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Buchmesse-Rundgang : Neben der Bundesregierung wacht Perry Rhodan

Durch Gänge und Hallen, ein Labyrinth der Möglichkeiten: Nur wer genau weiß, was er sucht, gerät auf der Buchmesse nicht ins Taumeln Bild: Wresch, Jonas

Wie der Mensch als Katze aussieht: Ein erster Rundgang über die Buchmesse bietet viele Überraschungen. Und nach ein paar Stunden das Gefühl, dass alles eins ist.

          Es tönt von ferne her, scheppernd, übersteuert, eine Stimme, ein Raunen, Beifall. Irgendwo muss wieder ein Autor am Stand sein oder ein Prominenter, der sich ein Buch hat schreiben lassen, Schwarzenegger vielleicht. Nach drei Stunden auf der Messe taumelt der Besucher ziellos durch die Hallen, atmet eine Luft, die immer trockener zu werden scheint, und hat einen Zustand erreicht, der zwischen der kompletten Unfähigkeit, noch etwas aufzunehmen, und einer Art Erleuchtung changiert.

          Michael Hierholzer

          Kulturredakteur der Rhein-Main-Zeitung.

          Alles ist eins, fühlt er nämlich, es gibt keine Unterschiede mehr, das Ganze ist das Wahre, alles, was ausliegt, ist nur ein Teil vom Absoluten, vom Weltgeist oder auch nur vom Buchmessen-Geist, und auf diesen Gängen, in diesen hohen, allzu hohen Räumen wird der Beweis geführt. Das edle Unikat aus einem Verlag für Bibliophile steht neben dem Band mit sinnlichen Dessous, das religiöse Gründungsdokument neben dem Kochbuch mit Rezepten für neuseeländische Spezialitäten, die Ausgabe der Grimmschen Märchen mit den Sechziger-Jahre-Illustrationen neben dem Klopapierbildband.

          Rätselhafte Präsentation

          In einem Abschnitt der Halle 3 tummeln sich die Weltreligionen friedlich nebeneinander, und auch für Sektierer aller Art ist viel Platz, „Das dritte Testament“ wird angeboten, überall verheißen Broschüren die Rettung, und plötzlich steht man vor dem Stand der Bundesregierung. Er sieht wie ein futuristischer Leitstand aus, ganz in Weiß gehalten, es geht um „Politik für alle Generationen“, und wir lesen, dass „jedes Alter zählt“. Was diese Präsentation soll, erschließt sich keineswegs, aber alles wirkt wunderbar modern und ästhetisch klar, es ist eine Lust, in einem Land zu leben, dessen Bundesregierung sich so darstellt. Na also, funktioniert ja schon.

          Aber dass in unmittelbarer Nähe davon der Perry-Rhodan-Stand mit Heften und Büchern der urdeutschen Science-Fiction-Serie steht, erfreut das ermattete Gemüt ebenso wie die beiden den Bundesregierungs-Auftritt flankierenden, stark an Jahrmarktsglückseligkeit erinnernden Buden mit allerlei Zubehör für den Manga-Fan wie farbige Perücken, japanische Snack-Boxen, Schlüsselanhänger, Kissen, Tassen und dergleichen Nonbook-Artikel, wie sie in Buchhandlungen immer häufiger verkauft werden.

          Am ersten Tag der Frankfurter Buchmesse ist es schon sehr voll auf dem Gelände, dessen Außencafés bestens besucht sind, das Wetter ist herbstlich herrlich. Wir aber sehen aus dem Augenwinkel Sky Dumont, der wird doch nicht auch noch ein Buch geschrieben haben, aber das steht zu vermuten. Prächtige Installationen großer Verlagshäuser und kleine Kojen engagierter Einzelverleger wechseln sich ab, dort, wo es die Warrior-Cats-Bücher gibt, können sich kleine und große Besucher per Computerprogramm in ein Roman-Tier verwandeln lassen: Wie sehe ich als Katze aus? Der „Cats-o-Mat“ macht’s möglich. Ohne digitale Spielereien geht gar nichts mehr.

          Lasziv räkeln vor der Autorin

          Aber auch „Sex sells“ nach wie vor: Lady Bitch Ray stellt auf dieser Messe sowohl ihr Werk „Bitchism“ als auch ihre Dissertation zum Thema Kopftuchträgerinnen vor, und dazu räkelt sich eine junge Frau derart lasziv vor der Autorin, dass der ironische Charakter auch dem letzten Macho klar sein dürfte. Dennoch sagt der ältere Herr, der in Castrop-Rauxel einen Kleinverlag hat: „Muss das sein?“ und wendet sich mit Grausen ab.

          Die Intellektuellendichte nimmt zu in Halle 4.1, wo traditionellerweise die hochliterarischen Verlage ihre noblen Verschläge aufbauen. Der Schein mag trügen, aber der Anschauung bietet sich ein solch üppiges Bild an belletristischen Neuerscheinungen und Taschenbuchausgaben, dass man weder an das alle Jahre wieder beschworene Ende des schöngeistigen Buchs noch an den Untergang der literarischen Kultur im Land glauben mag. Womöglich werden Prosa und Poesie alsbald in der neuerdings vielzitierten Datenwolke verschwinden, auf dieser Buchmesse jedoch zeigen sie in gedruckter Form abermals eine starke Präsenz.

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