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Autofähre Rüdesheim-Bingen : Nicht nur quer über den Strom

Ein Schiff wird kommen: Die neue Fähre soll nicht nur Autos über den Rhein schippern, sondern auch für Veranstaltungen genutzt werden. Bild: Michael Kretzer

Die neue Autofähre auf dem Rhein ist nach einer Schlagersängerin benannt. Und sie kann mehr als nur Fahrgäste und Fahrzeuge von Rüdesheim nach Bingen übersetzen.

          3 Min.

          Während im Rheingau und im Mittelrheintal wieder über den Bau von Rheinbrücken bei Rüdesheim und nördlich von St. Goar diskutiert und gestritten wird, setzt die Bingen-Rüdesheimer Fähr- und Schifffahrtsgesellschaft ein Zeichen. Mit der „Mary Roos“ hat das traditionsreiche Binger Unternehmen die modernste Autofähre am Rhein in Dienst gestellt. Sie ist der schwimmende Beleg für die Zuversicht der Fährbetreiber im Hinblick auf das eigene Geschäftsmodell und ebenso für ihre Skepsis, dass die immer wieder aufflammenden Brückenpläne tatsächlich einmal realisiert werden. „Bis dahin ist diese Fähre längst bezahlt“, sagt ein in dieser Hinsicht gelassener Oliver Pohl, seit dem vergangenen Jahr Geschäftsführer der Reederei.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die von ihr 2015 bestellte und kürzlich von der 1949 in Bingen geborenen Schlagersängerin getaufte „Mary Roos“ wurde von der Lux-Werft in Mondorf bei Bonn gebaut. Sie ist 57 Meter lang, gut 17 Meter breit und weist einen Tiefgang von maximal 1,25 Metern auf. Mit ihren vier Fahrspuren kann die 330 Tonnen schwere Fähre 42 Autos aufnehmen. Das unterscheidet sie nicht von der 2008 ebenfalls in Mondorf gebauten Autofähre „Rheintal“. Doch die „Mary Roos“ ist kein Schwesterschiff, sondern eine verbesserte Fortentwicklung.

          „Mary Roos“ ersetzt „Europa“

          Die Besonderheit ist ihre Zulassung als Fahrgastschiff. Die „Mary Roos“ kann nicht nur quer über, sondern auch längs auf dem Rhein. Dafür ist sie wie ein Ausflugsschiff ausgerüstet und ausgestattet und erfüllt die Auflagen wie beispielsweise Schwimmwesten für bis zu 600 Passagiere.

          Geschäftsführer Pohl spricht von einer schwimmenden „Event-Plattform“. Auf dem rund 800 Quadratmeter großen Fährdeck können auf Wunsch Zelte und Imbissstände aufgebaut oder die im Trend liegenden Food-Trucks geparkt werden. Die Fähre ist zudem breiter als die „Rheintal“ und hat zwei ausgewiesene Lastwagenspuren. Wie auf der „Rheintal“ ist dennoch für nicht mehr als 42 Autos Platz. Diese Begrenzung ist nicht im Schiffsbau begründet, sondern liegt an der Fähranlagestelle in Rüdesheim und deren unmittelbarer Nähe zur acht Stunden täglich geschlossenen Bahnschranke. Das setzt der Logistik beim Fährbetrieb enge Grenzen.

          Die nach zehn Monaten Bauzeit im Januar vom Stapel gelaufene „Mary Roos“ ersetzt die vor mehr als 30 Jahren in Dienst gestellte Autofähre „Europa“, die aus Sicht von Pohl zuletzt nicht mehr betriebswirtschaftlich sinnvoll einzusetzen war. Sie ist verkauft worden, wird aber nicht abgewrackt, sondern an anderer Stelle im Rhein ihren Dienst fortsetzen.

          Außergewöhnliche Angebote gewünscht

          Insgesamt gibt es zwischen Oestrich-Winkel und Boppard sechs Autofähren, deren Betreiber sich vor einem Jahr zu einem „Fährbund“ zusammengeschlossen haben. Nach der Schätzung ihres Sprechers Michael Maul setzen diese sechs Autofähren jährlich knapp zwei Millionen Fahrzeuge und fast fünf Millionen Fahrgäste über den Strom. Die Verbindung in Rüdesheim ist dabei die am meisten genutzte und deshalb auch lukrativste. Laut Pohl befördert die Bingen-Rüdesheimer jährlich mehr als 1,2 Millionen Passagiere über den Strom.

          Die Rheinbraut: Bis zu 42 Autos finden auf dem Deck Platz.
          Die Rheinbraut: Bis zu 42 Autos finden auf dem Deck Platz. : Bild: Michael Kretzer

          Dass der Neubau den Namen der Schlagersängerin Mary Roos trägt, ist laut Pohl das Ergebnis der Suche nach einer bekannten und heimatverbundenen Person als Taufpate. „Hildegard von Bingen“ sei auch häufig vorgeschlagen worden, doch gebe es schon ein so benanntes Schiff auf dem Rhein: das erst 2013 in Dienst gestellte Peilboot der Wasser- und Schifffahrtsverwaltung Bingen.

          Für die Bingen-Rüdesheimer ist der Fährbetrieb neben dem Betrieb der Flotte aus den fünf Ausflugsschiffen „Rhenus“, „Germania“, „Bingen“, „Vater Rhein“ und „Ehrenfels“ das wichtigste Geschäftsfeld. Der Aufwand, Charterkunden für die Ausflugsschiffe zu begeistern, werde aber immer größer, sagt Pohl. Die Ansprüche und die Wünsche nach neuen, außergewöhnlichen Angeboten würden größer.

          Als „Motorbootgenossenschaft“ gegründet

          Und der Boom der Binnenkreuzfahrten auf dem Rhein gehe zu Lasten der Tagesausflüge mit dem Schiff. Das Unternehmen versucht, durch Investitionen in seine Schiffe wie zuletzt durch die grundlegende Sanierung der „Vater Rhein“ die Flotte für die Kunden attraktiv zu halten, beispielsweise durch ein W-Lan-Angebot an Bord. Anders als die Ausflugsschiffe sind die 365 Tage im Jahr fahrenden Fähren ein verlässlicher Garant für stabile Einnahmen. Die „Mary Roos“ wird nun täglich dazu beitragen.

          Die Bingen-Rüdesheimer Fahrgastschifffahrt war 1930 von 13 Fähr- und Schifferfamilien beiderseits des Rheins als „Motorbootgenossenschaft“ gegründet worden, nachdem das preußische Handelsministerium das bis dahin bestehende Fähr-Monopol der Reichsbahn gebrochen hatte. Heute sind es noch zehn Eigentümerfamilien. Während der Saison beschäftigt das Unternehmen rund 60 Mitarbeiter, Aushilfskräfte mit eingerechnet.

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