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Hessische Wälder : Ein Wald wird geerntet

  • -Aktualisiert am

Wo gerodet wird, fallen Bäume: ein Rückweg der Waldarbeiter im Heusenstammer Forst. Bild: Rainer Wohlfahrt

Alle zwanzig Meter gibt es eine Schneise im Heusenstammer Forst. Ein Ehepaar befürchtet Raubbau. Das sei „nachhaltige Ernte“, sagt das Ministerium.

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          Wenn Volker Reuter im Heusenstammer Forst spazieren geht, fühlt er sich an seine Zeit bei der Bundeswehr erinnert. „So sah der Wald nach Panzermanövern aus“, kritisiert der pensionierte Mathematik- und Physiklehrer. Er meint damit die rund dreieinhalb Meter breiten Schneisen, die etwa alle 20 Meter in den Wald geschlagen wurden, wie etwa nördlich des Patershäuser Hofs.

          Die sogenannten Rückegassen stammen von Vollerntemaschinen, die Bäume fällen, entasten und auf die Waldwege transportieren. Zurück bleiben jede Menge Äste und junge Baumstämme. Reuter befürchtet, dass sich dadurch der Borkenkäfer ausbreitet. Zudem hinterlassen die bis zu 15 Tonnen schweren Maschinen oft tiefe Furchen im Boden. Wie stark der Untergrund verdichtet wurde, sei daran zu erkennen, dass das Regenwasser nicht ablaufe, obwohl im Heusenstammer Wald Sandboden vorherrsche. „Manche Wege sind dadurch unpassierbar“, sagt Reuter.

          Der Wald als Erholungsgebiet

          Seit seiner Pensionierung vor einem Jahr geht Reuter fast jeden Tag im Wald spazieren. Der Wald ist Erholungsgebiet für ihn. Jedenfalls erwartet er das von einem Wald. Es tue ihm in der Seele weh, zu sehen, wie er zerschnitten und ausgedünnt werde. „Früher haben Waldarbeiter einzelne Bäume rausgeholt. Jetzt kommen sie mit Maschinen, die aussehen wie Dinosaurier“, sagt er. Aufgeforstet werde auch nicht. „Wie sollen Kinder ein Gespür für die Natur bekommen, wenn sie sehen, wie hier Raubbau betrieben wird?“

          Er und seine Frau wandten sich an die Heusenstammer Ortsgruppe Schutzgemeinschaft Deutscher Wald, den Bürgermeister und das hessische Umweltministerium. Von allen Seiten erhielten sie dieselbe Botschaft: Das sei die ganz normale forstwirtschaftliche Arbeit, auch wenn sie nicht schön aussehe.. Zudem seien Baumfällungen mit Vollerntemaschinen nachhaltiger als per Hand.

          „Von Raubbau kann keine Rede sein“, sagt der zuständige Revierförster Bernhard Gerstner vom Forstamt Langen, an den sich Reuter nicht gewendet hatte. Wie viel Holz entnommen werden darf, wird laut Gerstner im sogenannten Einrichtungswerk festgelegt. „Es wird immer weniger rausgeholt als nachwächst“, sagt er. In Heusenstamm werde sogar weniger geerntet, als es das Einrichtungswerk zuließe. Aufgeforstet werde nur, um neue Baumarten einzuführen, ansonsten setze man auf natürliche Verjüngung durch die Aussaat der Bäume.

          Hessens Wälder sollen zertifiziert werden

          Zuletzt seien die Waldstücke nördlich der Kiesgrube und des Patershäuser Hofs vor mehr als einem Jahr durchforstet worden. Die Bäume dort sind zwischen 60 und 70 Jahre alt und befinden sich damit im Ausreifestadium. In dieser Phase wird der Wald alle fünf bis zehn Jahre mit Erntemaschinen durchforstet. Dabei werden Bäume entfernt, die den sogenannten Zukunftsbäumen, also Bäume mit geradem, gesunden Wuchs, die als zukunftsträchtig angesehen werden, Licht, Wasser und Nährstoffe wegnehmen.

          Dabei greift die Erntemaschine von der Rückegasse aus mit ihrem 15 Meter langen Arm den jeweiligen Baum und hält ihn fest, während sie ihn absägt. Anschließend wird er auf der Rückegasse entastet und kontrolliert niedergelegt. Bei Fällungen in Handarbeit beschädige der umgesägte Baum dagegen oft benachbarte Bäume, so Gerstner. Zudem sei das Verletzungsrisiko für die Waldarbeiter sehr hoch. Die Äste blieben auf den Rückegassen liegen, damit die Erntemaschine „wie auf einer Matratze“ darauf fahren könne. Acht jeweils 70 Zentimeter breite Reifen mit geringem Luftdruck verteilten den Druck auf den Boden zusätzlich. „Außerdem bieten sie für Insekten und andere Tiere wichtige Nährstoffe“, sagt Gerstner. Probleme durch Borkenkäfer gebe es kaum, weil es kaum noch Fichten, deren bevorzugten Wirtsbaum, gebe. Die Forstwirtschaft diene aber nicht nur der Holzgewinnung, sondern auch der Verkehrssicherung, erinnert Michael Löber, Produktionsleiter beim Forstamt Langen. Es müsse sichergestellt werden, dass keine Bäume auf angrenzende Straßen oder Grundstücke fielen.

          Mit den Einnahmen aus dem Holzverkauf würden zudem Unkosten durch Rad- und Waldwege gedeckt, die der Erholung dienten. 2015 habe Heusenstamm 200.000 Euro durch Holzverkauf erwirtschaftet, demgegenüber standen Ausgaben von 190.000 Euro. Künftig will sich Heusenstamm an höhere Naturschutzrichtlinien binden. 2015 wurde ein Zertifikat des Forest Stewartship Council (FSC) beantragt. Die FSC-Richtlinien wurden vom Weltforstrat erarbeitet und sehen unter anderem vor, dass bei erntereifen Baumbeständen, also Bäumen, die 90 Jahre und älter sind, nur noch jede zweite Rückegasse genutzt wird. Fünf Prozent der Fläche soll ganz aus der Bewirtschaftung genommen werden.

          Nach und nach soll der ganze Staatswald zertifiziert werden. 21 der 41 hessischen Forstämter sind es bereits. Für den Kommunalwald in Heusenstamm geht Löber von einer Zertifizierung im Frühjahr aus. An dem Erscheinungsbild des Waldes wird das allerdings nicht viel ändern.

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