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Neubau des Fraunhofer-Instituts : Kassel soll über Kultur am Bahnhof diskutieren

  • -Aktualisiert am

Quartier im Umbruch: Spielplatz für Senioren in Bahnhofsnähe. Bild: Helmut Fricke

Am Neubau des Fraunhofer-Instituts in Kassel scheiden sich die Geister: Kritiker befürchten den Ausverkauf der Kultur, die Politik reagiert nur langsam.

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          Nimmt die Stadt Kassel ihre Kulturschaffenden nicht wahr? Gibt sie gar „der Wirtschaft“ gegenüber „der Kultur“ den Vorzug? In Kassel gibt es Vertreter der Kulturszene, für die sich eine solche Haltung der Stadt derzeit am geplanten Abriss einer alten Ladestraße auf der Nordseite des Hauptbahnhofs zeigt. Die Gebäude dort waren an Künstler vermietet und dienten der documenta als Ausstellungsfläche. Nun soll auf dem Areal ein neues Haus für das in Kassel ansässige Fraunhofer-Institut für Windenergie und Energiesystemtechnik (Iwes) entstehen. Für andere in der Kulturszene - die sich der Kreativwirtschaft zurechnen - existiert das Problem gar nicht, das Künstlervertreter nun an der Frage der neuen Bebauung festmachen. Sie sehnen das Institut herbei. Im Rathaus schließlich reibt man sich verdutzt die Augen angesichts des plötzlich aufbrechenden Streits, aus dem Undank zu sprechen scheint. Denn die Spitze der Kommune sieht sich als Freund und Helfer der Kunstszene. Das Trauma des raschen Wiederaufbaus der Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg könnte durch eine neue Debattenkultur überwunden werden.

          Mehr als 3000 Unterstützer fordern mittlerweile in einer Petition die Erhaltung der Gebäude auf der Nordseite des alten Bahnhofs und fragen, „ob es in Kassel System haben sollte, Orte, die kulturellen Interessen dienen, nachhaltig zu zerstören, ohne Alternativen dafür bereitzustellen.“ Zu den Unterzeichnern zählt auch die Leiterin der jüngsten documenta, Carolyn Christov-Bakargiev. Als schlechtes Beispiel nennen die Aktivisten die sogenannte Salzmannfabrik. Als ein Vorzeigeprojekt sollte das Industriedenkmal im Kasseler Osten, das Teile der freien Szene entdeckt und über Jahre belebt hatten, nach dem Willen des Oberbürgermeisters Bertram Hilgen (SPD) zu einer Multifunktionshalle mit technischem Rathaus werden. Das Vorhaben ist einstweilen kläglich gescheitert. Die Fabrik liegt zu weiten Teilen in Trümmern, aus denen schon die ersten Pionierpflanzen wachsen. „Kein zweites Salzmann am Kulturbahnhof Kassel!“ lautet der Titel der Petition.

          Den Aufschwung proben

          Das Stadtviertel rund um den alten Hauptbahnhof ist ein faszinierendes Quartier. Es war von jeher bunt gemischt, zog den Einzel- und Großhandel, aber auch allerlei Gewerbe von der Textilindustrie bis zum Geschäft mit der Liebe an. Seit einem halben Jahrhundert, mit dem Umzug der Wirtschaft in neue Gewerbeareale vor den Toren der Stadt und schließlich mit der Eröffnung des ICE-Bahnhofs in Wilhelmshöhe vor beinahe 25 Jahren, verlor es immer mehr an Bedeutung. Doch mit sinkenden Immobilienpreisen und wachsenden Leerständen gewann es an Attraktivität für eine junge bis jung gebliebene Szene.

          Auf der Südseite des Hauptbahnhofs engagierte sich Sebastian Fleiter als Reanimateur ungenutzter Eisenbahnbauten wie der „Nachrichtenmeisterei“ für die Kreativwirtschaft. Er ist ein „Kultur- und Kreativpilot“ und erläutert, auch im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, wie seine Branche vor allem in großen Städten den Aufschwung probt. Nach dem Erfolg auf der Südseite organisierte Fleiter die Vermietung von Immobilien auf der Nordseite des alten Hauptbahnhofs. Jüngster Nutzer war die documenta während des vergangenen Sommers. Die Besucher standen Schlange, und wo sich der Bahnsteig- und Rampenstrand in ein Meer ungenutzter Gleis- und Schotterflächen schob, kam im Gegenlicht der Abendsonne ein Gefühl von Weite und Sehnsucht auf.

          Stolz hat sich keiner entwickelt

          Weite Teile der Bevölkerung hatten und haben hingegen bis heute gar nicht wahrgenommen, was sich am alten Hauptbahnhof schon alles getan hat und noch tun soll. Fleiters Electric Hotel, ein amerikanischer Aluwohnwagen, der mit Solarzellen, Windrädern und Fahrraddynamos als Ladestation für Mobiltelefone dient, sorgt allerorten auf Festivals und Kongressen für Aufsehen. In Kassel kennen ihn nur wenige. Ähnlich verhält es sich mit dem Iwes.

          Die Wissenschaftler setzen international Maßstäbe, aber kaum ein Kasseler könnte die Standorte des Instituts im Stadtgebiet benennen. Stolz auf das Institut oder eine Debatte um einen neuen Wissenschaftsstandort in einem bemerkenswerten Stadtteil haben sich nicht entwickelt. Seit Jahrzehnten wächst dieses Kasseler Institut, das sich mit Energiesystemtechnik befasst, seit seiner Gründung zur Zeit der Landesregierung Wallmann-Gerhardt. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) half nach Kräften, es in den Status eines Fraunhofer-Instituts zu hieven und Geld für einen seit 2009 geplanten Neubau im Wert von 100 Millionen Euro bereitzustellen. Auch er wird nach seiner Fertigstellung nicht genügen, um alle Mitarbeiter des prosperierenden Instituts aufzunehmen. Früh entschied sich das Institut für ein Areal am alten Hauptbahnhof, der als „Kulturbahnhof“ eine neue Marke in Deutschland geprägt hat. Auch die Stadt trug das Ihre dazu bei, dass die Baupläne des Iwes Wirklichkeit werden können. Doch sie vergibt bisher die Chance, den Neubau als Grundlage für eine Debatte um die Stadtentwicklung zu nutzen.

          Keine sinnvolle Alternative bekommen

          Für die Unterstützer der Petition „Kein zweites Salzmann am Kulturbahnhof Kassel!“ kommen die Baupläne des Iwes offenkundig überraschend. Die Betreiber weisen auf die Rolle des Kulturbahnhofs als documenta-Schauplatz und auf den Denkmalschutz des Ensembles hin. „Nun soll dieses Areal, das derzeit Kulturschaffenden als Werkstätten, Ateliers, Seminarräume und Ausstellungsflächen dient und den Kreativraum Batterie beherbergt, abgerissen werden“, heißt es in der Petition. Denn um 70 000 Quadratmeter für Verkehrswege und das neue Fraunhoferareal bereitzustellen, soll alte Bausubstanz weichen. Es sei sinnvoll, der Fraunhofer-Gesellschaft den nötigen Raum zu geben, sagen zwar auch die Kritiker. „Wozu hierfür allerdings ohne Not gut funktionierende Strukturen nachhaltig zerschlagen werden, scheint wenig verständlich“, schränken sie ein und ziehen den Vergleich zur Salzmannfabrik.

          Nun behaupten die Urheber der Petition, den bisherigen Mietern auf der Nordseite des Bahnhofs seien keine sinnvollen Alternativen angeboten worden. Der Umgang mit den Kulturschaffenden widerspreche „dem Selbstverständnis der Stadt Kassel, ein Ort der Kultur und der Innovation zu sein“. Der komplette Abriss der Ladestraße, der Zentralen Netzleitstelle und des Stellwerks sei wenig sinnvoll. Die Kulturvermittlerin Gila Kolb, die für die Petition wirbt, plädiert für eine Koexistenz von Iwes und Altbauten. Es ließen sich „interessante Bezüge herstellen“. Deshalb fordern die Unterzeichner der Petition einen „Dialog“.

          Fraunhofer-Institut in der Nachbarschaft als „Jackpot“

          Die Stadt wurde ihrerseits offenbar von der Petition überrascht. Sie traf sich zum Gespräch mit den Petenten und verweist auf die Chancen des Iwes-Neubaus und das bisher korrekte Verfahren - einschließlich eines einstimmigen Stadtverordnetenbeschlusses -, um dem Institut den Weg zu ebnen: „Die Stadt schätzt und fördert die Kultur- und Kreativnetzwerke.“ Zu ihren Aufgaben gehöre es aber auch, die langfristige Entwicklung in Wirtschaft und Wissenschaft zu bedenken. Darum müssten Gebäude auf der Nordseite des Hauptbahnhofs vollständig abgerissen werden. Die Leiterin des Kulturamtes, Dorothée Rhiemeier, wirbt in persönlichen Gesprächen um Verständnis für die Haltung der Kommune, die für den, der die Politik verfolgt habe, nicht überraschend sein könne.

          Sebastian Fleiter von der Nachrichtenmeisterei auf der Südseite des Bahnhofs wiederum sagt, die Geschichte von „David gegen Goliath“ sei so einfach zu erzählen. Die Nutzung der Nordseite sei von Beginn an befristet gewesen. Von den ehemaligen Mietern der Nordseite seien einige in den Süden der Gleisanlagen übergesiedelt, andere nach Berlin und Rotterdam gezogen. Die Batterie, ein Veranstaltungsdomizil auf der Nordseite, dessen Verlust viele beklagen, sei das „Defizitärste gewesen, was wir je hatten“. Die Nutzer des Ortes seien vielfach nicht einmal bereit gewesen, fünf Euro Eintritt für Veranstaltungen zu bezahlen. Nun, da die Ladestraße im Norden verschwinden solle, sei es „typisch Kassel“, dass die Kritiker rufen: „Da muss die Stadt was machen.“

          Er, als Teil der Kreativwirtschaft und mithin als Unternehmer, sehe das Fraunhofer-Institut in der Nachbarschaft als „Jackpot“. Wenn dieses Institut komme, sei er der Erste, der bereit sei, den Platz dafür zu schaffen. Fleiter sieht das Institut als Chance für die Stadtentwicklung und nennt Beispiele anderer Städte: In Göttingen kaufe die Stadt eine Verladehalle, um das daraus zu machen, was es in Kassel schon gebe. Bremen errichte ein Kreativzentrum, und Hamburg zahle eine Ansiedlungsprämie für Kreative. Die Stadt Kassel solle sich mit den Betreibern des Kulturbahnhofs, des Programmkinos und der Carricatura sowie der Bahn und dem Iwes zusammensetzen, um eine Perspektive zu entwickeln. Denn die Bahn, ist Fleiter sicher, werde weitere Flächen aufgeben. Darum müsse sich Kassel bekennen und den Prozess mit einem Ziel einleiten: „Wir wollen den Kulturbahnhof. Die Idee darf nicht untergehen.“ Ein Diskussionsforum hat die Stadt, den Petenten sei Dank, nun anberaumt.

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