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Neue Mietverträge : Das Neckermann-Areal füllt sich langsam wieder

Leerstand: Vor einem halben Jahr hat Neckermann die alte Zentrale in Frankfurt-Fechenheim verlassen, in der nun viel Platz ist Bild: Eilmes, Wolfgang

Vor einem Jahr meldete das Versandhaus Neckermann Insolvenz an. Die Egon-Eiermann-Gesellschaft hält das Hauptgebäude in Frankfurt für gefährdet und regt die Umnutzung als „Kulturfabrik“ an.

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          Durch die verrammelte Glastür fällt der Blick auf einen verwaisten Empfangstresen. Darauf steht ein Strauß Trockenblumen, daneben ein Schild: „Wir danken für Ihr Verständnis“. An der Wand hängt neben dem Lift noch die Hinweistafel: 5. OG Einkauf Textil, 4. OG Einkauf Hartwaren, 3. OG bis EG Logistik. Draußen erinnert eine Stele an die Etappenschritte des Versandhauses. 15. Mai 1960: „Josef Neckermann übergibt das neue Versandhaus an seine Mitarbeiter (Architekt: Professor Egon Eiermann)“. 1986: „Das Gebäude wird unter Denkmalschutz gestellt.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Einen Termin müsste man ergänzen: Vor einem Jahr, am 18. Juli 2012, stellten Neckermann.de und die Neckermann Logistik den Insolvenzantrag. Die Suche nach einem Investor blieb erfolglos, der Otto-Versand erwarb im November die Markenrechte. Vor einem halben Jahr, Ende Januar, hat Neckermann das Gelände geräumt. Inzwischen wurden auch die Tür zum Empfangsgebäude abgeschlossen und der Schlüssel abgezogen. Doch dafür, dass Neckermann nicht mehr existiert, ist auf dem riesigen Gelände mit 180.000 Quadratmeter Lager- und Logistikfläche und 130.000 Quadratmeter Büroräumen noch einiges los.

          Bremer buchen zusätzliche Flächen

          Auf dem Parkdeck parken die Mitarbeiter eines Inkasso-Büros, das einige Räume gemietet hat. Hinter dem Hauptgebäude sitzt in einem Flachbau die Niederlassung des Eigentümers Segro. Der britischen Immobilienkonzern wolle die Flächen neu vermieten und habe damit auch schon die ersten Erfolge, sagt Samer Mulla, der die Entwicklung in Nordeuropa leitet. „Die bisher abgeschlossenen Verträge übertreffen unsere Erwartungen.“

          Neckermann hatte das Gelände einst als Eigennutzer für seine Zwecke entwickelt. Weil es unwahrscheinlich ist, für das riesige Areal wieder einen großen Nutzer zu finden, versucht Segro, die Gebäude einzeln zu vermieten. Mulla zufolge wurden schon 15 Mietverträge abgeschlossen. Anfang Juli hat der Photovoltaik-Hersteller Renesola Deutschland unterschrieben. Er will rund 3600 Quadratmeter eines mehrgeschossigen Lagergebäudes nutzen. Außerdem hat der Bremer Logistikdienstleister BLG Logistics zum 1. Januar 32.000 Quadratmeter an der Hanauer Landstraße gemietet und einen Monat später noch einmal 10.000. Darüber hinaus wurden laut Segro weitere zwölf Mietverträge ausgehandelt für Flächen zwischen 86 und 3642 Quadratmeter.

          24 Mitarbeiter für drei Kunden

          Zwar ist das mit Blick auf die insgesamt leerstehende Fläche noch nicht viel. Makler sind ohnehin skeptisch: Die insgesamt verfügbare Fläche übersteige das jährlichen Vermietungsvolumen im kleinteiligen Lagersegment bei weitem, sagt Michael Weyrauch, verantwortlich für die Logistiksparte der NAI-Apollo-Gruppe. Doch die Lage, die gute Ausstattung der Lager- und Büroflächen und vor allem die mit drei bis acht Euro pro Quadratmeter vergleichsweise günstige Miete ziehen neue Nutzer, darunter auch andere Versandhändler, an. Die BLG-Gruppe zum Beispiel macht etwas Ähnliches wie zuvor Neckermann: Sie verpackt und verschickt für große Online-Textilhändler die Produkte.

          In Frankfurt arbeiten die 24 Mitarbeiter für drei Kunden, doch nur der Hersteller von Arbeitskleidung Engelbert Strauss will genannt werden. BLG hat auch einige alte „Neckermänner“ übernommen. Sie arbeiten in einem Hochregal- und einem Flachregallager. „Die Gebäude sind gut ausgestattet“, sagt ein Sprecher. Nach und nach will die BLG den Standort zu einem „Multi-Client-Center für E-Commerce“ ausbauen. „Wir können noch etwas aufnehmen. Das Gelände liegt günstig, mitten im Zentrum von Deutschland.“

          Vorschlag: Museums- und Medienzentrum

          Kommt es so, könnte womöglich auch für das denkmalgeschützte Hauptgebäude an der Hanauer Landstraße wieder ein Nutzer gefunden werden. Die Egon-Eiermann-Gesellschaft befürchtet jedoch, dass das Haus verkauft und zum Abriss freigegeben wird. „Eine Stadt eines Ernst May und anderer namhafter moderner Architekten braucht auch einen Egon Eiermann“, sagt Vorstandsmitglied Peter Westrup. Er schlägt vor, das Gebäude für ein Museums- und Medienzentrum ähnlich dem Karlsruher ZKM zu nutzen, als eine „Kulturfabrik“. Eine Initiative um die Architekten Ard Bosenius, Thilo Hilpert und die „Kulturmanagerin“ Gabriele Kiesewetter will den Bau als Schaulager der Frankfurter Museen und für Ausstellungen, Galerien und Events nutzen.

          Sollten sich doch keine neuen Mieter für die Flächen finden, hat das Stadtplanungsamt signalisiert, dass man auf dem Gelände auch über Wohnungsbau nachdenken könne. „Man darf hier auch einmal Visionen entwickeln“, sagte kürzlich der stellvertretende Amtsleiter Martin Hunscher. Allerdings ist das 28 Hektar große Areal von Gewerbe umgeben.

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