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Neue Schlaganfall-Therapie : Elektrische Impulse ermöglichen das Laufen

Kleines Gerät, große Wirkung: Neurostimulator im Einsatz Bild: Kretzer, Michael

An Schlaganfallpatienten mit halbseitiger Lähmung richtet sich ein neues Angebot der Median-Klinik in Wiesbaden. Bisher bieten nur vier Kliniken in Hessen die Neurostimulation an.

          Wiesbaden. Snowboard-Fahren mag er besonders gern. Aber auch Fußballspielen zählt Sebastian Schweininger zu seinen Hobbys. Der 23 Jahre alte Wiesbadener ist ein sportlicher Typ - obwohl er seit seiner Kindheit halbseitig gelähmt ist. Weil seine linke Halsarterie verstopft war, erlitt er im Alter von vier Jahren einen Schlaganfall. Er habe danach Sprechen und Laufen noch einmal lernen müssen, berichtet Schweininger. Physiotherapie gehört seither zu seinem Alltag. Seine rechte Körperhälfte blieb aber gelähmt.

          Ingrid Karb

          Blattmacherin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die damit verbundenen Schwierigkeiten hat er gut gemeistert. Weil er den rechten Arm nicht steuern und die Hand wegen einer Spastik kaum nutzen kann, wurde er zum Linkshänder. „Das geht auch“, sagt der Bürokaufmann, „ich kenne es ja nicht mehr anders.“ Er lernte auch wieder zu laufen, allerdings hinkt er dabei etwas. Das inzwischen nur noch leichte Nachziehen des rechten Beins habe ihn nie größer eingeschränkt. Es halte ihn weder vom Kicken noch von langen Shoppingtouren oder nächtlichen Diskothekenbesuchen ab, sagt der junge Mann. Dabei bestehe für ihn aber immer die Gefahr, zu stolpern und zu stürzen.

          Mit Unterstützung des Geräts

          Seit dem vergangenen Jahr arbeitet der Wiesbadener deshalb auf Anraten der Ärzte verstärkt an seinem Gangbild. Eine neue Therapie an der Median Klinik NRZ in Wiesbaden zeigt erste Erfolge. Mit Unterstützung eines kleinen Gerätes kann der junge Mann schon fast flüssig laufen. Bisher allerdings nur während der Therapiestunde in der Rehabilitationsklinik und etwa noch eine halbe Stunde danach. So lange hält die Wirkung der sogenannten Neurostimulation an. Um dauerhaft davon zu profitieren, soll Schweininger nun ein eigenes Gerät erhalten, das er im Alltag tragen kann. Doch noch ist es nicht von der Krankenkasse bewilligt.

          In der Klinik werden zwei Elektroden an Schweiningers Bein geklebt, ein Kontaktschalter wird unter seine Ferse in den Schuh gelegt und beides mit einem Steuerungsgerät verbunden. Ein leichter Stromfluss regt Nerven und Muskeln im gelähmten Bein an. Dieser Reiz wird unterbrochen, sobald Schweininger auftritt. Das Heben und Senken des Fußes, auf das er sonst bei jedem Schritt achten muss, geschieht mit der elektrischen Stimulation unbewusst. Das führt zu einem flüssigeren Gangbild.

          Seit August vergangenen Jahres können Schlaganfallpatienten an der Median Klinik die Neurostimulation zur Gangverbesserung nutzen. Bislang gibt es dieses Angebot nur an vier Kliniken in Hessen: außer an der Wiesbadener Rehabilitationseinrichtung noch an der Uniklinik in Frankfurt, der Asklepios Klinik Falkenstein und der Spessartklinik in Bad Orb. Dabei ist die entsprechende Technik schon 30 Jahre alt, wie Petra Wittlich, Inhaberin eines Sanitätshauses in Bendorf, berichtet. Ihr Geschäft arbeitet seit zehn Jahren mit der Wiesbadener Klinik zusammen, die früher zur Pitzer-Gruppe gehörte. Wittlich regte die Nuzung der Neurostimulation in Wiesbaden an, indem sie Ärzte und Physiotherapeuten auf neue Abrechnungsmöglichkeiten aufmerksam machte.

          Kassen erstatten Leihgebühr - bei Erfolg

          Bislang konnten die Geräte nur in Kliniken zur Therapie eingesetzt werden. Erst seit dem vergangenen Jahr gebe es eine sogenannte Hilfsmittelnummer, die es ermögliche, die Geräte auf Rezept zu verschreiben, sagt Wittlich. Wenn die Behandlung erfolgversprechend sei, übernähmen die Krankenkasse, die Leihgebühren. In diesem Jahr solle zudem ein neues Gerät auf den Markt kommen, das für die Patienten leichter zu handhaben sei. Statt die Elektroden einzeln aufzukleben, könnten sie dann einfach eine Manschette ums Bein legen.

          Wie die leitende Physiotherapeutin Anke Hölper berichtet, wird an der Median Klinik einmal in der Woche eine Spezialsprechstunde angeboten. Ihr Team von 25 Therapeuten schlage vor, wer für die Neurostimulation in Frage komme. Sie müssten stehen und das Gleichgewicht halten können, außerdem müsse ihr Fußgelenk frei beweglich sein. Von der Therapie profitierten keineswegs nur junge Menschen wie Schweininger, auch ältere kämen dafür in Frage.

          Etwa vier bis sechs Patienten mit Fußhebeschwäche probierten derzeit das Gerät aus. Schon zehn Patienten wurden mit eigenen Geräten ausgestattet, wie Wittlich berichtet. Sie seien komfortabler und hätten weniger Nebenwirkungen als die stützenden Schienen, auf die viele Patienten andernfalls angewiesen seien, sind sich Ärzte und Therapeuten einig. Die sogenannten Orthesen verursachten häufig Schmerzen und Druckstellen.

          Acht Elektroden zu setzen

          Nach Angaben von Lutz Weise, Neurochirurg an der Uniklinik in Frankfurt, können maximal 20 Prozent der Schlaganfallpatienten von der Neurostimulation profitieren. In Frage komme die Behandlung für jene mit Wernicke-Mann-Parese, einer halbseitigen Lähmung, bei der die Betroffenen das Bein beim Gehen drehten und deren Fuß nach unten hänge. Nachdem die Wirkung mit einem tragbaren Gerät getestet wurde, setzt Weise seinen Patienten Impulsgeber und Elektrode bei einer Operation ein. Von einem externen Gerät aus und über den Fersenschalter werde gesteuert. In Frankfurt werde die Operation seit zwei Jahren angeboten; bisher habe er etwa fünf Implantate im Jahr gesetzt. Es habe sich gezeigt, dass den Patienten das Aufkleben der Elektroden zu kompliziert sei und sie deshalb die älteren Geräte auf Dauer nicht nutzten, berichtet Weise.

          Schweininger ist zuversichtlich, dass er das Kleben der Elektroden auch alleine bewältigt. Langfristig möchte er jedoch auch ein Implantat, das ihm das Laufen erleichtert. Mindestens drei Monate lang sollte er zuvor jedoch das tragbare Gerät getestet haben, sagt Hölper.

          Für einen gelähmten Arm gibt es noch kein vergleichbares Hilfsmittel. Die Bewegungen des Armes seien viel komplexer, erklärt Hölper. Die Neurostimulation werde in der Bewegungstherapie zwar auch eingesetzt, um Muskeln zu lockern und anzuregen. Dafür müssten allerdings acht Elektroden gesetzt werden. Nicht nur die umständliche Handhabung spreche gegen ein Gerät für den täglichen Gebrauch. Die Bewegungen des Armes seien auch nicht so mechanisch wie die Laufbewegung. Ein einfaches Heben und Senken reiche hier halt nicht aus.

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