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Neue Altstadt : „Frankfurt ist ein Chamäleon“

Spotlight: Am Mittwoch wurde Frankfurts neue Altstadt für die Besucher eröffnet. Bild: dpa

In der neuen Altstadt sammeln die ersten Besucher Eindrücke. Einige sind überschwänglich, andere skeptisch. Aber keiner wünscht sich das Technische Rathaus zurück.

          3 Min.

          Mittwochmittag um kurz vor zwei wird die Altstadt mit Menschen geflutet. Auf den Gassen und Plätzen, auf denen in den vergangenen Tagen und Wochen noch die Bauarbeiter ihre Lasten trugen, tummeln sich auf einmal die Passanten. Sie besichtigen neugierig ein neues Stück Frankfurt. Einige schieben einen Kinderwagen oder ein Fahrrad durch die Gassen. Andere haben den Hund dabei. Aber fast alle tragen ihr Handy in der Hand. Besonders vor der „Goldenen Waage“ werden die Geräte in die Höhe gereckt. Es wird geknipst, was das Zeug hält.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          „Das wurde also wiederaufgebaut?“, fragt ein junger Mann auf Englisch seinen Begleiter. Eigentlich eine naive Frage, denn noch sieht man den Gebäuden auf den ersten Blick an, dass sie neu sind. Aber in einem Jahr, wenn die Häuser die ersten Gebrauchsspuren haben, dürfte es dann schon schwieriger sein, ihr genaues Baujahr zu datieren.

          Stolpersteine verzieren den Weg

          „Wie Disneyland“, ruft eine helle Stimme auf dem Krönungsweg spöttisch. Sie gehört einer jungen Frau, die mit ihrer Mutter die Altstadt erkundet. Die ersten Häuser am Krönungsweg finden die beiden schwach. Aber die Mutter will nicht gleich schimpfen und die Altstadt erst auf sich wirken lassen. Der Raum wirke auf jeden Fall sehr großzügig, sagt sie. „Das ist enorm.“

          Diese Beobachtung machen viele, die noch das Technische Rathaus an dieser Stelle kannten. Es sei kaum zu glauben, wie viel Platz auf dem Areal sei, hört man immer wieder. Henning Gunold steht mit seinem Partner auf der Gasse „Hinter dem Lämmchen“ und redet sich immer mehr in Begeisterung. „Das ist der Hammer, ich bin total platt. Ich hätte nie gedacht, dass das alles hier hinpasst.“ Im Sommer wollen die beiden heiraten und haben der Hochzeitsgesellschaft schon versprochen, dass es einen Rundgang durch die neue Altstadt geben wird. Den Detailreichtum der Fassaden und das alte Holz findet Gunold „einfach hammergeil“. Für Frankfurt sei die Altstadt ein guter Weg, sich neu zu präsentieren. Als moderne und tolerante Stadt, mit langer Geschichte.

          Vor dem „Goldenen Lämmchen“, einem rekonstruierten Messehof, liegt im Pflaster ein glänzender Stein. Er erinnert an Jakob Hess, dessen Familie einst hier wohnte. Der junge Mann litt an Epilepsie und wurde 1939 als eines der ersten Euthanasie-Opfer in einer Heilanstalt in Idstein ermordet. Hartmut Schmidt von der Initiative Stolpersteine hat neben den Stein drei Rosen gelegt. „So bekommt das Publikum einen Hinweis, wer hier früher gelebt hat.“ Schmidt ist skeptisch und überlegt laut, wie viele Sozialwohnungen mit dem in der Altstadt investierten Geld hätten gebaut werden können. „Aber man wird schon damit warm werden.“

          Neue Aussicht: Der Blick vom Römerberg in die Altstadt Richtung Dom.

          Auch Bärbel Lutz-Saal engagiert sich für die Stolpersteine und findet, dies sei der erste authentische Stein in der Altstadt. Sie betrachtet das Projekt „mit gemischten Gefühlen“, staunt aber über die Handwerkskunst an der „Goldenen Waage“ und meint, dass das Technische Rathaus kein angemessenes Zentrum gewesen sei. Den Touristen werde die Stadt nun nicht mehr nur wegen ihrer Skyline in Erinnerung bleiben. „Frankfurt ist ein Chamäleon.“

          Die Kunstberaterin Renate Siebenhaar war schon vormittags bei der feierlichen Eröffnung der Altstadt dabei. Sie meint, dass ein solches Projekt nur in Frankfurt funktioniere, denn die Stadt biete mit ihrer Vielfalt den passenden Kontext dazu. Als die Debatte um die Neubebauung der Altstadt begann, gehörte Siebenhaar anfangs zu jenen, die sich für etwas radikal Neues an dieser Stelle aussprachen. Sie hat ihre Meinung geändert. „Die Altstadt gibt der Stadt ihre Verwurzelung zurück“, sagt sie heute. Die Bauzäune fallen zufällig genau an dem Tag, an dem ihre Mutter hundert Jahre alt geworden wäre. „Hätte sie dies gesehen, sie wäre glücklich gewesen.“

          Frankfurt als vielfältige Stadt

          Vor der „Goldenen Waage“ stehen zwei Frauen und fotografieren. Vera Pöller kommt aus Mörfelden und ist vor 30Jahren aus Berlin an den Main gezogen. Sie findet das Ergebnis großartig und erteilt den Handwerkern „ein großes Lob“. Pöller hat sich mit Freundinnen zum Altstadt-Rundgang verabredet. Maria Sell-Müller steht nur zufällig neben ihr. Sie hat lange in Spanien gelebt und ist inzwischen Wahl-Frankfurterin. „Gott sei Dank ist das Technische Rathaus weg. Das war ein Schlag in die Magengrube“, meint sie.

          Dirk Freytag bittet noch um etwas Geduld. Der Mann ist gerade erst angekommen und beginnt seinen Rundgang. Am Ende hat er sein Urteil gefällt. „Das ist eine tolle Ecke. Super gemacht, liebevoll und detailgerecht.“ Er wohnt seit 1954 in Frankfurt und hat den Wiederaufbau als kleiner Junge miterlebt. Freytag glaubt, dass die Altstadt von der Bevölkerung schnell angenommen wird, nicht als „Drosselgasse“, sondern als Wohnquartier. „Hier würde ich mir etwas kaufen.“ Auch die Schirn gewinne durch die neuen Blickachsen und sei nun besser angeschlossen als zuvor. Die Innenstadt sei durch moderne Bauten geprägt. „Es ist gut und ausgewogen, wenn nun etwas danebensteht. Frankfurt hat etwas Altes gefehlt. Die Stadt bekommt wieder einen authentischen Mittelpunkt.“

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