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Nachhilfeunterricht am Stück : Wilde Räuber lernen Deutsch

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Räuberlager: Auch die Mattis-Bande muss lesen und schreiben können. Deutschlehrerin Sandy Schulz (links) bringt es ihr bei. Bild: Norbert Müller

Hundert Viertklässler mit schlechten Sprachkenntnissen bekommen beim „Endspurt“ eine Woche lang Nachhilfe. Für sie ist dieser Unterricht wie Ferien.

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          Die Räuberbande hat ihr Lager im Spessart aufgeschlagen. Im Frankfurter Schullandheim auf der Wegscheide nahe Bad Orb. Dort, im Birkenhaus, singen Amin, Laura, Feiyang und die anderen voller Begeisterung: „Mattis Räuber sind wir, hey ho, stehen für immer zusammen.“ Unter dem Tisch sitzt als Räubertochter Ronja die neun Jahre alte, aus Ägypten stammende Amira und lauscht den wilden Reden der Bandenmitglieder. „Ich kann am besten die Wildschweine töten“, prahlt einer. „Ich kann das beste Versteck finden“, versichert eine andere.

          Das alles ist vorerst nur eine Probe. Am Donnerstagabend wird es ernst. Dann führen die sechs Gruppen von Viertklässlern, die zurzeit beim „Endspurt“ auf der Wegscheide Szenen aus Astrid Lindgrens Jugendbuch „Ronja Räubertochter“ einstudieren, sich gegenseitig ihre Version der Geschichte vor. Zuvor müssen die starken Räuber aus 37 Frankfurter Grundschulen, die sich hier im Schullandheim eingenistet haben, noch tüchtig üben. Nicht nur das Räuberlied und das Räubergelage, sondern auch den Akkusativ und den Dativ.

          Bereits ein Sprachcamp im Sommer

          Denn beim „Endspurt“ geht es letztlich um die deutsche Sprache. Die beherrschen Amin, Laura und Feiyang nicht in dem Maß, wie es für eine erfolgreiche Schulkarriere nötig ist. Feiyang zum Beispiel ist erst im vergangenen Sommer mit seinen Eltern aus China nach Frankfurt gekommen. Dafür, dass der Zehnjährige, der schon aufs Gymnasium geht, erst seit einem Dreivierteljahr Deutsch spricht, hat er es recht weit gebracht. Doch nicht weit genug, um sprachlich in der Schule richtig mithalten zu können.

          Im „Endspurt“, den die Stiftung Polytechnische Gesellschaft mit Unterstützung der Stadt, des Staatlichen Schulamts und der Volkshochschule organisiert hat und finanziert, bekommen Feiyang und die anderen Kinder den sprachlichen Schliff, den sie für den Schulunterricht brauchen. Die meisten der Kinder haben schon am „Deutschsommer“ teilgenommen, einem ebenfalls von der Stiftung angebotenen dreiwöchigen Sprachcamp für Drittklässler während der großen Ferien. Nun sind die Mädchen und Jungen Viertklässler. Am Ende des Schuljahrs sprechen ihre Lehrer eine Empfehlung aus, die ihrem Lebensweg eine entscheidende Richtung gibt. Wer aufs Gymnasium kommt, hat gute Chancen auf einen interessanten Beruf und ein hohes Einkommen. Wer in der Hauptschule landet, hat es in der Regel viel schwerer im Leben.

          Lob für den richtigen Akkusativ

          Bei vielen der 100 Kinder, die jetzt eine Woche lang auf der Wegscheide in eine Art Sprachbad eintauchen, steht es auf der Kippe, welche Schulempfehlung sie bekommen. Deshalb wurden sie von ihren Lehrern für den „Endspurt“ empfohlen und sollen nun vor dem entscheidenden Termin im Sommer sprachlich aufholen. Aus der Puste kommen sie dabei nicht. Denn das Deutschlernen ist hier kein mühevolles Pauken, sondern ein Ferienvergnügen. Die Kinder merken gar nicht, dass sie Unterricht haben, sie empfinden den Deutschkurs hier in den Häusern des Schullandheims als ein Spiel. Ein Räuberspiel.

          Vorbilder sind Ronja, die Räubertochter, und die Räuber der Mattisbande, die auf der Mattisburg hausen. Diese Burg ist auf der Wegscheide ein Matrazenlager, auf dem sich die Deutschlehrerin Sandy Schulz mit 13 kleinen Räubern niedergelassen hat. Nun schleichen sie zu vier Verstecken, um Aufgaben zu lösen. Im ersten müssen sie mit Hilfe eines Wörterbuchs die Artikel bestimmen: das Fenster, der Korb, die Festung. Die Kinder lernen hier, dass man sich auch ohne Lehrer mit Hilfe eines Lexikons selbst helfen kann. Im zweiten Versteck gilt es, den richtigen Akkusativ zu bestimmen. „Birk fängt ... Lachs.“ Das Lachs? Die Lachs? Den Lachs? „Den Lachs“, sagt Amin aus Iran und bekommt von Theaterpädagogin Ann-Kathrin Auditor, die beim Deutschunterricht wie selbstverständlich mithilft, ein Lob.

          Telefon- und Internetverbot

          Im dritten Versteck würfeln die wilden Räuber Nomen und Verben und bilden daraus Akkusativsätze wie „Ronja sieht die Höhle.“ Im Versteck vier geht es um Konzentration: Jedes Kind soll einen kurzen Abschnitt aus Lindgrens Ronja-Geschichte möglichst fehlerfrei abschreiben. Der eine oder andere erinnert sich an den Abschnitt, denn jeder Räuber hat zu Beginn des „Endspurts“ eine Ausgabe von „Ronja Räubertochter“ geschenkt bekommen, und die meisten haben schon die ersten Kapitel dieses Jugendromans gelesen.

          Drei Schulstunden Deutsch und drei Stunden Theater beträgt das Tagespensum beim „Endspurt“. Die Deutschlehrerin Schulz, die Theaterpädagogin Auditor und die Sozialpädagogin Nicola Eisel bilden das Team, das sich während der fünf Tage rund um die Uhr um die 13 Mädchen und Jungen im Birkenhaus kümmert. Morgens gibt es Deutschunterricht und eine Theaterprobe, um 12 Uhr holen drei Räuber das Mittagessen aus der Küche des Schullandheims. Dann haben die Kinder zwei Stunden frei und können Schlitten fahren, lesen oder sich mit Gesellschaftsspielen vergnügen. Am späteren Nachmittag wird noch einmal der Akkusativ gelernt oder Theater gespielt. Telefonieren und Internetsurfen sind in jeder der sechs Gruppen streng verboten, das Handy musste zu Hause bleiben.

          Was ihnen am „Endspurt“ gefällt? „Alles“, sagt die neun Jahre alte Ane. Für Feiyang dagegen steht das Theater an erster Stelle. Oder doch vielleicht die Schneeballschlacht in der Freizeit. Auf jeden Fall langweilt sich niemand in diesen Weihnachtsferien, die schlau machen. Dass der „Deutschsommer“ und jetzt der „Endspurt“ für die Kinder eine einzigartige Chance bedeuten, wissen sie nicht. Sie ahnen allenfalls, dass es entscheidend für ihr Leben sein könnte, ob sie demnächst auf die Realschule oder das Gymnasium kommen oder auf die Hauptschule, die von vielen nur noch als Restschule betrachtet wird. Die Statistik sagt, dass 65 Prozent der Programmteilnehmer es immerhin auf die Realschule schaffen und 15 Prozent aufs Gymnasium. Aber darüber machen sich die Räuber aus der Mattisbande jetzt noch keine Gedanken.

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