https://www.faz.net/-gzg-9v9vp

Sicherheit am Hauptbahnhof : Überwachung soll intelligent werden

Abstandhalter: Eine Schraffur am Gleisrand soll dafür sorgen, dass die Fahrgäste am Hauptbahnhof vorsichtiger sind. Bild: Maximilian von Lachner

Nach dem tödlichen Angriff im Frankfurter Hauptbahnhof sollen mehr Sicherheitskräfte und 300 Kameras vor weiteren Attacken schützen. Damit diese Maßnahmen erfolgreich sind, müssen einige Voraussetzungen erfüllt sein.

          3 Min.

          Noch gibt es keine Schranken, sondern nur dicke, weiße Querstriche auf dem Boden bis zur Bahnsteigkante. Auch an Gleis 7 des Frankfurter Hauptbahnhofs, wo im vergangenen Sommer ein Achtjähriger vor einen einfahrenden ICE gestoßen und getötet wurde, soll die Schraffur dafür sorgen, dass die Menschen achtsamer sind. Sicherheitsabstand wahren, sich so verhalten, wie die Bahn hundertfach am Tag durch die Lautsprecher an die Reisenden appelliert, gilt nach wie vor als bester Schutz vor Unfällen oder gegen Angriffe wie am 29. Juli. Dass die Züge noch langsamer in die Bahnhöfe rollen, um sie vielleicht doch noch abbremsen zu können, wenn jemand auf die Gleise stürzt oder gestoßen wird, lasse sich angesichts des damit verbundenen Zeitverlustes und des ohnehin schon engen Taktes kaum bewerkstelligen, heißt es inoffiziell.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Was kann man also noch tun, um Anschläge wie in Frankfurt oder, ganz ähnlich, eine Woche zuvor im niederrheinischen Voerde zu verhindern oder zumindest zu erschweren? Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) hatte in einer ersten Reaktion auf das Verbrechen in Frankfurt nichts ausschließen wollen. Auch nicht die Errichtung von Barrieren vor den Gleisen wie in Asien, die sich erst öffnen, wenn der Zug steht. Denkverbote gebe es nicht, Geld dürfe keine Rolle spielen, wenn es um die Sicherheit der Menschen gehe, sagte Seehofer damals.

          Finanzielle Mittel sind derzeit tatsächlich so reichlich vorhanden wie seit langem nicht, gerade was die Steigerung der Attraktivität und der Sicherheit des öffentlichen Personenverkehrs anbelange, heißt es aus Berlin. An den zu bewilligenden zusätzlichen Planstellen für die Bahnpolizei und bei der Bahn-Tochter Sicherheit soll es daher nicht fehlen. Ziel ist es, mehr Streifen der Bundespolizei durch die Bahnhöfe laufen zu lassen – nach dem Prinzip: Mehr Augen sehen mehr. Zudem, so die weitere Überlegung, halten die Frauen und Männer in den Uniformen und mit den gut bestückten Waffengürteln allein durch ihr Erscheinen Straftäter und Verwirrte im Zaum.

          „Aufklären und abschrecken“

          Allerdings ist kaum zu erwarten, dass schon bald an jedem Gleis ein Bahnpolizist stehen wird, dafür ist die Personalsituation weiter zu angespannt. Bis die neuen Kräfte in der versprochenen großen Zahl rekrutiert und ausgebildet sind, dauert es mindestens bis zum Jahr 2022.

          Umso wichtiger sind technische Innovationen. Im Frühjahr soll die Arbeitsgruppe, die Innen- und Verkehrsministerium gemeinsam mit der Bahn nach den tödlichen Ereignissen in Frankfurt und Voerde eingerichtet hatten, Ideen unter der Devise „aufklären und abschrecken“ vorlegen. Am Mittwoch, dem 8. Januar, teilte die Bahn mit, der Austausch der in die Jahren gekommenen Videoanlage im Frankfurter Hauptbahnhof durch modernste Kameras komme gut voran. Rund 100 von ihnen und damit ein Drittel des angestrebten „intelligenten Überwachungssystems“ seien inzwischen installiert.

          Was dieses System leisten kann, wurde am Bahnhof Berlin-Südkreuz getestet, mit Programmen, die „kritische Situationen“ erkennen können sollen. Das ist verhältnismäßig leicht, wenn sich größere Gruppen bilden oder gar eine Schlägerei zu beobachten ist. Viel schwieriger dürfte es sein, einen Algorithmus zu entwickeln, der tödlichen Irrsinn erahnt. Habte A., dringend verdächtig, am 29. Juli den Jungen und seine Mutter im Frankfurter Hauptbahnhof vor den ICE gestoßen zu haben, litt einem Gutachten zufolge schon damals an einer akuten schizophrenen Psychose. Der aus der Schweiz angereiste Eritreer sei nicht fähig gewesen, sein Verhalten zu steuern.

          Die Staatsanwaltschaft hat daher beantragt, den Vierzigjährigen, der weiterhin eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle, in die geschlossene Abteilung eines psychiatrischen Krankenhauses einzuweisen. Der Prozess gegen ihn wird voraussichtlich im Laufe des Jahres beginnen. Auch der Tatverdächtige in Voerde sei auf Grund seiner psychischen Probleme nicht voll schuldfähig gewesen, teilte die dortige Staatsanwaltschaft im Oktober mit und ließ ihn vorläufig in der Psychiatrie unterbringen. Der Achtundzwanzigjährige hatte im Juli eine ihm unbekannte Frau vor einen einfahrenden Zug gestoßen. Sie wurde überrollt und erlitt tödliche Verletzungen; am Donnerstag, dem 9. Januar, begann der Prozess in Duisburg.

          Mensch und Maschine Hand in Hand

          Vielleicht wird es, wenn die Entwicklung so rasant weitergeht, bald eine Software geben, die auffällige Verhaltensmuster aus der Bilderflut herausfiltern kann, welche die am Ende 300 hochmodernen Videokameras am Frankfurter Hauptbahnhof liefern. Und die Alarm gibt, wenn eine gestörte Person wie Habte A. auftaucht. Er soll an jenem Morgen des 29. Juli wie schon tags zuvor orientierungslos im Hauptbahnhof herumgelaufen sein, sich hinter Säulen versteckt haben, ehe er hervorsprang und den Achtjährigen packte.

          Solche auffälligen Menschen digital zu erfassen und zu verfolgen könnte allerdings an die gleichen rechtlichen Grenzen stoßen wie die biometrische Gesichtserkennung. Der Einsatz solcher Überwachungsmethoden, die die Sicherheitsbehörden zur Abwehr von Anschlägen für unverzichtbar halten, ist nach wie vor wegen möglicher Verletzung der Persönlichkeitsrechte unbeteiligter Dritter umstritten.

          Außerdem setzt der Erfolg dieser und anderer Technik voraus, dass Mensch und Maschine Hand in Hand arbeiten. Wäre ein Gesichtserkennungssystem schon Ende Juli am Frankfurter Hauptbahnhof installiert gewesen, es hätte bei Habte A. nicht zu einem Treffer geführt. Zwar fahndete die Schweizer Polizei mit Fotos nach dem Mann, der zu Hause eine Nachbarin angegriffen hatte – jedoch nur im eigenen Land.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Altbundeskanzler Gerhard Schröder (r, SPD) mit Bela Anda, seinem früheren Regierungssprecher, in seiner Anwaltskanzlei bei der Aufzeichnung seines neuen Podcasts

          Liveblog zum Coronavirus : Schröder zu Protesten: „Idioten gab es immer“

          Bundesregierung und Lufthansa sollen sich auf milliardenschwere Staatshilfen geeinigt haben +++ 147 Schlachthof-Mitarbeiter in den Niederlanden infiziert +++ RKI vermeldet 289 Neuinfektionen und 10 Tote in Deutschland +++ Amerika verhängt Einreisebeschränkungen gegen Brasilien +++ Alle Entwicklungen im Liveblog.
          Ministerpräsident Bodo Ramelow

          Thüringens Corona-Politik : Land der begrenzten Möglichkeiten

          Thüringens Regierungschef Bodo Ramelow will den generellen Lockdown am 6. Juni beenden und überrumpelt damit seine Partner. Doch nicht alle Corona-Regeln sollen wegfallen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.