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Nachteile für Mensch und Tier : Forscher warnen vor „Lichtverschmutzung“

  • -Aktualisiert am

Strahlende Stadt: Über Frankfurt bildet sich nachts ein heller Lichtkegel Bild: Schmitt, Felix

Auch über Frankfurt wird der Nachthimmel immer heller. Das hat negative Folgen für Tiere und Menschen.

          Wolfgang Nässig wirkt wie ein gemütlicher Mensch. Aber wenn der Biologe über „Lichtverschmutzung“ spricht, wird er „stinkisch“, wie er mit hessischem Zungenschlag sagt. Nässig leitet im Frankfurter Senckenberg-Institut eine Abteilung, die Schmetterlinge sammelt, bestimmt und untersucht. Mit dem Sammeln ist es allerdings nicht mehr weit her. „Im vergangenen Jahr habe ich im Umkreis des Senckenberg-Hauses nur noch ganze zwei Falter gesehen“, sagt der 57 Jahre alte Forscher. Das liege einerseits daran, dass es dort immer weniger natürliche Hecken und Büsche gebe. Schuld sei aber auch die zunehmende Stadtbeleuchtung.

          Naturschützer sprechen von Lichtverschmutzung und meinen damit Kunstlicht, dass unnütz produziert und in die Umwelt gestrahlt wird. „Licht wird wie Wasser in die Gegend gespritzt“, kritisiert Nässig. Insekten werden davon angelockt und nicht mehr losgelassen. Sie schwirren um das Licht, statt auf Nahrungssuche zu gehen. Schmetterlinge werden so am nächsten Morgen leichte Beute für die Vögel. Von „unglaublichen Verlusten“ spricht Nässig und davon, dass die Lichter wie Staubsauger wirkten, die die Insekten nach und nach verschwinden ließen.

          Mehr Fremdgeher

          Manche Forscher glauben sogar, dass Kunstlicht Familien zerstören kann. Denn es fördert das Fremdgehen und lässt Männer untreu werden - zumindest Singvögel-Männchen. Nach einer Studie des Max-Planck-Instituts für Ornithologie haben Meisenmännchen, die nachts mehr künstliches Licht abbekommen, doppelt so häufig Nachwuchs außerhalb ihrer Paarbeziehung als ihre Artgenossen im Dunkeln. Unter dem Einfluss von künstlichem Licht verändern sich Lebensrhythmen und Verhaltensweisen, nicht nur die von Singvögeln.

          Das Licht hat viel von seinem positiven Image verloren. Lange stand es für Sicherheit, Orientierung und Schönheit. Aber immer öfter wird hinterfragt, ob es wirklich sinnvoll ist, die Nacht zum Tag zu machen. Dem Biologen Nässig geht es um die Schmetterlinge, den Ornithologen um die Vögel. Bruno Deiss geht es ums große Ganze. Der Astrophysiker des Physikalischen Vereins Frankfurt fürchtet, dass die Menschen ihre Orientierung in Raum und Zeit verlieren. Denn viel ist vom Sternenhimmel in Frankfurt selbst in klaren Nächten nicht mehr zu sehen. Der Lichtkegel, der sich wegen all der Lichter bildet, macht es Hobby-Astronomen mit ihren Teleskopen unmöglich, in ferne Galaxien zu blicken. Es werde zwar immer von Globalisierung geredet, sagt Deiss. „Was damit gemeint ist, kann aber nur wissen, wer die Dimensionen richtig einordnen kann.“ Und das könne nur, wer wisse, wie klein die Erde sei im Vergleich zum Rest der Welt. Im Übrigen sei das Empfinden der Nacht ein Kulturgut.

          Viel Strom verschwendet

          Dass dieses Kulturgut bedroht ist, hat auch die Stadt Frankfurt erkannt. Zum zweiten Mal nimmt sie heute an der Earth Hour teil. Für eine Stunde wird von 20.30 Uhr an die Beleuchtung an vielen öffentlichen Bauwerken in Frankfurt abgeschaltet. Bei der Aktion geht es nicht nur um die Lichtverschmutzung. Sie richtet sich auch gegen Stromverschwendung. Der Naturschutzbund Nabu hat errechnet, dass sich in Deutschland allein mit einer energieeffizienten Erneuerung der Straßenbeleuchtung so viel Strom einsparen ließe, wie eine halbe Million Haushalte im Jahr verbraucht. In einer kleinen Sonderausstellung im Mitmach-Museum Experiminta zeigt der Nabu derzeit, wie das Kunstlicht das Leben von Mensch und Tier beeinflusst - und mit welchen Mitteln Energie gespart werden könnte. Drei Stellschrauben gebe es dazu, sagte Berthold Langenhorst vom Nabu-Landesverband Hessen bei der Eröffnung der Schau „ökologische Stadtbeleuchtung“: Das seien die verwendeten Lampen, die Konstruktion der Leuchten und die Steuerung ihrer Funktion. In Wohnstraßen sei es zum Beispiel völlig überflüssig, die ganze Nacht lang den Bürgersteig in voller Helligkeit zu erleuchten.

          Frankfurt beschäftigt dieses Thema in diesen Wochen gleich mehrfach. Mit der Earth Hour setzen Stadt und Unternehmen ein Zeichen gegen die Lichtverschwendung, die Nabu-Ausstellung ergänzt das Programm der Luminale. Während des Lichterfestivals wird die Stadt vom 15. April an noch heller und bunter erleuchtet sein als ohnehin schon. Gleichzeitig dazu findet die Fachmesse „Light and Building“ statt. Ihr Leitthema ist in diesem Jahr die Energieeffizienz.

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