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Neuauflage von „Mein Kampf“ : Hitler, brav eingepackt

Grau an Grau: die beiden Bände der neuen Auflage von „Mein Kampf“ Bild: Wolfgang Eilmes

Gehört die kommentierte Auflage von „Mein Kampf“ in die hessischen Schulen? Jugendliche könnten auf falsche Gedanken kommen. Oder gar nicht erst zu denken beginnen.

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          Damit dürfte die Lehrertasche gut gefüllt sein. Die beiden Bände von „Hitler, Mein Kampf - Eine kritische Edition“ umfassen knapp 2000 Seiten und wiegen elf Pfund. Das allein wird engagierte Pädagogen freilich nicht hindern, sie in den Geschichtsunterricht mitzuschleppen. Zumal Bundesbildungsministerin Johanna Wanka die Lektüre dringend empfohlen hat. Sie begrüße es, dass nun eine wissenschaftlich fundierte Einordnung zur Verfügung stehe und die Aussagen Hitlers nicht unwidersprochen blieben, sagte die CDU-Politikerin. Ähnlich äußerten sich der Präsident des Deutschen Lehrerverbands, Josef Kraus, und der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster. Kraus sieht einen „wichtigen Beitrag zur Immunisierung Heranwachsender gegen politischen Extremismus“, Schuster hofft, dass die kommentierte Ausgabe des Münchner Instituts für Zeitgeschichte „einen gewissen Mythos, der um dieses Buch herrscht, aufzuklären vermag“.

          Matthias Trautsch

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Deutlich vorsichtiger fällt die Einschätzung von Jürgen Hartmann aus. Er ist seit kurzem Vorsitzender des Hessischen Philologenverbands, spricht also für die Gymnasiallehrer. Für eine Auseinandersetzung mit Hitlers Hetzschrift sei eine gewisse „geistige Reife“ der Schüler Voraussetzung. „Ich denke, das kommt eigentlich nur in der Oberstufe in Frage.“ Und auch dann sei die Verantwortung der Lehrkraft hoch. „Die Beschäftigung mit indizierter Literatur ist wie das Öffnen eines Giftschranks.“

          Verbrechen, die auf Hitlers Worte folgten

          Vom Ruch des Verbotenen gehe eine Faszination aus, die durchaus nützlich sein könne, um das Schülerinteresse zu wecken. Allerdings dürfe sich diese Faszination keinesfalls auf das Werk selbst und die darin propagierten Ansichten übertragen. Lehrer müssten also mit Bedacht vorgehen und fachlich gewappnet sein, um die Auseinandersetzung in die richtigen Bahnen zu lenken - „sonst könnte es schiefgehen“.

          Man kann sich Szenarien solchen „Schiefgehens“ ausmalen. Mit seiner langatmigen Umständlichkeit und Bildungshuberei ist der Originaltext zwar denkbar ungeeignet, die Aufmerksamkeit der Generation Facebook zu gewinnen. Kaum vorstellbar, dass ein heutiger Schüler mehr als ein paar Absätze freiwillig liest, geschweige denn dadurch auf rechtsextreme Pfade geleitet wird. Aber wäre es ein Gewinn, wenn gutmeinende Pädagogen demnächst versuchen, Schüler „dort abzuholen, wo sie stehen“, und einen Vergleich von Hitlers Schimpftiraden gegen Intellektuelle („lichtscheues Gesindel“, „Nichtskönner“, „Todfeinde unseres Volkstums“) mit den Punchlines heutiger Gangsta-Rapper anstellen?

          Darauf, dass ein unangemessener Umgang mit dem Text verletzen kann, macht Céline Wendelgaß von der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank aufmerksam. Keinesfalls dürfe „Mein Kampf“ wie eine beliebige historische oder literarische Quelle behandelt werden. Manchen Schülern sei, zum Beispiel durch ihre Familiengeschichte oder die Zugehörigkeit zu einer von den Nazis verfolgten Minderheit, stärker als anderen bewusst, welche Verbrechen auf Hitlers Worte, so lächerlich der Duktus heutigen Teenagern auch erscheinen mag, gefolgt sind.

          „Schüler sollen lieber mit Zeitzeugen sprechen“

          Ohnehin glaubt Wendelgaß, dass eine Lektüre von „Mein Kampf“, auch in der jetzt veröffentlichten kritischen Edition, für Schüler eher geringen Erkenntnisgewinn verspricht. In der Zeit des Nationalsozialismus habe zwar fast jede Familie das Buch besessen, es sei jedoch relativ wenig gelesen worden. Daher sei es auch nicht möglich, mit dem Machwerk die Propagandaerfolge der Nationalsozialisten zu erklären. Weit stärker sei das Interesse der meisten Deutschen an Zeitschriften wie „Der Stürmer“ gewesen.

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