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Nach Infektionen an Baustelle : Baubranche streitet über Corona-Schutz

Corona-Schutzregeln: Auch auf Baustellen muss der Mindestabstand gewahrt werden. Bild: Wolfgang Eilmes

Die Gewerkschaften kritisieren nach den 17 Infektionen am Terminal 3 des Frankfurter Flughafens die Regeln zum Schutz vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus auf Baustellen. Die Bauunternehmer fühlen sich angegriffen.

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          Die Gewerkschaften fühlen sich bestätigt: „Traurig“ sei der Fall am Frankfurter Flughafen, sagt Gerhard Citrich, Arbeitsschutzexperte der IG Bau. Aber es sei auch wenig überraschend. Am Donnerstag hatte der Flughafenbetreiber Fraport bestätigt, dass gleich 17 Beschäftigte auf der Baustelle des Terminals 3 sich mit Covid-19 angesteckt hätten. Es ist der bislang größte Corona-Fall im hessischen Baugewerbe, und das auf Deutschlands größter Baustelle.

          Falk Heunemann
          Wirtschaftsredakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Schon Tage zuvor hatte die Gewerkschaft öffentlich angemahnt, dass Regeln zum Schutz vor einer Ansteckung angeblich kaum eingehalten werden. Masken würden selten getragen, Beschäftigte drängelten sich in Bauwagen, und zur Arbeit kämen sie in vollgepackten Kleintransportern, berichtet Citrich. „Auch die Unterkünfte sind oft katastrophal.“

          In 90 Prozent der Betriebe würden keine Mängel festgestellt

          „Hier soll wegen einzelner Fälle eine ganze Branche an den Pranger gestellt werden“, sagt Rainer von Borstel, Hauptgeschäftsführer des Verbands der baugewerblichen Unternehmer in Hessen. „Das ärgert mich.“ In 90 Prozent der Betriebe würden keine Mängel festgestellt. Kein Unternehmer habe schließlich Interesse daran, dass seine Baustelle wegen einer Corona-Infektion stillgelegt werden müsse, schon daher werde in der Regel auf die Einhaltung der Schutzvorgaben geachtet. So hätten viele Chefs inzwischen die Baukolonnen so eingeteilt, dass immer die gleichen Beschäftigten unterwegs seien. Sollte es zu einer Infektion kommen, müsste nur dieses Team in Quarantäne, nicht die gesamte Belegschaft. Und statt in Kleintransportern reisten die Mitarbeiter zunehmend mit eigenen Autos an. Dass es dennoch zu Infektionen komme, könne man aber nunmal nicht ausschließen, erst recht, wenn viele aus dem Urlaub zurückkämen.

          Die Infektionen am Frankfurter Flughafen wurden bekannt, nachdem ein Mitarbeiter am vergangenen Wochenende Symptome verspürt und sich daraufhin bei seinem Arbeitgeber gemeldet hatte. Unmittelbar darauf habe man all jene Kollegen, die mit ihm in Kontakt standen, im Medical Center des Flughafens getestet, berichtete ein Sprecher des Flughafenbetreibers Fraport. Von den 205 Untersuchten seien dann weitere 16 Infizierte festgestellt worden. Alle Kontaktpersonen seien „bis auf weiteres in häuslicher Quarantäne“. Auf der Baustelle des entstehenden Terminals 3 sind rund 2200 Bauarbeiter beschäftigt. „Der Fall zeigt, dass die vordefinierten Prozesse greifen“, sagte der Fraport-Sprecher. Das Unternehmen hatte die Infektionen nicht von sich aus berichtet, sondern erst auf Nachfrage der F.A.Z. bestätigt.

          „Die Beschäftigten leben in einem Elend“

          Die Gewerkschaft nimmt den Vorfall zum Anlass, bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten zu fordern. So sollten die Bauarbeiter nicht mehr in Sammelunterkünften untergebracht werden, sondern in Corona-Zeiten Einzelzimmer erhalten. Zum Teil fehle es an fließendem Wasser. Und statt behelfsmäßiger Dixi-Klos müsse es richtige Waschräume und Toiletten geben. „Die Beschäftigten leben in einem Elend, das sie oft gar nicht anders kennen“, sagt Gewerkschafter Citrich.

          Offenbar werden die Baustellen auch nicht intensiv kontrolliert. Unternehmerverband wie Gewerkschaft bestätigen, dass die Kontrollfrequenz in Corona-Zeiten nicht erhöht wurde, weder von der Berufsgenossenschaft der Branche noch von den Behörden. Die Aufsichtsstellen selbst arbeiten derzeit nur eingeschränkt und mit Homeoffice, zudem mangelte es ihnen schon lange vor Corona an Kontrollpersonal.

          Der Unternehmerverband warnt nun davor, aus dem Fraport-Fall ein Branchenproblem zu machen. Tatsächlich sind in dem Gewerbe, das 65.000 Hessen beschäftigt, keine größeren Infektionsherde bekanntgeworden. Verbandsgeschäftsführer von Borstel vermutet, dass der Gewerkschaft der Fall derzeit ganz recht kommt: Ende August steht ein Treffen im festgefahrenen Tarifstreit an, bei dem ein unabhängiger Richter schlichten soll. „Es entsteht der Eindruck, dass die Gewerkschaft zuvor noch die eigene Verhandlungsposition stärken will.“

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