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Neue Kulturstaatsministerin : Die erste Dienstreise führt nach Frankfurt

Zwei Leute, ein Blick: Museumsleiter Raphael Gross und Monika Grütters Bild: Kaufhold, Marcus

Raubkunst ist für die neue Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) ein zentrales Thema. Anschauungsunterricht nahm sie in einer Ausstellung im Jüdischen Museum.

          3 Min.

          Mit ihrer ersten Dienstreise hat die neue Kulturstaatsministerin ein Zeichen gesetzt. Sie führte Monika Grütters (CDU) nicht in einen klassischen Tempel der Hochkultur wie etwa das Städel oder die Pinakotheken in München, sondern in das Jüdische Museum in Frankfurt. Neugierig auf die Ausstellung „1938. Kunst, Künstler, Politik“ im Rothschildpalais haben die Ministerin Presseartikel gemacht, nach deren Lektüre sie sich spontan zu einem Besuch entschloss.

          Hans Riebsamen

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Museumsleiter Raphael Gross hat Deutschlands oberster Kulturhüterin gestern Morgen bei einem Rundgang durch die Schau deutlich gemacht, wie kompliziert das Thema „Lost Art“ ist. Es geht nicht nur um Kunstwerke, die in der Nazizeit jüdischen Sammlern, politisch Verfolgten oder Museen beziehungsweise Sammlungen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten geraubt oder abgepresst wurden und sich heute im Besitz von hiesigen Museen oder in dem von Erben wie Cornelius Gurlitt befinden.

          Grütters ist selbst Kunsthistorikerin

          Zur „Verlorenen Kunst“ muss man auch die Werke von Künstlern rechnen, die aus politischen oder rassischen Gründen aus dem Kunstbetrieb ausgeschlossen worden sind und in Vergessenheit gerieten. Die Malerin Lotte Laserstein etwa, die wegen der Judenverfolgung nach Schweden emigriert ist, blieb auch nach dem Krieg in Deutschland vollständig vergessen. Oder Elfriede Lohse-Wächtler. Ihre Bilder ließen die Nationalsozialisten als entartete Kunst aus den Museen entfernen, sie selbst, die unter einer psychischen Erkrankung litt, wurde 1940 in der Heilanstalt Pirna-Sonnenstein bei einer Euthanasie-Aktion vergast. Ihr „Selbstporträt in phantastischer Gesellschaft“, überhaupt den ganzen Raum mit den Bildern dieser Malerin, nannte Grütters „einfach spektakulär“.

          Die Ministerin weiß, wovon sie spricht. Sie ist selbst Kunsthistorikerin und versteht eine Menge von Ausstellungen. Vor Jahren hat das Max Liebermann Haus in Berlin, wo Grütters als Vorstandssprecherin der Stiftung Brandenburger Tor residierte, zusammen mit dem Jüdischen Museum Frankfurt die Ausstellung „Chagall und Deutschland“ konzipiert. Eine Million Zuschauer lockte die in Berlin und Frankfurt gezeigte Schau an, den Katalog verfasste Grütters zusammen mit Georg Heuberger, dem 2010 verstorbenen Direktor des Jüdischen Museums. Dem Frankfurter Haus am Untermainkai ist die Ministerin seit dieser Zeit in Freundschaft verbunden.

          Raubkunst erster Schwerpunkt der Ministerin

          Doch nicht nur deshalb hat Grütters ihren ersten Auswärtstermin hierhin gelegt. Sie möchte mit ihrem Besuch auch zwei Botschaften untermalen. Die erste lautet: „Lost Art“, also die Themen Raubkunst, Provenienzforschung, Restitution, wird vorerst im Mittelpunkt ihrer Arbeit stehen. „Diese Ausstellung behandelt genau das Thema, das uns derzeit so bewegt“, sagte die Ministerin zu Museumsdirektor Gross und Frankfurts Kulturdezernenten Felix Semmelroth (CDU)

          Dem Ursprung auf der Spur: Provenzienzforscher überprüfen die Herkunft von Kunstwerken, um festzustellen, ob es sich dabei um Nazi-Raubkunst handelt.

          In einem Raum mit Raubbildern, die willige Vollstrecker wie der Kunsthändler Hildebrand Gurlitt damals im Reich oder in Frankreich und anderen besetzten Ländern zusammenrafften für das geplante Führer-Museum in Linz oder die Sammlungen Görings und anderer Nazigrößen, kündigte die neue Kulturstaatsministerin an, sie werde die Forschung nach der Herkunft verdächtiger Bestände sowie die Rückgabe von Raubkunst neu ordnen und die Mittel dafür verdoppeln. Dass vieles nicht im gewünschten Maße vorangeht, liegt ihrer Meinung nach nicht an einer Verweigerungshaltung der Kulturverantwortlichen in den Ländern und Kommunen, sondern einfach daran, dass die Strukturen zu zersplittert sind.

          Der Fall Gurlitt, so fuhr die Ministerin fort, habe nicht nur im Ausland Misstrauen aufkommen lassen, ob Deutschland auf diesem Feld genug tue. Er zeige auch, dass das Thema Raubkunst noch lange nicht an ein Ende gekommen sei. „Immer wieder holt uns unsere Geschichte ein, und wir müssen uns ihr stellen“, sagte Grütters. Auch die Bundesländer möchte die Ministerin zu vermehrten Anstrengungen animieren. Für März plane sie ein Treffen der Kulturminister zu diesem Thema.

          Die zweite Botschaft der neuen Ministerin betrifft die Rolle der Städte und Gemeinden. Knapp die Hälfte der Kulturleistungen werden ihren Angaben zufolge von den Kommunen finanziert. Diese Leistungen würden viel zu wenig wahrgenommen. Sie wolle deshalb in Zukunft die Kommunen zweimal im Jahr zu einem Treffen einladen, bei dem darüber beraten werden soll, wie man die kulturelle Infrastruktur festigen kann.

          Zur dieser kulturellen Infrastruktur zählt gewiss auch der Anbau, den das Jüdische Museum plant. Könnte sich der Bund womöglich an der Finanzierung dieses Projektes beteiligen, wie er es beim Romantik-Museum tun will? Nein, da kann die neue Ministerin keine Versprechungen machen. Aber zur Eröffnung des Neubaus wird Monika Grütters gerne kommen. Schließlich ist sie eine alte Freundin des Jüdischen Museums.

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