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Nationalsozialismus und sowjetische Besatzungszeit : Dem Tod unter Hitler und Stalin entgangen

Hans Bonkas berichtet nach seinen Erfahrungen innerhalb zweier Diktaturen, was es bedeutet, frei zu sein. Bild: Lisowski, Philip

Als Kind hat er Handzettel gegen die Nazis verteilt. Nach dem Krieg sperrten ihn die Kommunisten ein. Hans Bonkas hat am eigenen Leib erfahren, wie wertvoll Freiheit ist.

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          Sie kommen zu viert, dunkle Kleidung, grimmige Mienen. Einer der KGB-Agenten stellt sich ans Fenster, einer an die Tür. Das Verhör dauert nicht lang. Nach ein paar Minuten packen die Männer Hans Bonkas und schaffen ihn zu einem Auto. Der Wagen bringt den erschrockenen Mann von seinem Arbeitsplatz am Oberlandesgericht in Halle zum Stadtkommandanten, einem sowjetischen Offizier. Noch im Foyer muss Bonkas gestreifte Sträflingskleidung anziehen. Der Kommandant mustert ihn kurz. Dann gibt er einen Befehl.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Es ist der Vormittag des 3. März 1949. Der Sozialdemokrat Hans Bonkas, damals 27 Jahre alt, wird in den „Roten Ochsen“ in Halle gebracht, ein Haft- und Internierungslager des Ministeriums für innere Angelegenheiten der Sowjetunion. Vier Jahre nach Kriegsende steht Sachsen-Anhalt unter sowjetischer Besatzung. Bonkas wird des Verrats und der Spionage beschuldigt. Er kommt in Einzelhaft. Sieben Monate hockt er allein in einer kargen Zelle. Hat nichts außer einer Holzpritsche und einem Kübel für die Notdurft. Kein Licht dringt durch das verklebte Gefängnisfenster, eine Glühbirne an der Decke brennt Tag und Nacht.

          „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“

          Verhört wird Bonkas nachts. Immer und immer wieder. Seine damalige Frau und seine Eltern erfahren nicht, wo er ist und was mit ihm passiert. Für sie ist er mehr als zwei Jahre lang verschollen. Einmal im Monat darf Bonkas duschen, danach wird er desinfiziert. Wegen der Mangelernährung schwellen Arme und Beine an. Bonkas leidet nicht als Einziger. Die sowjetischen Besatzer sperren mehrere tausend angebliche Feinde des Regimes im „Roten Ochsen“ ein. Sie sind nicht die Ersten, die das riesige Gefängnis nutzen: Schon die Nationalsozialisten inhaftierten und quälten dort Menschen. Seit 1996 erinnert eine Gedenkstätte an die Opfer zweier Diktaturen.

          Hans Bonkas ist solch ein Opfer. In der Weimarer Republik wird er als Sohn eines Sozialdemokraten geboren, im „Dritten Reich“ zieht ihn die Wehrmacht ein, als Soldat wird er schwer verwundet, nach dem Krieg sperren ihn die Kommunisten jahrelang hinter Gitter. Bonkas ist 90 Jahre alt, einer der letzten Zeitzeugen, ein Mann, der seine Geschichte seit 25 Jahren an Schüler und Bundeswehrsoldaten weitergibt. Er mahnt die jungen Leute zur Wachsamkeit. „Wer in der Demokratie schläft, wacht in der Diktatur auf“, sagt der Mann, der seit 1957 in Frankfurt lebt.

          „Es ist unglaublich, wie sehr einen etwas berührt, wenn man es aus dem Mund eines Menschen erfährt, der es selbst erlebt hat“

          Auf ihn, den alten Herrn mit den wachen Augen, hören die jungen Leute, von denen sich viele sonst nicht für Geschichte interessieren. In seinem Haus in Bergen-Enkheim bewahrt Bonkas eine durchsichtige Plastikhülle auf, darin sammelt er alle Briefe, die er nach Vorträgen, Seminaren und Diskussionsrunden bekommt. „Es ist unglaublich, wie sehr einen etwas berührt, wenn man es aus dem Mund eines Menschen erfährt, der es selbst erlebt hat“, schreiben zwei Schülerinnen nach einem Besuch der Gedenkstätte im „Roten Ochsen“. Bonkas lehnt sich auf seinem Sofa zurück. Die Wand hinter ihm ist mit einer Fototapete beklebt. Ein Bergpanorama mit See im Sonnenschein. Vielleicht hat er sich die Freiheit immer so vorgestellt.

          Wie wichtig Demokratie ist, lernt Bonkas früh. 1932, da ist er elf Jahre alt, begibt er sich mit seinem Vater in Lebensgefahr. Gemeinsam verteilen sie in Halle Handzettel gegen den „Führer“. „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg“ steht darauf. Bonkas’ Vater ist Mitglied des Reichsbanners Schwarz-Rot-Gold, eines überparteilichen Kampfverbands unter SPD-Führung, der sich für die Republik und deren Werte einsetzt. Regelmäßig kommt es zu Straßen- und Saalschlachten mit den Schlägertrupps von SA und KPD. Bonkas, damals schon dem „Jungbanner“ beigetreten, erinnert sich noch gut. „Wir sind auf die Passanten zugegangen und haben ihnen die Zettel einfach zugesteckt. Die meisten waren neugierig, aber manche haben auch sofort abgewinkt.“ Aus Angst vor den Schergen der Nationalsozialisten. Vater und Sohn haben Glück. Sie werden nicht erwischt.

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