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Neubau der Frankfurter Bühnen : „Wir brauchen eine Entscheidung“

Ein Vorschlag: Studenten der TU Kaiserslautern haben einen gemeinsamen Neubau für Theater und Oper entworfen. Bild: Simulation Karl Wolczyk

Die Politik muss über die Zukunft der Städtischen Bühnen Frankfurts befinden. Aber ein Konsens ist ferner denn je, wie eine Debatte im Architekturmuseum jetzt zeigte.

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          Ach, das müssen noch goldene Zeiten gewesen sein. Als ein Hilmar Hoffmann, titanenhaft und quasi im Alleingang das Museumsufer durchgefochten hat. So schwelgt der Theaterkritiker Peter Iden in der Erinnerung. Er wünscht sich einen ähnlich starken Charakter, der in der Debatte um die Zukunft der Städtischen Bühnen die Lufthoheit ergreift. Mit Leidenschaft: „Wir bauen keine Schuhfabrik, sondern ein Theater. Die Leute wollen mitgenommen werden durch Enthusiasmus.“

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Gewiss, die jetzige Situation ist mehr als unbefriedigend. Eine Entscheidung, wie es mit der maroden Doppelanlage am Willy-Brandt-Platz weitergeht, steht immer noch aus. Die Politiker im Römer scheinen kollektiv in Lethargie gefallen zu sein. Dabei brauchen große Projekte tatkräftige Unterstützer. Aber Idens Sehnsucht nach Autoritäten befremdet dann doch ein wenig. Und wie der Mann dem armen Jan Schneider, immerhin Baudezernent und CDU-Vorsitzender der Stadt, gönnerhaft die Hand auf den Arm legt, das ist dann doch eine ziemlich altväterliche Geste. „Gehen Sie nach Hause und sagen Sie Ihrer Frau: ,Schatz, ich habe ein Projekt. Und wenn es unsere Ehe kostet!’“ Das ist witzig und sorgt im Saal für Heiterkeit. Aber Schneider kann einem leidtun. So bloßgestellt zu werden vor versammelter Mannschaft.

          Entscheidung Anfang 2020

          Der Baudezernent ist an diesem Abend auf Einladung des Urban Future Forums ins Architekturmuseum gekommen, um zu erklären, wovon die Politik ihre Entscheidung abhängig machen will. Die letzten noch fehlenden Zahlen zu den Kosten der einzelnen Varianten sollen im Dezember vorliegen. Dann, so Schneider, könne man sich Anfang des nächsten Jahres entscheiden. Zwischen Sanierung oder Neubau von Schauspiel und Oper, getrennt oder gemeinsam, an der bisherigen oder an einer anderen Stelle. Schneider wünscht sich Klarheit noch vor der Kommunalwahl 2021. Und er befürchtet, dass das kostspielige Vorhaben in der Stadtgesellschaft nicht nur auf Zuspruch stoßen wird. Tatsächlich könnten Initiativen, die soziale Wohltaten gegen die Baukosten für die Bühnen aufrechnen, ein Bürgerbegehren anstrengen. „Wir brauchen eine Entscheidung, die man nach außen vertreten kann“, sagt Schneider. Zumal in Zeiten, in denen Populisten großen Zulauf hätten.

          Schneider selbst legt sich an diesem Abend nicht fest. „Es gibt viele gute Gründe, die Häuser zusammenzulassen und an einem Ort zu bündeln“, sagt er. Aber zwischen den Zeilen kann man heraushören, dass dies nicht unbedingt der Willy-Brandt-Platz sein muss und der Dezernent für einen Neubau für beide Sparten an anderer Stelle plädiert, um teure und aufwendige Ausweichquartiere zu vermeiden. „So ein Ort kann auch an anderer Stelle entstehen“, sagt er. Der Vorteil wäre, dass der Spielbetrieb der Bühnen während der Bauzeit nicht eingeschränkt würde. „Man kann Freitag Abend ein großes Finale am Willy-Brandt-Platz spielen und Samstag das Grand Opening an anderer Stelle feiern.“

          Bühnen gehören ins „Herz der Stadt“

          Das kommt für andere Teilnehmer der Podiumsdiskussion nicht in Frage. Der Architekt Helmut Kleine-Kraneburg meint, die Bühnen gehörten ins „Herz der Stadt“, und das liege nun einmal, wie beim Menschen, in der Mitte. Bei den meisten liegt da zwar eher der Bauch. Aber sei es drum: Kleine-Kraneburg will mindestens ein Haus am Willy-Brandt-Platz halten und bringt für das zweite die Wallanlagen ins Spiel. Die Idee ist nicht neu, sondern wurde schon vom Bund Deutscher Architekten formuliert. Kulturbauten sind in den geschützten Wallanlagen nämlich ausnahmsweise möglich – siehe Alte Oper. „Geben Sie uns die Wallanlagen und loben Sie einen offenen Architekturwettbewerb aus“, fordert Kleine-Kraneburg, dessen Studenten an der TU Kaiserslautern sich schon mit dieser Aufgabe beschäftigt haben.

          Iden hängt auch am bisherigen Ort, den man nicht mit einem anderen „in der Peripherie“ tauschen könne. Andreas Hübner, Vorsitzender des Patronatsvereins der Bühnen, wirbt ebenfalls für den Erhalt mindestens einer Bühne am Willy-Brandt-Platz. Die Stadt dürfe nicht länger „herumeiern“ und müsse, im Sinne der Mitarbeiter der Bühnen, endlich eine Entscheidung treffen. Der Moderator Jürgen Kaube, Mitherausgeber dieser Zeitung, bezweifelt, dass man sich diese Entscheidung wird ausrechnen können, und fragt, ob man nicht am Ende andere Kriterien zugrunde legen muss, also künstlerische, städtebauliche und architektonische.

          Schade, dass die Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) nicht eingeladen war. Ihre Position hätte man gerne gehört. Aber auch so zeichnet sich am Ende der Diskussion ab, dass in der Römer-Koalition ein Konsens ferner denn je scheint. Sebastian Popp, Fraktionsvorsitzender der Grünen, meldet sich aus dem Publikum zu Wort und gibt zu Protokoll, dass die Bühnen am Willy-Brandt-Platz bleiben müssen. „Eine ökonomische Verwertung des Grundstücks können wir uns nicht vorstellen.“ Und auch die SPD-Stadtverordnete Esther Gebhardt sagt, die Bühnen müssten „fußläufig erreichbar sein“. Was immer das heißt. Der frühere SPD-Planungsdezernent Martin Wentz, der einen Neubau der Oper im Osthafen favorisiert, freilich erinnert daran, dass auch die Alte Oper einst vor den Toren der Stadt gebaut wurde. Wenn er höre, was Stadtplaner heute krampfhaft als „zu weit draußen“ bezeichneten, werde ihm angst und bange.

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