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Nashörner im Frankfurter Zoo : Gefährliche Heimat

  • -Aktualisiert am

Auch die Umweltministerin war schon zu Besuch: Lucia Puttrich (CDU) füttert Nashorndame Tsororo. Bild: dpa

Die beiden Frankfurter Nashörner können im Zoo keinen Nachwuchs zeugen. Deshalb leben sie bald wieder in Afrika. Allerdings werden dort ihre Artgenossen systematisch gejagt.

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          Bei den beiden Dickhäutern, die gemächlich in ihrem Gehege trotten, ist keine Nervosität zu entdecken. Das einzige sichtbare Zeichen ihrer bevorstehenden Reise sind zwei Hornstümpfe auf ihren Nasenrücken. Kalusho und Tsororo, der Nashornbulle und die Nashornkuh aus dem Frankfurter Zoo, sollen bald wieder in freier Wildbahn leben - und dort Nachwuchs zeugen. Der ist für die vom Aussterben bedrohten Tiere so wichtig, dass Tsororo und Kalusho zur Erhaltung der Art ausgerechnet dahin reisen, wo die Art am heftigsten bedroht ist: nach Afrika, dorthin, wo Nashörner systematisch gejagt und getötet werden.

          Der Grund für die Wilderei sind die Hörner, die bei Tsororo und Kalusho vorsorglich entfernt wurden, damit sich die Tiere auf ihrer Reise in den Transportkisten nicht verletzen. Rhinozeroshorn hat auf dem Schwarzmarkt den Wert von Kokain. Entsprechend lukrativ ist das Geschäft damit: Ein Kilo Horn wird derzeit für 65000 Dollar (rund 50000 Euro) gehandelt. Das sind 86 Prozent mehr als zu Beginn dieses Jahrhunderts, als noch etwa 35000 Dollar für ein Kilo gezahlt worden sind. Wegen solcher Summen töten afrikanische Wilderer jährlich mehrere hundert Exemplare der bedrohten Spezies. Die Tausende von Dollar locken aber nicht nur Wilderer an, sondern lassen jeden ins Horngeschäft einsteigen, der vom schnellen Geld träumt. So auch südafrikanische Farmer, die nicht nur das Horn der eigenen Tiere verkauften, sondern auf ihrem Gelände auch Trophäenjagden für Touristen veranstalteten, sagt Christof Schenck, der Geschäftsführer der Zoologischen Gesellschaft Frankfurt. Die bemüht sich in südafrikanischen Ländern wie Sambia und Tansania um den Wiederaufbau der Nashornpopulation.

          Frankfurt ist eine „genetische Sackgasse“

          Die Reise in ihre Heimat ist für die Frankfurter Nashörner trotz der grassierenden Wilderei der einzige Weg, um Nachwuchs zu bekommen. Denn in Frankfurt stecken sie laut Zoodirektor Manfred Niekisch in einer „genetischen Sackgasse“: Kalusho ist zwar zeugungsfähig. Doch Tsororo, die im Tiergarten drei Töchter zur Welt brachte, hat inzwischen ein Eileiterproblem. Und für den Bullen gibt es in Europa keine andere Nashorndame: Die Frankfurter Tiere sind auf dem ganzen Kontinent die einzigen in Gefangenschaft lebenden Exemplare ihrer Art. Im Flugzeug soll es deshalb nächstes Jahr Richtung Johannesburg gehen und von dort aus in das private Schutzgebiet Mkhaya in Swasiland, wo die beiden zusammen mit einer weiteren Kuh leben werden.

          Wer die Explosion des Schwarzmarktpreises und den Anstieg der Wilderei verstehen will, muss nach Fernost blicken. Dort sorgen skurrile Vorstellungen von der Wirkkraft des Horns und die Blauäugigkeit etlicher Konsumenten für eine konstant hohe Nachfrage. In den beiden größten Abnehmerländern - China und Vietnam - ist das aus dem Horn gewonnene Pulver seit mehr als 2000 Jahren fester Bestandteil der traditionellen chinesischen Medizin und wird gegen Entzündungen und Fieber eingesetzt. Sogar als Hausmittel gegen Kater komme es zum Einsatz, sagt Schenck - als sogenanntes „Anti-Hangover-Präparat“. Dabei besteht das Horn größtenteils aus Keratin, wie menschliche Haare und Fingernägel auch. Dass dieser Stoff die Folgen exzessiven Alkoholgenusses kurieren soll, dürfte zumindest Westeuropäer skeptisch werden lassen. In Asien jedoch besitzt Horn den Status eines Allheilmittels. Viele glauben dort schon seit jeher an dessen potenzsteigernde Wirkung.

          „Wie eine Rolex am Handgelenk“

          Für eine regelrechte Explosion der Nachfrage aber hat das erst kürzlich in Vietnam aufgekommene Gerücht gesorgt, Horn heile Krebs. Hinzu kommt, dass die vietnamesische Wirtschaft seit den frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts stark gewachsen ist. Zu Beginn des Wilderei-Anstiegs 2008 konnten sich mehr Vietnamesen das teure Material leisten als noch Mitte der neunziger Jahre. Für wohlhabende Asiaten mache denn auch oft allein der hohe Preis das Horn begehrenswert, so Schenck. Sie kauften es schlichtweg, weil es teuer sei. Als reines Statussymbol habe es für sie dieselbe Bedeutung „wie eine Rolex am Handgelenk“.

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