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Nachhilfe für Schüler : Hilfe, mein Kind hat nur eine Zwei

Potentiell hilfsbedürftig: Wenn es in der Schule hakt, soll Nachhilfe helfen. Fachleute warnen vor hohen Erwartungen. Bild: Picture-Alliance

Es sind die Sorgen und nicht zuletzt der Ehrgeiz der Eltern, die die Nachhilfe zu einem lukrativen Markt haben werden lassen. Doch die nützt nur bei kleinen Schwächen, sagen Lehrer.

          Der Ernst des Lebens kehrt zurück: Ein neues Schuljahr hat begonnen. Vorbei ist die freie Zeit, in der weder Hausaufgaben, Klausuren noch Pauken den Alltag bestimmt haben. Und schon so manchem Kind dürfte es davor grausen, vor den Herbstferien die ersten Klassenarbeiten zu schreiben. Doch bei tatsächlichen oder drohenden Schwierigkeiten gibt es ja schließlich die Möglichkeit, Nachhilfe zu nehmen. Sie kann Schülern nützen, Eltern beruhigen, und für Anbieter kann sie ein rentables Geschäft sein.

          Eltern geben in Deutschland jedes Jahr immerhin 879 Millionen Euro für den Nachhilfeunterricht ihres Nachwuchses aus. Rund 1,2 Millionen Kinder und Jugendliche erhalten Nachhilfe, das entspricht etwa 14 Prozent aller Schüler in Deutschland. Das hat eine Studie der Bertelsmann Stiftung aufgezeigt, die Anfang des Jahres veröffentlicht wurde. Hessen rangiert im Ländervergleich auf Platz fünf. Vor allem Hilfe in Mathematik und Fremdsprachen wird stark nachgefragt. Die Studie zeigt auch: Oftmals werden Schüler nicht wegen schlechter Noten zur Nachhilfe geschickt. Häufig wollen Eltern lediglich, dass ihre schon erfolgreichen Kinder die guten Noten auch dauerhaft halten. Sie werden also vorsorglich zur Nachhilfe geschickt.

          Stark variierende Preise

          Und es gibt einen weiteren Trend: Die Nachhilfeschüler werden immer jünger. Das bestätigt Beate Olof von der Lernhilfe. Vor allem Fünft- bis Neuntklässler nutzten die Angebote des Instituts. Aber immer öfter kämen auch Grundschüler in die Nachhilfe, „schon ab der ersten und zweiten Klasse“. Knapp fünf Prozent der Grundschüler sind es mittlerweile bundesweit. Das liege zum einen an Kindern, deren Eltern einen ausländischen Hintergrund hätten, aber auch an den Arbeitsbedingungen der Eltern, sagt Olof. Wenn Mutter und Vater arbeiten gingen, habe keiner mehr Zeit, die Kinder bei den Hausaufgaben zu unterstützen. „Hinzu kommt der Ehrgeiz der Eltern, alle auf das Gymnasium zu schicken.“

          Die Leistungsgesellschaft macht vor Sechsjährigen nicht halt. Nicht nur durch die G8-Reform fallen Freizeit und kreativer Raum für die Entfaltung der Heranwachsenden heutzutage weg. Besonders nach den Halbjahreszeugnissen merke man eine höhere Nachfrage nach Nachhilfe, sagt Olof. Und auch nach den Herbstferien, wenn die ein oder andere Vier oder Fünf unter den ersten Klassenarbeiten des Schuljahres stehe. Auch in Frankfurt tummeln sich etliche Nachhilfeinstitute auf dem Markt. Die Preise variieren dabei stark. Beim Studienkreis kosten 45 Minuten Nachhilfe in einer kleinen Lerngruppe 8,60 Euro, sofern zwei Stunden in der Woche genommen werden. Das ist der am häufigsten genutzte Tarif.

          Kontakt zu den Lehrern suchen

          Eine Möglichkeit neben den Instituten sind private Nachhilfelehrer. Sie kosten zwischen sechs und 35 Euro die Stunde. Eine günstigere oder gar kostenfreie Option sind Bekannte aus dem eigenen familiären Umfeld. Auch online gibt es inzwischen viele Angebote. Doch trotz digitalisierter Welt nutzen bislang lediglich vier Prozent der Schüler mit Nachhilfebedarf diese Variante. Das dürfte daran liegen, dass Jugendliche dort wieder allein lernen müssten. Gerade bei gravierenden Wissenslücken gilt offenbar eine echte Person vielen doch noch als sinnvollere Option.

          Am Ende stellen sich Eltern zwangsläufig auch die Frage, ob das Geld gut angelegt ist, ob es dem eigenen Kind überhaupt hilft. Die Verbraucherzentrale Hessen rät: „Betreutes Büffeln nach der Schule sollte nur vorübergehend sein und darf nicht zur Dauerkrücke und somit zur Dauerbelastung des lernenden Nachwuchses werden.“

          Auch Edith Krippner-Grimme, Landesvorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes Hessen, sieht das so: „Wenn viele Fächer betroffen sind, halten wir Nachhilfe für problematisch.“ Dann müssten Schüler und Eltern sich fragen, ob die Schulform noch die richtige sei. Um punktuelle Schwächen anzugehen, sei Nachhilfe jedoch durchaus nützlich. Wichtig sei es, dass Eltern und Schüler den Kontakt und das Gespräch mit den Lehrern suchten. Auch ein gutes Nachhilfeinstitut erkenne man daran, dass es Rücksprache mit den Lehrkräften suche.

          Druck manchmal unnötig groß

          Ältere Schüler, die Nachhilfe geben, könnten wiederum schneller einen guten Draht aufbauen als Leute aus dem Umfeld der Familie, bei dem die Emotionen eine größere Rolle spielten. Und wer sich keine Nachhilfe leisten könne, solle sich an das örtliche Sozialamt wenden, rät Krippner-Grimme. Das könne unter die Arme greifen, wenn die Schule attestiere, dass die Versetzung gefährdet sei.

          Generell müssen sich Eltern aber auch fragen, ob sie ihre Kinder nicht überfordern, wie die Experten warnen. Nach Ansicht von Krippner-Grimme ist der Druck auf Kinder manchmal unnötig groß und Nachhilfe wird gegeben, obwohl keine nötig ist. „In der Grundschule finde ich Nachhilfe schon recht übel“, sagt sie. Generell müssten Eltern Kindern vor allem vertrauen: „Die Schüler können sich sehr gut selbst einschätzen.“

          Vertraglich abgesichert

          Bei Verträgen mit Nachhilfeinstituten gilt das gleiche Motto wie überall: Immer auf das Kleingedruckte achten. Dazu rät zum Beispiel Peter Lassek von der Verbraucherzentrale Hessen. Wer nicht aufpasst, kann später Schwierigkeiten bekommen. Das gilt nach Angaben des Verbraucherschützers zum Beispiel für die Vertragslaufzeit. Im Idealfall sei ein Vertrag jederzeit kündbar, zumindest aber innerhalb von drei bis sechs Monaten. Manche Verträge verlängerten sich aber automatisch. Außerdem müssten Eltern darauf achten, ob Vorauszahlungen anfielen; diese sollten nicht zu hoch ausfallen. Denn im Insolvenzfall sei das Geld weg.

          Wichtig sei auch, dass Termine nur dann verschoben werden dürften, wenn das mit den Schülern abgesprochen werde. Ebenso sollte bei Verträgen darauf geachtet werden, ob die Entgelte auch während der Ferienzeit zu entrichten sind, wenn keine Nachhilfe in Anspruch genommen wird. In jedem Fall rät Lassek zu Probestunden. Schließlich komme es gerade bei Nachhilfe darauf an, dass die Lehrenden sich mit den Lernenden verstünden.

          Wenn der Erfolg ausbleibt, kann man auch nicht einfach aus dem Vertrag aussteigen, wie Lassek weiter erläutert. Man müsse dann nachweisen, dass die Lehrkraft unqualifiziert sei, was in der Praxis naturgemäß schwierig sei. Daher rät der Verbraucherschützer dazu, sich vorher genau über die Institute zu informieren.

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