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Messe Frankfurt nach IAA-Aus : Wohnen statt ausstellen?

Nach der IAA: Hat die Messestadt Frankfurt eine Zukunft? Bild: Picture-Alliance

Nach dem IAA-Aus haben Projektentwickler bereits konkrete Vorstellungen zur Frankfurter Messe. Doch die Stadt schließt einen Umzug oder Verkleinerung aus.

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          Was wird aus der Messestadt Frankfurt ohne die Internationale Automobil-Ausstellung IAA? Mit seiner Absage hat der Verband der Automobilindustrie, der die Traditionsmesse seit 1951 in Frankfurt ausgerichtet hat, die Ausstellung mit den meisten Besuchern aus Frankfurt abgezogen. Das sorgt in der lokalen Wirtschaft und besonders in der Hotel- und Gastronomiebranche für Unsicherheit. Die städtische Messegesellschaft sucht fieberhaft nach einem Ersatz für die große Auto-Show, die alle zwei Jahre in Frankfurt stattfand und zuletzt 560.000 Besucher angezogen hat.

          Rainer Schulze

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Findet sich kein Ersatz, wäre das Messegelände deutlich schlechter ausgelastet als bisher. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, ob die Messe auch verkleinert oder sogar verlagert werden könnte. Der Projektentwickler Philipp Feldmann hält einen Umzug angesichts der zunehmenden Spannungen auf dem Wohnungsmarkt für strategisch geboten. „In einer Zeit, in der immer mehr Menschen in der Stadt leben wollen, muss man die Kosten abwägen. Wir brauchen mehr Platz für die Menschen in der Stadt.“ Feldmann befasst sich an der Uni Regensburg mit der Entwicklung neuer Quartiere. „Wir sollten die Weichen für die Stadtentwicklung in den nächsten Jahrzehnten stellen“, meint er. Anders als Wohnungen könne eine Messe auch Verkehrslärm vertragen und wäre daher an der Autobahn oder unter der Einflugschneise ebenfalls gut aufgehoben. Das Messegelände sei für eine solche Nutzung viel zu wertvoll. „Die Frankfurter würden sich freuen, wenn sie dort wohnen könnten.“

          Feldmann stößt auf Widerstand

          Im Planungsdezernat rennt Feldmann mit seiner Idee keine offenen Türen ein. „Die Stadt hat sich mehrfach gegen einen solchen Weg entschieden“, sagt der Sprecher von Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Er erinnert daran, dass bei der Entwicklung des Europaviertels auch Erweiterungsflächen für die Messe vorgesehen wurden. In den vergangenen Jahren wurde mit dem Bau der Messehalle 12 und einem neuen Eingangsgebäude im Westen in den Standort investiert. „Eine Verlagerung vernichtet Wirtschaftswerte“, sagt der Sprecher. Dafür gebe es auch keinen Grund, denn die Frankfurter Messe sei als einzige in Deutschland profitabel.

          Bild: F.A.Z.

          Immer wieder wird die These aufgestellt, dass die großen Publikumsmessen ihren Zenit überschritten hätten, die Besucherzahlen seien rückläufig. Statistisch lässt sich ein solcher Schrumpfungsprozess für Frankfurt nicht deutlich belegen. Auf der Buchmesse wurden im vergangenen Jahr so viele Gäste gezählt wie lange nicht mehr. Die Besucherstatistik der Messe lässt den Schluss, dass das Messegeschäft im Niedergang sei, nicht zu (siehe Grafik). Die Zahlen zeigen allerdings, wie stark sich die IAA auf das Gesamtergebnis auswirkt. Der Wegzug der publikumsstärksten Messe wird nicht einfach zu verkraften sein.

          Doch wie stark ist das Gelände tatsächlich ausgenutzt? Bis zu 280 Veranstaltungen finden jährlich auf dem Frankfurter Messegelände statt. Der Sprecher der Messe erläutert, dass bei der IAA nie alle Hallen mit allen Ebenen ausgelastet gewesen seien. Große Eigenveranstaltungen wie die Ambiente, die Automechanika oder die Sanitärmesse ISH benötigten das gesamte Areal, andere konzentrierten sich auf den östlichen oder westlichen Teil des Geländes. Das Areal sei bewusst so gestaltet worden, dass im Ost- und Westteil Veranstaltungen unabhängig voneinander stattfinden können. „Die Multifunktionalität des Geländes macht alle Hallen für kleine und große Veranstaltungen attraktiv, so dass oft drei, vier oder fünf Veranstaltungen parallel auf dem Gelände stattfinden können“, sagt der Sprecher. „Wir brauchen auch weiterhin das gesamte Messegelände.“

          Verkleinerung der Messe wohl logistisch schwierig

          Es ist offenbar auch wegen der Organisationabläufe nicht leicht, einzelne Hallen für den Wohnungsbau zu opfern. Einige Hallen sind zwar in die Jahre gekommen. Andere wie die 250 Millionen Euro teure Halle 12 wurden erst kürzlich eröffnet. Als Nächstes soll die Halle 5 neu gebaut werden. Auch für den Leiter des Stadtplanungsamts, Martin Hunscher stellt sich „theoretisch“ die Frage, ob noch alle Hallenflächen bespielt werden können. Eine Verkleinerung der Messe sei logistisch aber schwierig, weil die Ränder mit den neuesten Hallen besetzt seien. Eine komplette Verlagerung lehnt Hunscher ab: Im Wettbewerb mit anderen Standorten sei es für die Frankfurter Messe ein strategischer Vorteil, dass das Ausstellungsgelände vom Hauptbahnhof aus fußläufig zu erreichen sei.

          Vor etwas mehr als einem Jahr hatte auch der Architekt Magnus Kaminiarz eine Verlagerung der Messe ins Spiel gebracht. Er schlug damals vor, das für eine Bebauung vorgesehene Gelände am nordwestlichen Stadtrand an der A5 mit dem innerstädtischen Messeareal zu tauschen. Es gäbe weniger Verkehr, weil die Bewohner des Baugebiets nicht pendeln und die Zulieferer der Messe gar nicht erst in die Innenstadt fahren müssten. Das an etablierte Wohnviertel grenzende Messegelände hielt auch der inzwischen gestorbene Architekt für prädestiniert für den Wohnungsbau.

          Kaminiarz’ Vorschlag wurde rundweg abgelehnt. Der Geschäftsführer der Frankfurter ABG Holding erinnerte an die hohen Werte, die bei einer Verlagerung vernichtet würden. „Eine Verlagerung der Messe wäre ein Desinvest in Milliardenhöhe“, sagte Frank Junker damals. Die Wohnungspreise würden dadurch in die Höhe getrieben.

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