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Neubau des Fraunhofer-Instituts : Kassel soll über Kultur am Bahnhof diskutieren

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Auf der Südseite des Hauptbahnhofs engagierte sich Sebastian Fleiter als Reanimateur ungenutzter Eisenbahnbauten wie der „Nachrichtenmeisterei“ für die Kreativwirtschaft. Er ist ein „Kultur- und Kreativpilot“ und erläutert, auch im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums, wie seine Branche vor allem in großen Städten den Aufschwung probt. Nach dem Erfolg auf der Südseite organisierte Fleiter die Vermietung von Immobilien auf der Nordseite des alten Hauptbahnhofs. Jüngster Nutzer war die documenta während des vergangenen Sommers. Die Besucher standen Schlange, und wo sich der Bahnsteig- und Rampenstrand in ein Meer ungenutzter Gleis- und Schotterflächen schob, kam im Gegenlicht der Abendsonne ein Gefühl von Weite und Sehnsucht auf.

Stolz hat sich keiner entwickelt

Weite Teile der Bevölkerung hatten und haben hingegen bis heute gar nicht wahrgenommen, was sich am alten Hauptbahnhof schon alles getan hat und noch tun soll. Fleiters Electric Hotel, ein amerikanischer Aluwohnwagen, der mit Solarzellen, Windrädern und Fahrraddynamos als Ladestation für Mobiltelefone dient, sorgt allerorten auf Festivals und Kongressen für Aufsehen. In Kassel kennen ihn nur wenige. Ähnlich verhält es sich mit dem Iwes.

Die Wissenschaftler setzen international Maßstäbe, aber kaum ein Kasseler könnte die Standorte des Instituts im Stadtgebiet benennen. Stolz auf das Institut oder eine Debatte um einen neuen Wissenschaftsstandort in einem bemerkenswerten Stadtteil haben sich nicht entwickelt. Seit Jahrzehnten wächst dieses Kasseler Institut, das sich mit Energiesystemtechnik befasst, seit seiner Gründung zur Zeit der Landesregierung Wallmann-Gerhardt. Wissenschaftsministerin Eva Kühne-Hörmann (CDU) half nach Kräften, es in den Status eines Fraunhofer-Instituts zu hieven und Geld für einen seit 2009 geplanten Neubau im Wert von 100 Millionen Euro bereitzustellen. Auch er wird nach seiner Fertigstellung nicht genügen, um alle Mitarbeiter des prosperierenden Instituts aufzunehmen. Früh entschied sich das Institut für ein Areal am alten Hauptbahnhof, der als „Kulturbahnhof“ eine neue Marke in Deutschland geprägt hat. Auch die Stadt trug das Ihre dazu bei, dass die Baupläne des Iwes Wirklichkeit werden können. Doch sie vergibt bisher die Chance, den Neubau als Grundlage für eine Debatte um die Stadtentwicklung zu nutzen.

Keine sinnvolle Alternative bekommen

Für die Unterstützer der Petition „Kein zweites Salzmann am Kulturbahnhof Kassel!“ kommen die Baupläne des Iwes offenkundig überraschend. Die Betreiber weisen auf die Rolle des Kulturbahnhofs als documenta-Schauplatz und auf den Denkmalschutz des Ensembles hin. „Nun soll dieses Areal, das derzeit Kulturschaffenden als Werkstätten, Ateliers, Seminarräume und Ausstellungsflächen dient und den Kreativraum Batterie beherbergt, abgerissen werden“, heißt es in der Petition. Denn um 70 000 Quadratmeter für Verkehrswege und das neue Fraunhoferareal bereitzustellen, soll alte Bausubstanz weichen. Es sei sinnvoll, der Fraunhofer-Gesellschaft den nötigen Raum zu geben, sagen zwar auch die Kritiker. „Wozu hierfür allerdings ohne Not gut funktionierende Strukturen nachhaltig zerschlagen werden, scheint wenig verständlich“, schränken sie ein und ziehen den Vergleich zur Salzmannfabrik.

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