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Führungskrise in der SPD : Verweigerung als Bumerang

Zurückhaltender SPD-Nachwuchs: In hessischen Großstädten stellen Vertreter der jüngeren Jahrgänge den Oberbürgermeister. Bild: dpa

In den großen und mittelgroßen Städten Hessens stellt die SPD den Oberbürgermeister. Es sind Vertreter jüngerer Jahrgänge darunter, die zu höheren Aufgaben berufen sind. Warum zögern sie jetzt?

          Die SPD lebt noch, trotz aller Unkenrufe. Man muss nur auf die Großstädte schauen. In Hessen stellen die Sozialdemokraten die Oberbürgermeister von Frankfurt, Wiesbaden, Kassel, Offenbach; nur in Darmstadt ist das Stadtoberhaupt ein Grüner. Rot regiert auch in den Mittelstädten Hanau, Gießen und Marburg. Die hessische CDU steht nur in einer der Top-Ten-Städte an der Spitze, nämlich in Fulda. Schaut man über die Landesgrenzen hinaus, bleibt das Bild das gleiche: Auch in Mainz und in Aschaffenburg lenken Genossen die kommunalpolitischen Geschicke.

          Diese Oberbürgermeister (nur in Gießen ist es eine Frau) haben sich in Direktwahlen zumeist innerhalb eines bunten Kandidatenfelds durchgesetzt. Sie wissen also offenbar anders als die höheren Ebenen der Partei, wie man Mehrheiten hinter sich versammelt. Es sind Vertreter jüngerer Jahrgänge darunter, die zu höheren Aufgaben berufen sind, etwa Felix Schwenke aus Offenbach, Christian Geselle aus Kassel und – bis vor kurzem – auch Sven Gerich aus Wiesbaden, der allerdings seine Karriere mit törichtem Verhalten zerstört hat. Auch der Frankfurter Planungsdezernent Mike Josef gehört zu jenen, die zu großen Hoffnungen Anlass geben.

          Grüne gewinnen an Stärke

          Stellt sich die Frage, warum die SPD auf Landes- und Bundesebene ein so erbärmliches Bild abgibt, wenn Führungsnachwuchs doch eigentlich bereitsteht. Die Antwort ist niederschmetternd für die SPD. Die Jungen halten sich zurück, weil sie sich ihren Ruf und ihre Karriere nicht ruinieren wollen, nach dem Motto: Lieber Erster in meiner Heimatstadt als Kanonenfutter in Landes- und Bundespolitik. Als nach der Rückzugsankündigung des Landesvorsitzenden Thorsten Schäfer-Gümbel ein größeres Revirement im hessischen Parteivorstand vorzubereiten war, sollen die Kandidaten reihenweise abgewunken haben.

          Das ist aus der Sicht der Betreffenden nachvollziehbar, wird aber den Abwärtstrend der Gesamtpartei noch verstärken. Jenseits aller inhaltlichen Debatten ist der Mangel an charismatischen Persönlichkeiten, die im persönlichen Umgang mit dem Wähler zu überzeugen wissen, das größte Manko der SPD. Es verfestigt sich das Bild einer weltfremden und bürgerfernen Funktionärspartei.

          Die Zurückhaltung des Nachwuchses droht zum Bumerang zu werden. Dass die SPD so viele Oberbürgermeister stellt, hat auch mit dem Umstand zu tun, dass sie traditionell die Führungsrolle in der linken Mitte innehat und sich in Stichwahlen auf die Unterstützung der Grünen verlassen kann. Wenn sich die Grünen und ihre Wähler aber erst einmal ihrer neuen Stärke voll bewusst sind, können sich die Verhältnisse in den Großstädten schnell umkehren – die SPD wäre dann nur noch Hilfstruppe. Es wäre ihr Ende und das Ende mancher Karriere in den Kommunen.

          Matthias Alexander

          Ressortleiter des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

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