https://www.faz.net/-gzg-9317g

Nach dem Goetheturm-Brand : Wie eine Fackel

Raub der Flammen: Der Goetheturm am Rande des Frankfurter Stadtwalds Bild: dpa

Nach dem Brand des Frankfurter Goetheturms ruht die Hoffnung der Ermittler auf der modernen Kriminaltechnik. Wie lange die gesamte Auswertung des Goetheturms noch dauert, ist unklar.

          5 Min.

          Als die Brandermittler am Morgen in den Stadtwald kamen, waren die Glutnester noch heiß. Nichts war mehr übrig von dem Turm, der nun, da er nicht mehr ist, plötzlich so vielen Frankfurtern fehlt. An jenem Morgen kämpften sich die Polizisten durch diese unheimliche Szenerie, den beißenden Geruch nach frisch verbranntem Holz in der Nase, auf der Suche nach Antworten, was sich an diesem Ort in tiefster Nacht abgespielt haben mag. Und obwohl es noch keinen Beweis dafür gab, noch keine stichhaltige Spur, war für die erfahrenen Beamten in diesem Moment klar, dass das Ausmaß an Zerstörung mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht zufällig entstanden ist. Und auch, dass es nicht einfach wird, diese Vermutung zu belegen.

          Katharina Iskandar

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wäre das Drama um den Goetheturm ein Fernsehfilm, wäre es ganz einfach. Die Ermittler würden schaufelweise Asche und andere Überreste des Turms in kleine Tüten verpacken, sie ins Labor bringen, wo schon gewiefte Wissenschaftler in weißen Kitteln warten, um die Proben sogleich in eines ihrer schlauen Analysegeräte zu geben, um kurze Zeit später das Ergebnis in den Händen zu halten: Brandstiftung, ganz eindeutig. Nicht nur das: Die Wissenschaftler würden auf einen Blick sehen, dass der am Goetheturm benutzte Brandbeschleuniger nicht zum ersten Mal für kriminelle Zwecke eingesetzt worden war. Sondern auch bei den Pavillons in Frankfurts Koreanischem Garten und im Bethmannpark sowie am Atzelbergturm bei Kelkheim. In der Fiktion wäre alles so einfach.

          Mit modernsten Geräten

          Doch in der Realität sind gerade Brandserien schwer nachzuweisen und stellen die Ermittler vor enorme Herausforderungen, sofern der Täter keine eindeutigen Hinweise hinterlässt. Jede einzelne Tat für sich betrachtet ist auch mit modernsten Geräten in den kriminaltechnischen Laboren nicht unbedingt als krimineller Akt zweifelsfrei nachzuweisen. Auch für die erfahrensten Wissenschaftler nicht.

          Das weiß auch Silke Cox. Sie leitet im Bundeskriminalamt (BKA) den Fachbereich „Brand und Raumexplosionen“. Sie zählt zu den Koryphäen auf diesem Gebiet und wird tätig, wenn der Generalbundesanwalt ermittelt oder die Taten so komplex sind, dass die örtliche Polizei um Unterstützung bittet. Die Achtundfünfzigjährige kann nicht mehr zählen, wie viele Brandorte sie in ihrer Laufbahn schon gesehen hat. Aber sie erinnert sich an jeden. Etwa an das Haus in Ludwigshafen, in dem vor allem türkische Familien lebten und in dem 2008 ein so verheerendes Feuer ausgebrochen war, dass neun Menschen starben. Cox hatte sich wochenlang mit diesem Brand befasst, hatte sich mehrfach in der Ruine umgesehen, um Vermutungen nachzugehen, es könne sich um einen politisch motivierten Anschlag handeln. Das erschien aber nach näherer Untersuchung der Brandspuren zunehmend unwahrscheinlich und konnte am Ende nicht belegt werden. Cox war auch Gutachterin in dem Mordprozess um Maria P., einer jungen Frau aus Bayern, die von ihrem Freund in einem Waldstück angezündet wurde. Die Aussage des Beschuldigten, der Tod sei ein Unglück gewesen und durch einen zufälligen Funken aus einem Feuerzeug heraus entstanden, hatte Cox widerlegen können, nachdem sie mehrere Versuche unternommen hat. Sie hatte sich feuchtes Laub besorgt, wie an jenem Tag im Wald, es in eine große Wanne gelegt, ein Stück Jeans präpariert, um die Kleidung des Opfers nachzubilden, das eine Jeansjacke trug. Dann hat sie Benzin darübergegossen und geschaut, ob tatsächlich ein Funke ausgereicht hätte, die Frau in Brand zu setzen. Er reichte nicht. Cox wies nach, dass der später verurteilte Freund nahe dran gestanden haben muss, während er die junge Frau in Flammen setzte.

          Doch so fortgeschritten die kriminaltechnischen Möglichkeiten inzwischen sind, so eng gesetzt sind die Grenzen, die es gibt, die Arbeitshypothesen durch wissenschaftliche Ergebnisse nachzuweisen – und sie somit auch für eine mögliche Gerichtsverhandlung verwertbar zu machen. Daher ist die Spurensuche am Tatort essentiell. Cox sagt, wenn man an einen Brandort komme, wisse man erst einmal nichts. Man müsse immer die Verhältnisse betrachten. „Was sehen wir? Was finden wir? Erst dann kommt die Frage: Was könnte geschehen sein?“

          Weitere Themen

          Von Goethe bis Ebbel Video-Seite öffnen

          Quiz zu 75 Jahre Hessen : Von Goethe bis Ebbel

          Die Hessen haben ein Lieblingsgetränk, ihr Bundesland hat eine geographische Mitte und große Namen spielen eine Rolle und das Land hat Nachbarn. Ein Quiz zum 75. Jahrestag der Gründung des Bundeslands in Deutschlands Mitte.

          Topmeldungen

          Spontane Proteste gegen die Einschränkungen des öffentlichen Lebens in Madrid am Freitagabend.

          Corona in Spanien : Die Angst vor dem Notlazarett

          Die Infektionszahlen in der spanischen Hauptstadt explodieren und die Verwaltung weiß sich nur mit selektiven Ausgangssperren zu helfen. Das öffentliche Leben wird für einen Teil der Bevölkerung drastisch eingeschränkt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.