https://www.faz.net/-gzg-7sppp

Nachbarstädte am Main : Frankfurt und Offenbach packen es - gemeinsam

  • -Aktualisiert am

Wenn zwei gemeinsam bauen: Am Offenbacher Hafen sind 178 Wohnungen mit Frankfurter Hilfe entstanden. Bild: Rainer Wohlfahrt

Die Nachbarstädte haben längst zusammengefunden - auch wenn sich das erst mit einer Kehraktion der damaligen Rathauschefs änderte. Davon profitieren beide.

          3 Min.

          Das Bild ist unvergessen: Offenbachs Oberbürgermeister Horst Schneider (SPD) greift zum Besen und kehrt die Stufen des Frankfurter Römers. Petra Roth (CDU), seinerzeit Frankfurts Oberbürgermeisterin, assistiert lächelnd ihrem benachbarten Amtskollegen. Schneider löste im Frühjahr 2007 mit der Römer-Kehr-Aktion nach der 0:3-Niederlage seines Heimatvereins, des Fußballklubs Kickers Offenbach (OFC), im DFB-Pokalspiel gegen Eintracht Frankfurt, dem Lieblingsgegner der Offenbacher, eine Wettschuld ein. Die Wette hatte Schneider mit dem Frankfurter „Tigerpalast“-Chef Johnny Klinke verabredet.

          Schneiders symbolträchtiges Straßenkehrer-Bild deuteten zwar viele Offenbacher als Unterwerfungsgeste ihrer Heimatstadt unter die vermeintlichen Herrscher im Frankfurter Römer. Doch Frankfurts Oberbürgermeisterin hielt eine gegensätzliche Interpretation bereit. Roth sagte am Römer-Kehrtag mit Blick auf die Beziehung zwischen Offenbach und Frankfurt: „Wir sind ja quasi eine Stadt. Wir müssen die Region gemeinsam entwickeln, dann sind wir unschlagbar.“

          Die Kehraktion der beiden Stadtoberhäupter Petra Roth und Horst Schneider vor dem Römer im Jahr 2007. Der Ton zwischen den Städten begann sich zu ändern.
          Die Kehraktion der beiden Stadtoberhäupter Petra Roth und Horst Schneider vor dem Römer im Jahr 2007. Der Ton zwischen den Städten begann sich zu ändern. : Bild: Nedden

          Nicht immer so partnerschaftlich

          Von der Existenz „einer Stadt“ dürften weder wohlwollende Frankfurter noch ebensolche Offenbacher derzeit sprechen. Das hat nicht so sehr seinen Grund in den rechtlichen und finanziellen Folgen einer solchen Fusion. Vielmehr ist beiderseits des Mains das Bewusstsein stark, eine eigene, eine auf weiten Gebieten dominante Stadt zu sein. Roths Diktum zeigte dennoch einen Richtungswechsel an: Frankfurt begann, Offenbach als kleineren Partner ernst zu nehmen.

          Symbole: Der Bau der EZB im Frankfurter Osten zieht die Neugestaltung des überwiegend auf Offenbacher Gemarkung liegenden Kaiserlei-Gebiets nach sich.
          Symbole: Der Bau der EZB im Frankfurter Osten zieht die Neugestaltung des überwiegend auf Offenbacher Gemarkung liegenden Kaiserlei-Gebiets nach sich. : Bild: dpa

          Zuvor war das nicht der Fall gewesen. Der Beleg: Frankfurt blockierte jahrzehntelang die Entwicklung des Offenbacher Kaiserlei-Gebiets, an der Stadtgrenze zu Frankfurt gelegen und die Gemarkungsgrenze teilweise überlappend. Mittlerweile ist das Viertel ein Areal, an dem Frankfurt nach einer einvernehmlichen Begradigung der Stadtgrenzen wirtschaftliche Chancen sieht. Dazu gehört die Ansiedlung der Niederlassung Frankfurt-Offenbach des Autoherstellers Daimler-Benz, der jetzt noch auf Offenbacher Gemarkung seinen Sitz hat. In Rede steht zudem der Bau einer mehr als 10.000 Besucher fassenden Multifunktionshalle im Kaiserlei-Gebiet, vom Frankfurter Sportdezernenten Markus Frank (CDU) favorisiert. In Offenbach jedoch findet dieses Projekt wegen der zu erwartenden Belastungen, etwa durch Autofahrer, bislang keine Zustimmung.

          Von Frankfurts Nöten profitieren

          Gleichwohl: In Oberbürgermeister Schneider fand Roth und findet Peter Feldmann (SPD), ihr Nachfolger im Oberbürgermeisteramt, einen Partner, der auf Kooperation setzt. Das unterscheidet Schneider von seinem Vorgänger Gerhard Grandke (SPD), der zwölf Jahre als Oberbürgermeister die Geschicke Offenbachs lenkte und jetzt dem Sparkassen- und Giroverband Hessen/Thüringen vorsteht. Grandke votierte im Wettbewerb der Rhein-Main-Städte gegenüber Frankfurt als Metropolstadt für Konkurrenz und wollte dem „Römer-Tanker“ mit der Wendigkeit der „kleinen Offenbach-Flotille“ entgegentreten.

          Schneider hingegen befürwortet die Kooperation mit der Nachbarstadt und hofft, von Frankfurts Stärken, aber auch dessen Nöten zu profitieren. Dieser Zugriff erweist sich vorderhand als nicht falsch. Das zeigt sich bei der Bebauung des ehemaligen Offenbacher Hafens. Auch wenn die entscheidende juristische Finte im Streit Offenbachs mit den wirtschaftsstarken Betrieben im Frankfurter Osthafen, darunter die Firmen UPS, DB Schenker und Glockenbrot, nicht den Überlegungen Schneiders, sondern seiner juristischen Berater entsprungen sein mag: Der Offenbacher Oberbürgermeister hatte den Nerv, einen monatelangen Streit mit diesen Unternehmen durchzustehen, und zugleich das Gespür, mit dem Frankfurter Magistrat eine für beide Städte verträgliche Vereinbarung niederzuschreiben. Die Folge ist sichtbar: Auf der ehemaligen Hafeninsel hat die kommunale Frankfurter Wohnungsbaugesellschaft ABG 178 Mietwohnungen errichtet.

          Rückbau des Kaiserlei-Kreisels

          Das öffnete nicht nur die Tür für die weitere Zusammenarbeit mit der kommunalen Frankfurter ABG, etwa beim Wohnungsbau auf dem ehemaligen Gelände des Druckmaschinenherstellers MAN-Roland. Dort entstehen 172 Wohnungen, darunter 50, die öffentlich gefördert werden. Auch private Investoren haben Offenbach als Wohnstandort entdeckt, ob im alten Hafen oder am Rand der Innenstadt.

          Eine entscheidende Wegmarke im wiederbelebten Zusammenwirken von Frankfurt und Offenbach ist die Umwandlung des Kaiserlei-Kreisels, vormals Deutschlands größtes Rondell. An dessen zirka 30 Millionen Euro teuren Rückbau und der Herstellung von zwei Straßenkreuzungen beteiligt sich Frankfurt mit mehr als acht Millionen Euro. Das ist allerdings kein kostspieliges Zubrot für die notleidende Frankfurter Nachbarstadt, deren Schuldenkonto eine Milliarde beträgt: Frankfurt weiß, dass künftig einige tausend Mitarbeiter der Europäischen Zentralbank vom neuen Stammhaus der EZB im Frankfurter Ostend über das Offenbacher Kaiserlei-Gebiet in den Feierabend fahren werden.

          Weitere Themen

          Backen im Lastwagen

          Konditorin mit Start-up : Backen im Lastwagen

          Die Konditorin Nanetta Ruf will zu Bioerzeugern fahren und deren Produkte an Ort und Stelle verarbeiten. Dafür geht sie finanziell ins Risiko und nimmt gern weite Wege in Kauf.

          Topmeldungen

          Winfried Kretschmann, Ministerpräsident von Baden-Württemberg, verfolgt die Rede Boris Palmers beim digitalen Landesparteitag der Grünen.

          Ausschlussverfahren der Grünen : Belastet der Fall Palmer Baerbocks Wahlkampf?

          Die Grünen wollen den Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer ausschließen. Der sieht dem Verfahren optimistisch entgegen. „Es ist gut und reinigend, wenn jetzt die ganze Palette an Vorwürfen einmal aufgearbeitet wird“, sagt er der F.A.Z.
          So winkt die Siegerin: Schottlands Regierungschefin Sturgeon am Sonntag vor dem Bute House in Edinburgh

          Schottland : London spielt Sturgeons Wahlsieg herunter

          Nach dem abermaligen Wahlsieg der Schottischen Nationalpartei drängt die Regierungschefin Nicola Sturgeon auf ein zweites Unabhängigkeitsreferendum. London will bislang nichts davon wissen.
          Israelische Sicherheitskräfte während einer Demonstration gegen den geplanten Räumungsprozess im Stadtteil Scheich Jarrah am 8. Mai

          Unruhen in Ostjerusalem : Die Angst vor der Vertreibung

          In Jerusalem gärt es seit Wochen. Die mögliche Enteignung von Palästinensern hat jetzt zu den schwersten Auseinandersetzungen seit Jahren beigetragen. Selbst Washington ermahnt die Netanjahu-Regierung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.