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Nachtflugverbot : Herzschlagfinale am Flughafen

Gegen die Uhr: Kurz vor 23 Uhr steigt in der Verkehrsleitstelle des Flughafens die Spannung. Es geht darum, noch alle wartenden Jets in die Luft zu bringen. Bild: von Siebenthal, Jakob

Seit am Frankfurter Flughafen ein Nachtflugverbot von 23 bis 5 Uhr gilt, gibt es am späten Abend oft ein Rennen gegen die Uhr. Die Verlierer müssen in Frankfurt bleiben.

          17 Minuten bis zur 23-Uhr-Deadline und es warten noch 15 Flugzeuge auf den Start. Es wird knapp an diesem Abend, gespannte Ruhe in der Verkehrsleitstelle des Frankfurter Flughafens. Seitdem das Nachtflugverbot von 23 Uhr bis 5 Uhr gilt, kommt es hier regelmäßig zu einer Art Herzschlagfinale.

          Jochen Remmert

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, zuständig für Flughafen und Offenbach.

          Eine Maschine wird gleich die Center-Piste benutzen, die anderen werden von der Startbahn 18 West abheben. Auf den Überwachungsmonitoren erscheinen die startbereiten Flugzeuge als gelbe Punkte, die sich wie die Perlen einer Kette auf dem Weg zur 18West aneinanderreihen.

          Jeder Schritt wird kontrolliert

          Patrick Spijkers, stellvertretender Leiter der Verkehrsleitstelle, und seine Leute verfolgen jetzt jedes der Flugzeugsymbole auf den Monitoren ganz genau. Für jedes Flugzeug können sie jeden Prozessschritt kontrollieren, vom Einsteigen der Passagiere, dem Wegschieben des Flugzeugs vom Gate mit Hilfe der großen Schlepper bis zum Rollen aus eigener Kraft zur Startbahn, die die Lotsen der Flugsicherung zuweisen.

          Um sechs Minuten vor 23 Uhr sind noch drei Jets am Boden. Drei Minuten später beschleunigt das vorletzte Flugzeug auf der Piste. Um 22.59 Uhr ist dann auch die DLH 1492, ein Lufthansa-Airbus nach Kiew, in der Luft.

          Keine Ausnahmegenehmigung bei Pannen

          Kein gelber Punkt mehr auf den Überwachungsmonitoren, alle planmäßigen Flüge scheinen demnach gestartet zu sein, wenn auch zum Teil mit Verzug. Doch der Eindruck täuscht, wie Spijkers rasch aufklärt. „Eine Maschine der Condor nach Panama ist nicht weggekommen“, sagt er. Wegen eines technischen Problems habe sich deren Start verzögert. Als das behoben gewesen sei, habe die Zeit nicht mehr gereicht, um noch vor 23 Uhr die Startbahn zu erreichen. Deshalb hat der Flieger die Parkposition gar nicht erst verlassen. Und so bleiben an diesem Abend 260 Passagiere in Frankfurt, die wohl von Panama aus eine Kreuzfahrt antreten wollen, wie Spijkers vermutet. Ist das tatsächlich der Fall, muss die Condor nicht nur für Unterkunft sorgen, sondern auch dafür, dass die Fluggäste doch noch auf das Kreuzfahrtschiff kommen, eine kostspielige Angelegenheit in jedem Fall.

          Eine Ausnahmegenehmigung für einen Start nach 23 Uhr hat die Condor diesmal erst gar nicht beantragt, weil eine technische Panne als etwas gilt, das die Fluggesellschaft hätte vermeiden können. Eine Genehmigung gibt es dann ohnehin nicht. Wenn ein Antrag gestellt wird, befinden darüber Mitarbeiter der Luftaufsicht, die dem hessischen Verkehrsministerium unterstellt sind und jeden Abend auf dem Flughafen Dienst tun. An die richten Fluggesellschaften im Ernstfall unmittelbar per Fax oder E-Mail ihre Anträge und erhalten dann innerhalb kurzer Zeit eine Genehmigung oder eine Absage. Aus Sicht der Fluggesellschaften, beispielsweise der Lufthansa, ist die Luftaufsicht dabei zu rigide, wie Andreas Döpper sagt. Er hat bei der Kranichlinie als Leiter Station und Infrastruktur in Frankfurt dafür zu sorgen, dass die durchschnittlich mehr als 800 täglichen Starts und Landungen der Lufthansa in Frankfurt möglichst planmäßig verlaufen.

          28000 Passagiere sind seit der Einführung „gestrandet“

          Obwohl seine Mitarbeiter inzwischen nahezu alle Prozesse rund um das Landen und Starten der Flugzeuge auf wenige Minuten genau planen und managen könnten, sei es unmöglich, etwa Witterungseinflüsse genau zu kalkulieren. Und wenn dann beispielsweise ein vollbesetzter Airbus 380 mit mehr als 500 Passagieren wegen weniger Minuten Verzögerung nicht mehr starten dürfe, sei eine solche Entscheidung nicht mehr nachvollziehbar. 28000 Passagiere der Lufthansa seien seit der Einführung des Nachtflugverbots auf diese Weise in Frankfurt „gestrandet“.

          An diesem Abend ist Döpper eigentlich sehr zufrieden darüber, dass es seinen Leuten gerade gelungen ist, eine schon startklare Maschine nach Ankara, bei der unvermittelt ein technisches Problem angezeigt wurde, innerhalb von 30 Minuten durch ein anderes Flugzeug zu ersetzen und auf die Reise zu schicken. Die Panne bei den Kollegen der Condor dämpft etwas seine Zufriedenheit.

          Zu großzügig mit Ausnahmegenehmigungen

          Da technisch bedingte Verzögerungen wie bei dem an diesem Abend gecancelten Condor-Flug nach Panama auch bei der Lufthansa naturgemäß nie ganz auszuschließen sind, hält die Airline seither 450 Hotelzimmer für in Frankfurt unvorhergesehen unterzubringende Passagiere vor.

          Ähnlich wie Lufthanseat Döpper findet auch Hanspeter Günster die meisten Entscheidungen der Luftaufsicht nicht akzeptabel. Allerdings sind dem IT-Fachmann und Flughafenausbaukritiker von der Bürgerinitiative Frankfurt-Sachsenhausen die Kontrolleure des Ministeriums nicht zu restriktiv, sondern viel zu großzügig mit den Ausnahmegenehmigungen. Anhand seiner computergestützten Auswertung von Flugdaten zählte er alleine seit Beginn dieses Jahres bis Mitte April 99 Starts und 191 Landungen in der Zeit des Nachtflugverbotes. „Von einem Nachtflugverbot kann man da gar nicht ernsthaft sprechen“, sagt er. Landungen sind allerdings bis Mitternacht gestattet, sofern es sich um begründete Verspätungen handelt.

          Ganz zur Ruhe kommt der Flughafen nie

          Peter Schmitz, Operations-Vorstand beim Flughafenbetreiber Fraport, gibt zu, dass sehr belastete Nächte möglich seien, beispielsweise die in der zweiten Januarwoche dieses Jahres, in der 58 Starts nach 23 Uhr gezählt worden seien. Damals war Blitzeis der Grund für eine dramatische Zuspitzung der Verkehrslage. Alles in allem habe es aber von der Inbetriebnahme der neuen Landebahn und dem damit verbundenen Nachtflugverbot bis zum 30.März dieses Jahres an 408 von 517 Verkehrstagen keine Starts nach 23 Uhr gegeben, sagt Schmitz.

          Ganz zur Ruhe kommt der Flughafen auch an diesem Abend nach 23 Uhr nicht. Nun sind es allerdings keine Flugzeuge, sondern Baumaschinen, die die Pisten und Rollwege in Beschlag nehmen, um sie in den nächsten Stunden dort auszubessern, wo es nötig ist, damit um 5 Uhr früh wieder die ersten Flugzeuge aufsetzen können und das Spiel bis zur 23-Uhr-Deadline von neuem beginnt.

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