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Nächtliches „Abhängen“ : Sie wissen nicht, woher ihr Hass kommt

  • -Aktualisiert am

Ausgelassen an der Hauptwache: Meistens bleibt es dabei Bild: Müller, Norbert

Nachts hängen sie bei McDonald’s ab. Meistens passiert nichts, aber manchmal explodiert unversehens die Gewalt. Ein Bericht über Blut und Burger.

          Auf einmal hat einer Blut an den Händen. Er rennt über die Zeil, droht mit den Armen in alle Richtungen und in keine, und er brüllt: „Ich ficke alle Frankfurter.“ Ein Kumpel zieht ihn am Ärmel, jemand verliert seine Jacke, einer schreit den Besudelten an: „Der, der dir aufs Maul gehauen ist, ist längst weg.“ Gerangel, Koalition und Gegnerschaft so verschwommen wie die Vernunft, die sich gegen die Unvernunft stemmt, einer schreit heiser: „Denk daran, was Tugce passiert ist.“

          Dann Blaulicht, vor dem McDonald’s an der Konstablerwache wird der Blutverschmierte gefesselt. Unbeteiligte mischen sich ein, alte Bekannte für die Frankfurter Justiz. „Warum denn jetzt die Handschellen, ihr scheiß Bullen?“ Ein Transvestit mit Kofferradio läuft vorbei und ruft: „Was in Frankfurt immer alles passiert. Ich glaub, ich zieh nach Köln.“

          Gerede über Frauen

          Es ist Nacht. Die Eruption kommt kurz vor zwei. Sie kündigt sich nicht an, sie ist einfach da. Im McDonald’s sitzen sie in kleinen Gruppen. Vorne an der Tür ein Mann mit Papierhut, auf dem „Spirituelle Konsumverzichtsberatung“ steht. Daneben halten ein paar Jungs Hof. Eine Stunde, zwei Stunden lang vielleicht, laufen herein und heraus, es kommen neue, Schulterklopfen, Gerede über Frauen, die hier niemand Frauen nennt.

          Irgendwann muss es in geworden sein, nachts bei McDonald’s abzuhängen, als wäre es ein schönes Café. Die Leute, 17, 18 Jahre die meisten, vielleicht jünger, bleiben, wenn die Burger längst gegessen sind. Sie warten noch auf wen, oder sie warten auf nichts. Das Phänomen hat es in ein sogenanntes Jugendwörterbuch geschafft: „Bei Mägges abhängen“, wahrscheinlich ist sie peinlich, die Kategorisierung oder die Schreibweise oder beides. Aber komisch ist es schon: Die meisten McDonald’s-Filialen verkaufen noch nicht einmal Bier. Nur Biomilch für 1,59 Euro. Warum also hier?

          Die Nacht zuvor, kurz nach eins. In Offenbach sitzen zwei und reden über das Draufhauen. Manche Jungs müssten einfach draufhauen, weil sie etwas gelten wollten, so heißt die Diagnose. „Ich hätt’ die auch plattgemacht“, sagt der eine zum anderen, lauter als seine Sätze zuvor, er will jetzt gehört werden. Er meint, er hätte den Angreifer „plattgemacht“, der vor drei Wochen auf dem Parkplatz des McDonald’s am Kaiserlei in Offenbach Tugce Albayrak so heftig schlug, dass sie an den Folgen starb. „Ich wäre halt auch gern mal ein Hero“, sagt der Mann, immer noch laut, in genau diesem McDonald’s.

          Lieder ums Ficken und Zuschlagen

          „Offenbach ist eine schlimme Stadt“, hat der Rapper Haftbefehl nach dem Tod von Tugce über seine Heimat gesagt. Das ist ein bisschen überraschend, aber Haftbefehl muss das wahrscheinlich sagen, weil der mutmaßliche Totschläger der 23 Jahre alten Studentin ein Fan seiner Lieder ist, in denen es ums Ficken und Zuschlagen geht. Dabei ist es gar nicht so schlimm, jedenfalls nicht immer. In der Nacht darauf geht es ernst und konzentriert zu im McDonald’s in Offenbach, und auf die Tische kommen die Themen des Lebens. Vier Jungs reden über berufliches Vorankommen („Hast du PC-Kenntnisse? Dann bewirb dich, Mann“), zwei spielen Schnick-Schnack-Schnuck.

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