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Entwicklungshilfe in Namibia : Sozialer Wohnungsbau als Exportartikel

Stein auf Stein: Die Häuschen in Windhoek sollen bald fertig sein. Bild: PolyCare

Mit dem Projekt „Housing! for Future“ betreiben die Nassauische Heimstätte und die GWH Entwicklungshilfe in Namibia. Mit bezahlbarem Wohnraum wollen sie Hilfe zur Selbsthilfe schaffen.

          3 Min.

          Das Grundstück liegt am nordwestlichen Stadtrand von Windhoek. Hier sollen in wenigen Monaten fünf Häuser gebaut und an bedürftige Familien vermietet werden. Es ist der erste Bauabschnitt zu dem gemeinnützigen Projekt „Housing! for Future“, das Familien aus Slum-Gebieten in Namibia mit bezahlbarem Wohnraum versorgen will. Insgesamt sind 100 Häuser geplant – davon 25 auf dem Grundstück am Stadtrand. Die Initiatoren sind die Nassauische Heimstätte und die GWH – zwei öffentliche Wohnungsgesellschaften, die mehrheitlich dem Land Hessen gehören.

          Rainer Schulze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Inzwischen hat sich der Spendeninitiative mit Industria Wohnen auch das erste private Immobilienunternehmen angeschlossen, das eine gemeinnützige Vergangenheit hat. Insgesamt wurden schon 830.000 Euro gesammelt. Die Heimstätte unterstützt das Projekt mit 300.000 Euro. Wie ein Sprecher erläutert, wurden die ersten 100.000 Euro bereits für das Grundstück überwiesen. Die weiteren Tranchen sollen folgen, wenn vor Ort ein nachweisbarer Fortschritt erzielt wird. Die Unterstützung sei im Wirtschaftsplan eingepflegt und habe natürlich auch Auswirkungen auf das operative Geschäftsergebnis.

          Keine Wohnung weniger in Hessen

          Das Projekt soll aber nicht zulasten des Wohnungsbaus in Hessen gehen. Soziales Engagement sei ein wichtiger Teil der Unternehmensstrategie der Heimstätte, meint Geschäftsführer Thomas Hain. „Mit unserer Beteiligung bei ,Housing! for Future‘ blicken wir über den eigenen Tellerrand hinaus.“ Der 100. Geburtstag der Heimstätte sei der ideale Anlass dafür.

          Für das Projekt wurde eine eigenständige Gesellschaft gegründet, die ehrenamtlich geführt wird. Einer der Geschäftsführer ist Bernd Sommer, der früher bei einer großen Frankfurter Bank gearbeitet hat. „Wir wollen bezahlbaren Wohnraum schaffen, damit die Leute auf die Beine kommen“, sagt er. Denn große Teile der namibischen Bevölkerung leben in Blechhütten in informell gewachsenen Siedlungen – ohne Perspektive auf Besserung. Afrika sei ein Kontinent mit riesigen Problemen und unglaublich vielen potentiellen Flüchtlingen, meint Sommer. „Wir müssen daran arbeiten, die Lebensbedingungen zu verbessern.“ Das sei ein zusätzlicher Beitrag zum Engagement der Heimstätte hierzulande. In Hessen werde darum nicht eine Wohnung weniger gebaut.

          Sicherheit für die Bewohner des Quartiers

          Viele Menschen in Windhoek wohnen unter unwürdigen Verhältnissen, selbst Haushalte mit festem Einkommen erhalten kaum Darlehen für ein Eigenheim. Einen Mietwohnungsmarkt mit bezahlbaren Mieten, sicheren Verträgen und Mieterschutzgesetzen gebe es nicht, erläutert die Initiative. Wenn sie nicht von der Willkür von „Landlords“ abhängen wollen, sind die informellen Siedlungen für viele Familien der einzige Ausweg. Von den 350.000 Einwohnern Windhoeks leben der Initiative zufolge rund 135.000 unter miserablen Umständen in Blechhütten.

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          Für diese Menschen sollen einfache Wohnhäuser entstehen, die zwei oder drei Schlafzimmer haben und 55 bis 75 Quadratmeter groß sind. Zum Einsatz kommt ein Baukastensystem des Unternehmens PolyCare, das aus Thüringen stammt und in Namibia eine Baufirma gegründet hat. Die Häuser werden aus Polymerbetonsteinen zusammengesetzt, die mit Wüstensand hergestellt werden. Weitere Häuser werden von dem lokalen Unternehmen Quartz Construction in Massivbauweise errichtet. Die Bau- und Grundstückskosten sind für deutsche Verhältnisse überschaubar: Ein Haus kostet rund 50.000 Euro, inklusive Grundstück und Außenanlage. Es soll einen Spielplatz geben, eine Mauer soll das Quartier umfassen und Sicherheit bieten. Ende des Jahres sollen die ersten fünf Häuser fertig sein und vermietet werden. Mit lokaler Unterstützung durch Kirchen und Sozialträger sollen die Mieter ausgewählt werden. Die Mieten sollen das Einkommen der Bewohner zu nicht mehr als einem Drittel belasten.

          „Nachhaltige und wirksame Hilfe zur Selbsthilfe“

          „Wir wollen vor Ort die Basis für eine nachhaltige und wirksame Hilfe zur Selbsthilfe schaffen“, sagt Stefan Bürger, Geschäftsführer der GWH. Zu diesem Zweck soll eine örtliche Wohnungsgesellschaft gegründet werden, die sich als Tochtergesellschaft der „Housing! for Future“ um die Vermietung und Bewirtschaftung der Häuser in Namibia kümmert. Denn in dem westafrikanischen Land sind solche Wohnungsgesellschaften nicht etabliert. „Auf diese Weise soll das Prinzip der deutschen sozialen Wohnungswirtschaft für Afrika – im ersten Schritt für Namibia – transformiert werden und dort Früchte tragen“, sagt Bürger. Durch die Mieteinnahmen soll das neue namibische Wohnungsunternehmen in die Lage versetzt werden, weitere Häuser zu bauen.

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          Damit die Hilfe auch ankommt und das Budget eingehalten wird, soll ein Architekt den Bau überwachen. Mit einem Generalübernehmer wurde ein Festpreis vereinbart. In Deutschland entstehen keine Personalkosten: 30 Mitarbeiter, viele von ihnen der Heimstätte und der GWH, engagieren sich ehrenamtlich. In einem Beirat beteiligen sich zudem Fachleute aus der Immobilienbranche. Mehr Informationen zu dem Spendenprojekt gibt es im Internet unter housingforfuture.de.

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