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Nerobergbahn Wiesbaden : Die alte Dame feiert Geburtstag

  • -Aktualisiert am

Wasserkraft: Mit dem Gewicht des gefüllten Tanks rollt die Nerobahn bergab. Bild: Frank Röth

Die Nerobergbahn fährt Touristen und Einheimische seit mittlerweile 130 Jahren auf Wiesbadens Hausberg. Das Einmalige an der Bahn ist ihr Antriebssystem: Sie fährt mit Wasserkraft.

          Ganz gemächlich geht es talwärts. Der gelbe Wagen mit den blauen Verzierungen ruckelt und ächzt ein wenig. In der Mitte der Strecke gibt der Wald den herrlichen Blick auf Wiesbaden frei – im Zentrum die imposante Marktkirche. An klaren Tagen können die Fahrgäste bis in den Odenwald schauen. Weiter geht es über ein Viadukt, die Talstation kommt näher. Als der Wagen in den Bahnhof einfährt, zischt es. Wasser wird abgelassen. Die etwa 440 Meter lange Fahrt mit der Nerobergbahn ist immer etwas ganz Besonderes. Die Bahn ist eines der Wiesbadener Wahrzeichen und in Deutschland einmalig. An diesem Sonntag feiert die Nerobergbahn ihren 130. Geburtstag mit einem Familienfest auf dem Neroberg.

          Sabine Füll lacht viel und gerne. Grund für die gute Laune der Wiesbadenerin ist vermutlich, dass sie als Betriebsleiterin der Nerobergbahn einen der schönsten Wiesbadener Berufe haben dürfte. Zudem kann sie gute Nachrichten verkünden. „Der Super-Sommer hat dafür gesorgt, dass wir dieses Jahr vermutlich mehr als 300.000 Fahrgäste haben werden“, sagt sie und fügt an: „Das ist zwar nicht der Rekord, aber normalerweise haben wir weniger Passagiere.“ 80 Prozent der Gäste sind Touristen aus Deutschland und dem europäischen Ausland. Die restlichen 20 Prozent sind Wiesbadener.

          Viele Schulklassen und Kindergärten

          „Wir haben hier oft Schulklassen und Kindergärten oder Familien, die ihre Kindergeburtstage auf dem Neroberg feiern“, sagt Füll und ergänzt: „Unsere Zusammenarbeit mit Opelbad und Kletterwald ist gut, wir sind ja ein Berg.“ Dann lacht sie wieder und stellt Alen Hartfeld vor. Der 19 Jahre alte Student ist einer von 20 Fahrern der Bahn. In zwei Schichten fahren er und seine Kollegen die Gäste mit dem technischen Kulturdenkmal hoch und runter. Im Sommer ist die Bahn von 9 bis 20 Uhr in Betrieb.

          Das Einmalige an der Nerobergbahn ist ihr Antriebssystem: Die beiden Wagen bewegen sich auf Schienen und sind durch ein dickes Stahlseil miteinander verbunden. Der obere Wagen zieht bei der Talfahrt den unteren noch oben. Damit das funktioniert, wird der obere Wagen jeweils mit Wasser gefüllt, das im Tal wieder abgelassen wird. Dieses Wasser wird dann mit einer Pumpe wieder auf den Neroberg hinauf gepumpt und steht für die nächste Tankfüllung zur Verfügung. Immerhin sind 83Meter Höhenunterschied zu bewältigen.

          Wasser in den Tank

          Das ist gar nicht so einfach, denn die Wagen haben ein Eigengewicht von etwa acht Tonnen. Je nach Zahl der Passagiere muss unterschiedlich viel Wasser in den Tank gepumpt werden. Der Fahrer im Tal funkt seinem Kollegen daher die Information zu, wie viele Gäste im Wagen sitzen, damit dieser die nötige Menge Wasser in den Tank füllt. Das funktioniert im Regelfall gut. Aber es gibt natürlich eine Anekdote dazu. „Vor vielen Jahren ist mal eine Gruppe Landfrauen mitgefahren. Die waren aber offensichtlich so schwer, dass der Wassertank nicht ausgereicht hat, um den unteren Wagen nach oben zu ziehen. Da musste dann geschoben werden“, erzählt Betriebsleiterin Füll, lacht und fügt an: „Ich weiß aber nicht, ob die Geschichte stimmt.“

          Was auf jeden Fall stimmt, ist, dass Fahrer Hartfeld von Kindern und Erwachsenen regelmäßig ein Loch in den Bauch gefragt bekommt. Mit seinem Job ist der Student mehr als zufrieden. „Das ist ein toller Ausgleich zum Studium und dem ewigen Lernen, also ein super Job“, sagt er. Drei Wochen dauerte seine Ausbildung zum Nerobergbahn-Fahrer.

          Vier Sicherungssysteme

          Betriebsleiterin Füll liebt ihren Job ebenfalls. „Das ist eine alte Dame, die muss von uns gehegt und gepflegt werden“, sagt sie über die Bahn. Das ist natürlich teuer. Ganz ohne Zuschuss kommt Wiesbadens Wahrzeichen nicht aus. „Wenn etwas kaputt ist, dann müssen wir das anfertigen lassen. Das können wir nicht von der Stange kaufen“, erklärt Füll den Zuschussbedarf. Dafür hat es aber noch nie einen Unfall gegeben, merkt sie stolz an.

          Kein Wunder, denn Fahrer Hartfeld passt auf. Bevor es losgeht, verriegelt der Wiesbadener alle Türen, und erst wenn auch das gelbe Licht an der Außenseite erloschen ist, geht es nach oben. „Wir haben vier Sicherungssysteme“, erklärt er, „darunter eine Totmannschaltung.“ Wird der Fahrer etwa bewusstlos, greift automatisch eine Bremse und bringt die Bahn zum Stehen. Das ist aber unnötig, denn dem Studenten geht es sichtlich gut. Er steht am Fahrerstand, genießt das tolle Wetter und den herrlichen Ausblick. Ein super Job.

          Das Familienfest steigt am Sonntag von 12 bis 18 Uhr, der Eintritt ist frei. Da es nur wenige Parkplätze gibt, sollten die Besucher mit der Buslinie 1 ins Nerotal fahren. Von dort geht es mit der Nerobergbahn zum Festgelände.

          Hinweis der Redaktion

          In einer früheren Version des Textes hatte es durch einen redaktionellen Fehler geheißen, das Familienfest finde am Samstag statt. Wir haben die Angabe korrigiert und bitten um Entschuldigung. FAZ.NET

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