive Gedächtnis eingebrannt. „Das Vergessen wird uns durch solche Taten auch unmöglich gemacht“, sagte Neumann. Antisemitismus sei nicht totzukriegen und alte Stereotypen lebten immer wieder auf und sei es in „geist-, gedanken- und geschmacklosen Äußerungen“. Auch die Angriffe auf einen Offenbacher Rabbiner „lassen uns nicht vergessen, wer wir sind und wo wir sind“. Allerdings gebe es andere Entwicklungen wie die breite Unterstützung des jüdischen Lebens in Darmstadt, die eine Bestätigung dafür seien, „dass es sich trotz aller Tiefschläge lohnt, die Hoffnung nicht zu verlieren“.

          Ausdruck jüdischer Emanzipation

          Partsch bezeichnete es in seiner Ansprache zum 9. November als Aufgabe, das kulturelle Gedächtnis der deutschen Gesellschaft weiter durch den Dreiklang Erinnerung, Aufklärung und demokratisches Engagement zu prägen. Insbesondere die junge Generation müsse wissen, was unter den Nazis geschehen sei und wie es dazu habe kommen können. Rassismus sei zwar verpönt, aber nicht verschwunden. Die 25-Jahr-Feier wurde musikalisch umrahmt durch Oberkantor Isaac Sheffer, die Festrede hielt Michel Friedmann. Er stellte die Frage, wo die Ermordung von Menschen eigentlich beginne - erst in Auschwitz oder schon dort, „wo Fahrpläne in Lager entworfen, Gotteshäuser zerstört und Nachbarn verhaftet werden?“ Von der NS-Zeit zog Friedmann einen Bogen zu den Hassseiten heute im Internet. „Wenn interessiert dieser rechtsfreie Raum, in dem Menschen mit Worten getötet werden?“ Er erwarte keine „Solidaritätsveranstaltungen der Juden wegen“. „Was ich erwarte, ist, dass Menschen solidarisch Menschen zur Seite stehen.“ Die neue Synagoge bezeichnete Friedmann als Ausdruck jüdischer Emanzipation und die Bereitschaft, das „Risiko“ einzugehen, in Deutschland zu leben. Hier sei zwar vieles besser geworden. „Aber es ist nicht genug.“ Der NSU-Skandal habe gezeigt, wie viel „braune Soße“ weiterhin in Politik, Polizei und Justiz versteckt sei.

          Die Landsberger-Gedenktafel hat ihren Platz am Julius-Landberg-Platz nahe der Gedenkstätte Liberale Synagoge gefundene. Die Initiative, bleibend an den früheren Großherzoglichen Landesrabbiner zu erinnern, ging vom Förderverein Liberale Synagoge und dessen Vorsitzenden Martin Frenzel aus.

          Weitere Themen

          Verlag Schöffling an Kampa verkauft

          Frankfurt bleibt Sitz : Verlag Schöffling an Kampa verkauft

          Der Frankfurter Verlag Schöffling ist künftig Teil des Zürcher Kampa Verlags. Die Zukunft des Lesefests „Frankfurt liest ein Buch“, organisiert von einem von Schöffling gegründeten Verein, ist aber für 2022 gesichert.

          Topmeldungen

          Blick in das neu eröffnete Galeria-Kaufhaus in Frankfurt.

          F.A.Z.-exklusiv : Galeria will mehr Geld vom Staat

          Für den Warenhauskonzern hat sich die Lage wegen der Corona-Einschränkungen deutlich verschlechtert, sagt Finanzvorstand Guido Mager im Interview. Er fordert nochmal einen dreistelligen Millionenbetrag vom Staat.
          Ein illegales Goldbaggerboot brennt auf dem Fluss Madeira in Brasilien.

          Verantwortungsvoller Bergbau : Die Spuren des Goldrauschs

          Goldabbau kann ein extraktives Geschäft mit gravierenden Auswirkungen auf Sozialstrukturen und Umwelt sein. Bei richtiger Handhabe können aber Schaden minimiert und positive Effekte für die Wirtschaft geschaffen werden.