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Nachtbus nur noch bis Ende 2013 : Sozialkontrolle für den Straßenstrich

  • -Aktualisiert am

Auf dem Strich: Die Finanzierung des Nachtbusses für Prostituierte ist nur noch bis Jahresende gesichert. Bild: Fricke, Helmut

Noch bis Ende des Jahres bekommen die Prostituierten an der Frankfurter Messe im Nachtbus Hilfe. Was danach geschehen wird, ist unklar.

          Die Finanzierung des Nachtbusses, in dem sich die Straßenprostituierten am Frankfurter Messegelände beraten lassen und Kondome erhalten können, ist bis Ende des Jahres gesichert. Das sagte ein Sprecher des Gesundheitsdezernats, das die Kosten für den Bus von rund 110.000 Euro jährlich seit vergangenem Sommer allein trägt. Zuvor hatte das Ordnungsdezernat die Hälfte des Geldes gezahlt. Was vom nächstem Jahr an mit dem Bus wird, ist unklar. „Wir dürfen nicht dafür sorgen, dass Frankfurt die Stadt wird, die bei der Straßenprostitution das attraktivste Angebot hat“, sagt Ordnungsdezernent Markus Frank (CDU) dazu.

          Rund 20 Frauen stehen nach Angaben des Frankfurter Vereins für soziale Heimstätten Nacht für Nacht an der Theodor-Heuss-Allee. Vor gut zwei Jahren, kurz nachdem der Straßenstrich am Stadtrand von Dortmund geschlossen worden war, waren es bis zu 50 Frauen. Damals wie heute kommen die Prostituierten aus Bulgarien und Rumänien, sagt Christine Heinrich. Sie ist Sozialarbeiterin beim Frankfurter Verein für soziale Heimstätten, der zusammen mit dem Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ Träger des Nachtbusses ist. Die Zahl der Frauen, die in dem Bus Beratung und Hilfe suchten, steige stetig - und die Hilfe sei nötig.

          Zu Ausstieg aus der Prostitution verhilft der Bus nicht

          „Wir geben sehr viele Kondome aus“, sagt Heinrich. Zudem hätten die Frauen auf dem Strich einen sehr geringen Bildungsstand und wüssten im Grunde nichts über sexuell übertragbare Krankheiten. „Wenn wir mit dem Bus etwas gegen die Verbreitung von zum Beispiel Hepatitis C tun können, dann haben wir schon viel geschafft.“

          Seitdem das Gesundheitsdezernat allein für die Prostituierten-Hilfe aufkommt, wissen die Träger immer nur für knapp sechs Monate, dass es mit dem Bus weitergehen wird - das ist auch für soziale Einrichtungen, deren Bestand grundsätzlich nicht für die Ewigkeit gesichert ist, eine kurze Zeit. Heinrich sagt, man habe sich inzwischen daran gewöhnt. „Eine gesicherte Finanzierung wäre aber wünschenswert“, sagt sie.

          „Die Sozialarbeiterinnen im Bus machen sehr gute Arbeit“, sagt Ordnungsdezernent Frank. Für ihn war der Bus aber dennoch nur ein Experiment - eines, mit dessen Ergebnis er im August 2012 nicht zufrieden gewesen ist. Er habe gehofft, dass der Bus den Frauen dabei helfe, aus der Prostitution auszusteigen, und diese Hoffnung habe sich nicht erfüllt, sagte Frank damals.

          Straßenstrich nur an Messe und am Deutschherrnufer

          Vor zwei Jahren gab es viele Beschwerden von Anwohnern aus dem Rebstock und der Kuhwaldsiedlung, weil die Frauen sich aus der Toleranzzone zwischen Emser Brücke und Philipp-Reis-Straße herausbewegten. Seitdem vier- bis fünfmal pro Nacht Streifen der Stadtpolizei an der Theodor-Heuss-Allee vorbeifahren, würden die Grenzen eingehalten. „Ich halte es dennoch für fragwürdig, was da läuft“, sagte Frank. Insbesondere die hygienischen Zustände auf der Straße seien schlimm.

          Bei der Polizeidirektion Mitte, wo die Milieuermittlung angesiedelt ist, zeigt man sich eher froh darüber, dass es den legalen Strich gibt. Sonst, sagen die Beamten, gäbe es wohl noch mehr Frauen, die beispielsweise illegal im Bahnhofsviertel anschaffen würden - eine Szene, die schwerer zu kontrollieren sei. Im Bahnhofsviertel ist nur Bordellprostitution erlaubt; Straßenprostitution toleriert die Stadt nur an der Theodor-Heuss-Allee und am Deutschherrnufer. Das Angebot, am Main zu stehen, wird von den Prostituierten aber nicht wahrgenommen - und es ist auch politisch nicht gewollt: In den neunziger Jahren konzentrierte sich die Stadt darauf, die Prostitution von drogenabhängigen Frauen an der Theodor-Heuss-Allee zu bündeln.

          „Das hat mit freiwillig bestimmter Prostitution nichts zutun“

          Seither hat sich, wie Sozialarbeiterin Christiane Heinrich erzählt, die Klientel dort mehrfach geändert. Anfangs waren es vor allem süchtige Frauen, die an der Messe anschafften, zwischenzeitlich Frauen verschiedener Nationen und Schichten. Inzwischen sind es ausschließlich Migrantinnen aus Osteuropa, die nach den Worten von Heinrich „ohne Netz und doppelten Boden“ arbeiteten und ganze Familien ernährten. „Das hat mit freiwillig bestimmter Prostitution nichts zu tun“, sagt Heinrich. Ein Ausstieg sei für diese Frauen oft überhaupt nicht denkbar. „Wo sollen die denn hin?“, fragt Heinrich. Die geringe Bildung der Frauen und ihre Verflechtung in Familien, in denen Männer bestimmten, was zu tun sei, lasse oft keine andere Tätigkeit zu.

          Die Einrichtung des Straßenstrichs hat die illegale Prostitution drogenabhängiger Frauen im Bahnhofsviertel nicht komplett verdrängen können. Pro Nacht suchen in dem Dreieck zwischen Mosel-, Nidda- und Taunusstraße rund 30 Frauen nach Freiern. Jeden Tag stellt die Polizei dort Verstöße gegen die Sperrbezirksverordnung fest. Für die Frauen ist die Ausübung ihrer Tätigkeit eine Ordnungswidrigkeit. Für die Freier ist die Annahme der Dienstleistung eine Straftat - die allerdings erst bei der vierten Wiederholung strafbar ist.

          Straßenprostituierte, so berichtet es die Polizei, stünden prinzipiell unter höherem Druck als jene, die in Bordellen arbeiteten. Es gebe Freier, die dafür zahlten, eine brennende Zigarette im Gesicht der Frauen ausdrücken zu dürfen. So etwas geschehe weniger an Orten, an denen die Prostitution erlaubt sei. Diese Beobachtung hat auch Sozialarbeiterin Christine Heinrich gemacht: Mit dem Nachtbus erreiche man an der Theodor-Heuss-Allee eine „umfangreiche Sozialkontrolle“, sagt sie.

          Im Gesundheitsdezernat ist man froh, dass die Finanzierung des Nachtbusses bis Ende des Jahres gesichert ist. Bisher zahlt für die Hilfe noch das Drogenreferat - ein Relikt aus der Zeit, als die Prostituierten an der Theodor-Heuss-Allee noch durchgängig drogenabhängig waren. Bis Ende des Jahres sei nun Zeit, sich genau anzusehen, wie der Bus genutzt werde und was er bewirke, sagt ein Sprecher des Gesundheitsdezernats.

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