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Nachruf auf Thomas Schäfer : „Mein Verhältnis zum lieben Gott ist geklärt“

  • -Aktualisiert am

1966-2020: Der hessische Finanzminister Thomas Schäfer ist tot. Bild: EPA

Er war ein klassischer Konservativer, doch suchte stets den Ausgleich: Thomas Schäfer genoss als hessischer Finanzminister Anerkennung über die Parteigrenzen hinweg. Über seinen mutmaßlichen Suizid herrscht im Politikbetrieb Fassungslosigkeit.

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          Wer ihn nur ein bisschen näher kannte, erlebte einen Mann, der in sich ruhte. Thomas Schäfer war schlagfertig, humorvoll, selten um eine Antwort verlegen. Die Politik machte ihm sichtlich Freude, was auch die Fassungslosigkeit erklärt, mit der viele nicht nur in Hessen auf die Nachricht reagieren, dass Schäfer sich offenbar das Leben genommen hat. Dogmatismus war ihm fremd, aber für seine Überzeugungen stritt er, wovon auch Parteifreunde unter den hessischen Bürgermeistern und Kämmerern ein Lied singen können. Nach den klassischen Kriterien war Schäfer ein Konservativer, der Veränderungen förderte, wenn er überzeugt war, dass sie besser seien als das Bestehende. Er hätte gern Friedrich Merz an der Spitze der CDU gesehen, war aber anders als Merz eher ein Mann des Ausgleichs. Er redete nicht gerne darüber, aber natürlich wäre er im Falle eines Rückzugs von Volker Bouffier hessischer Ministerpräsident geworden.

          Schäfer kam 1966 in Hemer im Sauerland zur Welt und wuchs in Biedenkopf auf. Zur Politik kam er, darin Roland Koch und Bouffier nicht unähnlich, weil es ihn störte, dass die Schülervertretung an seinem Gymnasium sich für Südafrika und Nicaragua einsetzte, aber nicht für die Belange an der Schule. Er, der sich als eher schüchternen Schüler bezeichnete, wurde zum Schulsprecher gewählt. Das Selbstbewusstsein verlieh ihm nach eigenem Bekunden der Sport, Schäfer war ein begabter Handballer, der mit seinen 1,97 Metern Größe die Statur zum Torwart mitbrachte. Nach dem Abitur, Note 1,6, und vor dem Jurastudium absolvierte er in der Sparkasse seines Heimatortes eine Banklehre. Das Studium schloss er mit einer Dissertation über plebiszitäre Elemente in der hessischen Gemeindeordnung ab.

          Der Aufstieg in der Politik

          Mitten in eine Anstellung bei der Commerzbank in Frankfurt fiel 1999 der Wahlsieg der hessischen CDU zu. Schäfer, der im Kreistag von Marburg-Biedenkopf politisch aktiv war, hatte seinem Freund Christean Wagner, der dann Justizminister wurde, versprochen, für ihn zu arbeiten, was er gefahrlos zusagen konnte, weil kaum jemand mit diesem Wahlausgang rechnete. Es spricht für Schäfers Verlässlichkeit, dass er zu seinem Versprechen stand, den Posten bei der Bank aufgab und Wagners Büroleiter wurde. Drei Jahre später übernahm er die Leitung des Büros von Ministerpräsident Koch, ehe er 2005 Staatssekretär im Justizministerium und 2009 Finanzstaatssekretär bei Minister Karlheinz Weimar wurde. Bundesweite Bekanntheit erlangte er als „Hessens Mann für die Sanierung von Opel“, wie die F.A.Z. ihn 2009 beschrieb.

          Nach Kochs Rückzug und Bouffiers Wahl zum Ministerpräsidenten wurde Schäfer 2010 hessischer Finanzminister. Während die Landesregierungen unterschiedlicher Couleur seit den siebziger Jahren Schulden über Schulden angehäuft hatten, gelang Schäfer auch dank reichlich sprudelnder Steuereinnahmen der Umschwung – das Land zahlt sogar Schulden zurück. Im Kreis seiner Länderkollegen genoss er Anerkennung über die Parteigrenzen hinweg. Eine Art Freundschaft verband ihm mit seinem früheren nordrhein-westfälischen Ressortkollegen und jetzigen SPD-Kovorsitzenden Norbert Walter-Borjans, den er zu seiner privaten Geburtstagsfeier einlud, als er fünfzig wurde.

          Vor gut zwei Wochen noch half Schäfer als begabter und lebensfroher Hobbykoch bei einem Wohltätigkeitsabend in Frankfurt. Dabei fiel auf, dass der stattliche Mann schmaler im Gesicht geworden war. Schäfer hinterlässt seine Frau und zwei Kinder. Im Gespräch sagte er neulich, nach seiner Haltung zum Glauben gefragt: „Mein Verhältnis zum lieben Gott ist geklärt. Ich bin gläubig, ohne dass ich jeden Tag andere daran teilhaben lasse.“


          Hilfe bei Suizidgedanken

          Wenn Sie daran denken, sich das Leben zu nehmen, versuchen Sie, mit anderen Menschen darüber zu sprechen. Es gibt eine Vielzahl von Hilfsangeboten, bei denen Sie – auch anonym – mit anderen Menschen über Ihre Gedanken sprechen können.

          Das geht telefonisch, im Chat, per Mail oder persönlich.

          Die Telefonseelsorge ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr erreichbar. Die Telefonnummern sind 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.
          Der Anruf bei der Telefonseelsorge ist nicht nur kostenfrei, er taucht auch nicht auf der Telefonrechnung auf, ebenso nicht im Einzelverbindungsnachweis.

          Ebenfalls von der Telefonseelsorge kommt das Angebot eines Hilfe-Chats. Die Anmeldung erfolgt auf der Webseite der Telefonseelsorge. Den Chatraum kann man auch ohne vereinbarten Termin betreten, mit etwas Glück ist ein Berater frei. In jedem Fall klappt es mit einem gebuchten Termin.

          Das dritte Angebot der Telefonseelsorge ist die Möglichkeit der E-Mail-Beratung. Auf der Seite der Telefonseelsorge melden Sie sich an und können Ihre Nachrichten schreiben und Antworten der Berater lesen. So taucht der E-Mail-Verkehr nicht in Ihren normalen Postfächern auf.

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