https://www.faz.net/-gzg-7x8ti

Nächtliches „Abhängen“ : Sie wissen nicht, woher ihr Hass kommt

  • -Aktualisiert am

Zwei Mädchen verhandeln über die richtige Handhaltung beim ersten Date, jemand telefoniert: „Kommt ihr, oder kommt ihr nicht, ihr Fixer?“ Die Geschlechter bleiben unter sich, man mischt sich nicht, so dass die Jungs manchmal hinterher eine Suchanzeige ins Internet schreiben: „Sonntag ca. 22 Uhr. Du warst mit deinen 4 Freundinnen drinnen gesessen und wir hatten oft Blickkontakt. Ich war mit meinen Jungs draußen gesessen. Hoffe du liest das, melde dich bitte!“

Dass McDonald’s manchmal nachts zum Tatort wird, hat mit alldem nichts zu tun. Es hat nichts damit zu tun, und alles hat damit zu tun. Jungs in Jungsgruppen sind mehr wie Jungs als Jungs in gemischten Gruppen. Im McDonald’s in Griesheim an der Mainzer Landstraße sitzen am Freitag um halb elf sechs junge Männer an drei Tischen. In der Mitte der lauteste, ein breitbeiniger Kappenträger, der beim Laufen mehr durch den Schwung seiner gar nicht so breiten Schultern voranzukommen scheint als durch die Bewegung seiner Beine. Er plaudert mit den Kumpels, es geht um die Schauspielerin Halle Berry, es geht um Frauen ganz allgemein, ein harmloses Gebalze ohne Adressatin, denn es sind kaum Mädchen in dem Fastfood-Restaurant. Aus den Lautsprechern kommt Weihnachtsmusik.

So ist die Stimmung fast die ganze Nacht, ein wohliges Plätschern der Ausgelassenheit, aber für den plötzlichen Umschwung ist der McDonald’s wie gemacht. Allein schon wegen der breiten Fensterfronten, vor denen man sich ganz fabelhaft aufbauen kann, adrenalingefüllt und kampfbereit.

So ist das passiert in der Filiale an der Hanauer Landstraße, in einer Nacht vor ein paar Jahren. Ein junger Mann hat einem anderen eine Pommes vom Tablett geklaut, zwei Feiergruppen gerieten darüber aneinander, die Sache war drinnen eigentlich schnell geklärt. Aber dann hat sich einer Verstärkung herbeitelefoniert, ein halbes Dutzend Leute, die sich draußen auf dem Parkplatz formierten, vorbestrafte Jungs auf der Suche nach Ärger. Sie schlugen den einen zusammen, der schlichten wollte, so kommt es oft, und der damals 33 Jahre alte Werkstudent verlor vier Zähne, kann bis heute nicht wieder richtig hören und leidet unter Depressionen. „Woher kam dieser Hass?“, fragte er seine Peiniger im Mai dieses Jahres vor Gericht, und keiner wusste einer Antwort.

Auf einmal sieht es nach Blut aus

Der McDonald’s an der Hanauer Landstraße in der Gegenwart, Freitag Nacht, ein Uhr. Drei Jungs bestellen am Nachtschalter der Tankstelle nebenan eine Flasche Wasser und eine Tüte Gummibärchen. Wasser und Gummibärchen! Harmloser geht es nicht, aber das gehört dazu. Gehört zu der Banalität einer Partynacht, bei der es meistens bleibt, aber aus der heraus das gelegentlich aufploppende Böse besonders hart sein Ziel trifft.

Die drei Jungs laufen von der Tankstelle hinüber zum McDonald’s, am Parkplatz vorbei, steigen über die ungepflegten Rabatten, steuern auf den Eingang zu. In einem schwarzen BMW sitzen zwei, das Auto ist unbeleuchtet, die Scheiben sind von innen schon beschlagen. Ein Blick auf den Beifahrer, er dauert ein bisschen länger, als er sollte, und schon droht der junge Mann mit seiner Hand, finster und bereit, jederzeit auszusteigen. „Was guckst du?“, soll das wohl heißen. Auf dem Bürgersteig neben dem Parkplatz sind rote Tropfen. Rotwein wahrscheinlich oder Glühwein, aber auf einmal sieht es nach Blut aus.

Weitere Themen

Topmeldungen

Johnson in Paris : In Berlin war mehr Esprit

Beim Besuch von Boris Johnson betont Präsident Macron die Einigkeit Europas – und bekennt sich zu seinem Ruf, in der Brexit-Frage ein Hardliner zu sein. Zugeständnisse will er gegenüber dem Gast aus London nicht machen – erst recht nicht beim Backstop.

FAZ.NET-Serie Schneller schlau : Kind oder Porsche

Die Frauen in Deutschland bekommen ihr erstes Kind deutlich später, im Durchschnitt sind sie mittlerweile älter als dreißig Jahre. Wie aber hängt die Kinderzahl mit dem Bildungsgrad zusammen? Und was kostet ein Kind eigentlich, bis es erwachsen ist?
Nach der Uni wartet oft die Ungewissheit.

Studium und Beruf : Zurück ins Elternhaus

Der Übergang zwischen Studium und Beruf verläuft nicht immer reibungslos. Wenn erwachsene Kinder arbeitslos werden, sind oft die Eltern gefragt. Aber wollen und können die helfen?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.