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Debatte um Wiesbadener Straße : Nazi-Anhänger bleibt Namensgeber

Kontroverser Straßenname: Der Komponist Hans Pfitzner mit dem Nationalsozialismus sympathisiert. Bild: Marcus Kaufhold

Nach einer emotionalen Debatte stimmt der Ortsbeirat gegen die Umbenennung der Pfitznerstraße in Wiesbaden. Auch eine ehemalige Bundesministerin kann daran nichts ändern.

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          Bis zuletzt hatten die Verfechter einer Umbenennung der Pfitznerstraße im Wiesbadener Komponistenviertel auf Abweichler in der FDP-Fraktion gehofft. Doch im Ortsbeirat stand der Block aus CDU und FDP felsenfest. Mit acht zu sechs Stimmen wurde der Antrag der Grünen auf Umbenennung der 300 Meter langen Wohnstraße abgeschmettert, obwohl die Fraktion ihren Vorstoß kurzfristig zur Sitzung noch einmal abgeändert hatte. Von der Umbenennung in Fanny-Hensel-Straße war nun keine Rede mehr. Stattdessen sollten die Anwohner an der Namensfindung beteiligt werden. Doch selbst das verfing bei der Mehrheit nicht. Daher fiel auch das krankheitsbedingte Fehlen eines Ortsbeiratsmitglieds der SPD nicht weiter ins Gewicht.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Beschlossen wurde stattdessen der Antrag der FDP. Die Pfitznerstraße bleibt damit Pfitznerstraße, sofern sich die Stadtverordneten nicht über den Beschluss des Ortsbeirates hinwegsetzen. Nach dem von CDU und FDP favorisierten „Wiener Modell“ sollen die drei Straßenschilder mit einer Zusatztafel versehen werden, die Pfitzners Wirken relativiert.

          Unbelehrbarer Anhänger des Nationalsozialismus

          Dass der 1869 in Moskau geborene Pfitzner ein unbelehrbarer Anhänger des Nationalsozialismus war, der die Rassenideologie auch noch nach Holocaust und Kriegsende verteidigt hatte, war im Ortsbeirat unumstritten. Kein Konsens gab es allerdings darüber, welche Konsequenzen aus dem Fehler der Namengebung zu ziehen sind.

          Etwa 30 Zuhörer waren in den Festsaal des Rathauses gekommen, um der Debatte beizuwohnen. Darunter auch die frühere Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD), die selbst viele Jahre in „Nordost“ gewohnt hatte und die in der eingangs der Sitzung abgehaltenen „Bürgerfragestunde“ mit dem Appell auftrat, Pfitzner dürfe keinesfalls länger mit einem Straßennamen geehrt werden. Auch eine Anwohnerin der Straße mit nur 32Hausnummern äußerte sich in diesem Sinne. Sie schäme sich, in dieser Straße zu wohnen und scheue den Aufwand der Umbenennung nicht.

          An Versuchen der Einflussnahme hatte es vor der Sitzung nicht gemangelt. Zahlreiche Institutionen hatten sich für die Umbenennung ausgesprochen, der Oberbürgermeister hatte sie empfohlen und wenige Stunden vor der Sitzung verbreitete der Kulturbeirat noch eine Pressemitteilung mit der Überschrift: „Kein Antisemit verdient eine Ehrung.“ Gabriel Dessauer, der im Kulturbeirat die Sparte „Musik“ vertritt, war eigens ins Rathaus gekommen, um den Beschluss des Gremiums zu erläutern. Pfitzners Kompositionen seien „dröge und einfallslos“ und Zusätze an drei Namenschildern seien nicht genug, sagte Dessauer mit großem Nachdruck.

          Kein Gehör bei Mehrheit gefunden

          Doch bei der Mehrheit fand er damit kein Gehör. Auch nicht bei Gabriele Enders (FDP), die für die FDP im Ortsbeirat und im Kulturbeirat sitzt und auf den ihrer Ansicht nach wichtigen Aspekt der Erinnerungskultur hinwies: „Ist der Name weg, ist er auch aus den Köpfen weg.“ Die erläuternden Zusatzschilder seien eine Art „intellektuelle Stolpersteine“. Es gehe bei dem Straßennamen nicht in erster Linie um eine Ehrung, sondern „um ein Stück Stadtgeschichte“, ergänzte ihr Fraktionskollege Norman Gabler. Der Verzicht auf die Umbenennung erspare zudem den mehr als 400Anwohnern unnötige Belastungen. Marc Dahlen (CDU) nannte das nun vorgesehene Zusatzschild eine richtige, „ehrabschneidende Maßnahme“ für Pfitzner und damit ein schärferes Schwert als eine Umbenennung.

          Die Kritiker aus den Reihen von SPD, Grünen und Linkspartei billigten den Zusatzschildern hingegen nur eine Alibifunktion zu. Vor allem Gabriele Schuchalter-Eicke (Die Grünen) kämpfte vehement, aber auf verlorenem Posten für die Umbenennung. Die Außendarstellung Wiesbadens werde Schaden nehmen, wenn die Mehrheit die Empfehlungen bedeutender Institutionen wie des Jüdischen Museums Frankfurt in den Wind schlage. Dass Schuchalter-Eicke zudem die Wiesbadener AfD als Urheberin des Vorschlags ansieht, für die Pfitznerstraße das „Wiener Modell“ der Namens-Beibehaltung mit Zusatzschild zu wählen, führte am Ende einer langen Debatte noch einmal zu Unruhe, weil Gabler diese Darstellung als unredlich und falsch zurückwies.

          Die Annahme des FDP-Antrags gegen die Umbenennung überraschte danach nicht mehr. „Die Pfitznerstraße bleibt Pfitznerstraße“, resümierte Ortsvorsteher Theo Baumstark (CDU). An den anschließenden, empörten Reaktionen zeigte sich unmittelbar, dass die Kritiker nicht aufgeben werden und die Debatte auch drei Jahre nach ihrem Beginn noch lange nicht am Ende ist. Das steht auch für die Initiative um Renate Grigoleit und für Wieczorek-Zeul fest: „Das kann nicht das letzte Wort gewesen sein.“

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