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Neckermann : Post, Rewe und andere sollen es nun möglich machen

Abstieg: Neckermann wird abgewickelt - die Mitarbeiter müssen sich neue Stellen suchen, wie es aussieht Bild: REUTERS

Die Belegschaft des insolventen Versandhauses Neckermann ist sehr heterogen: Das Spektrum reicht von jüngeren hochqualifizierten IT-Experten bis zu älteren ungelernten Mitarbeitern. Entsprechend unterschiedlich sind ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

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          Eine gute unter den vielen schlechten Nachrichten für die etwa 2400 Beschäftigten des vor der Abwicklung stehenden Versandhauses Neckermann kommt von der Post. „Die Deutsche Post DHL hat Bedarf, vor allem in der Zustellung und bei der Verteilung“, sagte ein Sprecher. Vor dem Weihnachtsgeschäft sei der Arbeitskräftebedarf ohnehin immer höher, aber auch unbefristete Stellen habe sein Haus zu bieten. In Frankfurt gibt es in Frage kommende Arbeitsplätze entweder im Post-Zentrum an der Gutleutstraße oder im Internationalen Postzentrum am Flughafen.

          Jochen Remmert

          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Die Post war eines von anderthalb Dutzend Unternehmen, die sich auf Einladung der Frankfurter Wirtschaftsförderung am Dienstag zu einer Jobbörse bei Neckermann eingefunden hatten. Darunter waren auch die Gebäudereinigungstochter des Flughafenbetreibers Fraport AG, Unternehmen der Stadt Frankfurt wie die FES sowie die Rewe-Gruppe, die beispielsweise auf dem Mönchhofgelände in Raunheim seit November ein hochmodernes Logistikzentrum betreibt.

          Chancen für gering Qualifizierte

          An den Logistikfachleuten von Neckermann ist die Post besonders interessiert. Aber auch weniger hoch qualifizierte Männer und Frauen haben eine Chance, sagte der Post-Sprecher weiter. Grundqualifikationen wie ausreichende Deutschkenntnisse und körperliche Belastbarkeit werden allerdings von allen Bewerbern verlangt.

          Für die etwa 820 Beschäftigten der Neckermann-Logistik-Sparte war schon länger klar, dass ihre Jobs nicht durch einen neuen Investor gerettet werden würden. Nun sieht es so aus, als ob allenfalls für einen Teil der zirka 80 Arbeitsplätze der Neckermann-Tochter Happy Size in Frankfurt Aussicht auf Rettung besteht, nachdem der Pforzheimer Klingel-Versand den Übergrößenhandel gekauft hat.

          Zwar gab es zuletzt noch einen Investor für größere Teile des Traditionsunternehmens, der ist aber am Dienstagabend abgesprungen, wie Thomas Schmidt gestern sagte. Schmidt ist Betriebsratschef der Logistiksparte und stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender von Neckermann.de. Nun steht zwar überraschend ein weiterer Investor in Rede. Konkrete Hoffnungen hegt Schmidt aber nicht mehr, wie er weiter ausführte. „Wir sind auf Abwicklung eingestellt“, beschrieb er die Stimmungslage. Er selbst hat lange unerschütterlich die Chancen für Neckermann gesehen und den Kollegen damit Mut zugesprochen. Ausgesprochen positiv habe in dieser bedrückenden Lage die von der Wirtschaftsförderung initiierte Jobbörse gewirkt. Dort hätten viele Unternehmen nicht nur ernsthaftes Interesse an den Männern und Frauen signalisiert, sondern auch gleich die für Bewerbungen notwendigen Informationen gegeben, berichtete Schmidt weiter.

          Allerdings weiß er, dass es zwar für die Web-Designer, Content-Manager und sonstigen IT-Fachleute unter der sehr unterschiedlich qualifizierten Belegschaft kaum größere Schwierigkeiten geben wird, eine neue Stelle zu finden. Der Arbeitnehmervertreter weiß aber auch, dass es am unteren Ende der Qualifikationsskala die vielen einfachen Logistikarbeiter gibt, von denen etliche älter als 50 sind und oft schon 20 Jahre oder länger im Unternehmen arbeiten. Darunter wiederum sind viele Frauen und Männer ohne Berufsausbildung, auch solche, die die deutsche Sprache nicht gut beherrschen. Schmidt hat Zweifel, ob auch sie noch einmal auf dem Arbeitsmarkt Fuß fassen könnten.

          Dass derlei Bedenken nicht ohne Berechtigung sind, dafür spricht nicht zuletzt die auch in Hessen seit Monaten rückläufige Nachfrage nach Arbeitskräften, wie eine Sprecherin der Regionaldirektion Hessen der Bundesagentur für Arbeit gestern sagte. Der Ba-x genannte Index für diese Nachfrageentwicklung habe sich seit Jahresbeginn kontinuierlich nach unten bewegt und liege nun mit 149 Punkten auf dem Stand von 2010, erläuterte die Sprecherin. „Falls sich diese Entwicklung weiter fortsetzt, wird die Integration von Arbeitslosen sich in den nächsten Monaten deutlich verlangsamen und erschwert werden“, befürchtet Frank Martin, Leiter der Regionaldirektion. Tatsächlich sind zwar mehr als 2500 offene sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze in Logistik- und Verkehrsberufen bei der Arbeitsagentur in Hessen gemeldet, zudem mehr als 3000 in Handel und Einzelhandel. Für ungelernte Arbeitskräfte jenseits der 50 dürfte zumindest das Gros dieser Stellen aber nicht in Frage kommen. Martin gibt außerdem zu bedenken, dass bei Neckermann, anders als etwa bei der Insolvenz der Drogeriekette Schlecker, die Arbeitsplatzsuchenden nicht verteilt über ganz Hessen anfallen werden, sondern vor allem in Frankfurt.

          Frühere Schlecker-Kräfte jünger

          Doch auch von den zirka 1700 Frauen, die ihre Arbeit verloren hatten, nachdem Schlecker Anfang des Jahres insolvent geworden war, sind in Hessen nach wie vor mehr als 1000 arbeitslos gemeldet, wie es bei der Regionaldirektion heißt. Lediglich etwa 500 haben eine Anschlussbeschäftigung gefunden. Die Experten der Regionaldirektion sprechen dennoch von einer vergleichsweise ordentlichen Bilanz.

          Da der Altersschnitt bei Schlecker unter dem bei Neckermann gelegen hat, viele der dort Betroffenen über eine abgeschlossene Ausbildung verfügten und damals noch dazu die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen größer war, spricht nicht viel dafür, dass die Bilanz bei Neckermann in ein paar Monaten im Vergleich besser ausfallen wird als die bei Schlecker.

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