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Drohungen gegen Migranten : Die Sprache des Hasses

Bösartig: Ausschnitt aus einem rassistischen Drohbrief an einen Hanauer Bürger mit ausländischen Wurzeln Bild: Johanna Christner

Nach dem Terroranschlag in Hanau nimmt die Zahl rassistischer und rechtsextremer Drohbriefe zu. Adressaten sind zum Beispiel Moscheen, aber auch Privatleute werden angeschrieben.

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          Als Ali Temiz den Brief zum ersten Mal in den Händen hält, will er ihn zunächst zerreißen und wegwerfen, genau wie die Briefe zuvor. Denn es ist nicht das erste Mal, dass er ein Schreiben mit einer solchen Botschaft erhält. „Merkt ihr endlich, dass ihr in Deutschland nicht erwünscht seid“, steht in dem Brief handschriftlich und in Großbuchstaben geschrieben. „Ihr sollt euch in unserem Land nirgendwo mehr sicher fühlen.“ Dieser Drohbrief fühlt sich für Ali Temiz anders an als die Bedrohungen, die er vor fünf Jahren zum ersten Mal erhalten hat. Dieses Mal schaut Temiz direkt nach, ob es seiner Familie oben in der Wohnung gutgeht. Denn der Absender des Briefs kennt nicht nur Namen und Adresse des 32 Jahre alten Karosseriebauers. Er erhält diesen Brief nach dem 19. Februar. Der Tag, an dem in Hanau neun Menschen aus rassistischen Motiven ermordet wurden. Und weiter heißt es in dem anonymen Schreiben: „Wir hoffen, dass du und deine Brüder die Nächsten sind.“

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Temiz überlegt daraufhin, umzuziehen. Auszuwandern. „Wenn sie anfangen, Shisha-Bars anzugreifen, bin ich in Deutschland dann vielleicht fehl am Platz?“ Temiz sagt, er habe keine Angst um sich. Er habe Angst um seine Familie. Fortan schaut er regelmäßig in seinen Briefkasten und in sein E-Mail-Postfach. Nicht, weil er auf weitere Drohbriefe wartet. Sondern weil er das Schreiben der Polizei gemeldet hat. Er hat Anzeige erstattet – gegen unbekannt. Denn Hanau, sagt Temiz, dürfe sich nicht wiederholen, ob nun vor seiner Haustür oder der eines anderen. „Merkel kam nach Hanau, Schlussstrich, keiner trauert mehr, die Sache ist geklärt. Aber wir haben gar nichts geklärt.“ Dass er seit seinem Besuch bei der Polizei „abwarten“ müsse, sei für ihn unerträglich. „Was, wenn ich rausgehe und mir etwas passiert?“, fragt er. „Muss erst etwas passieren, damit Beamte alarmiert sind?“

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